Fußball

Abpfiff, Abstieg, Abgemeldet Was von der DDR-Oberliga übrig ist

In Leipzig feiern Funktionäre und ehemalige Spieler den 20. Jahrestag der deutschen Fußballvereinigung. Und DFB-Präsident Theo Zwanziger räumt ein, das im Osten nicht alles prima läuft. Was ist eigentlich aus den Teams der ehemaligen DDR-Oberliga geworden? Ein Überblick.

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Hans Meyer hatte als Trainer in der DDR-Oberliga und der Bundesliga Erfolg.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Der Ball ist rund. Diese Weisheit galt auch für den Fußball in der DDR. Die Bundesliga hieß Oberliga, angefeuert wurde schon einmal mit "8, 9, 10 – Klasse", aber die Spiele dauerten auch hier 90 Minuten, ungefähr - bis der Schiedsrichter abpfiff. Der Robert Hoyzer hieß Erich Mielke und hatte etwas mehr Macht. Am Ende hieß der Meister meist BFC Dynamo oder Dynamo Dresden – was nicht verwunderte, schließlich stand Dynamo für die "Trägerbetriebe" der Volkspolizei, des Zolls und natürlich für die Staatssicherheit, der Erich Mielke mehr als 30 Jahre vorstand. Der BFC Dynamo wurde 10 Mal Fußballmeister der DDR (von 1979 bis 1988 in Folge, was nicht einmal Bayern München geschafft hat), Dynamo Dresden immerhin 8 Mal.

In der ersten Oberliga-Saison 1949/50 spielten die "Dynamos" aber noch keine Rolle. Damals holte die ZSG Horch Zwickau den Titel. Platz zwei ging an die SG Dresden-Friedrichstadt, Rang drei an Waggonbau Dessau. In der 14 Mannschaften umfassenden höchsten Fußball-Spielklasse der DDR gab es zudem so klangvolle Namen wie Märkische Volksstimme Babelsberg, Anker Wismar, Franz Mehring Marga oder Hans Wendler Stendal. In den darauf folgenden Jahren gab es zahlreiche Umbenennungen der Vereine, um den Sportgemeinschaften einen sozialistischen Touch zu verleihen. Der Betriebsfußball war in aller Munde, Betriebssportgemeinschaften, kurz BSG, traten an die Stelle der Sportclubs. Bürgerliche Tradition galt nichts mehr. Wie ein Verein hieß, hing von seinem Trägerbetrieb ab. Von Aktivist (Bergbau) bis Wismut (Bergbau) war alles vertreten.

SG, BSG, FC

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Der FC Carl Zeiss Jena hieß nicht immer so, sondern immer mal wieder.

Manche Vereine gerieten dank ihrer Funktionäre sogar in eine Umbenennungsorgie: Der heutige FC Carl Zeiss Jena, beheimatet in Thüringen, ging aus dem 1. Jenaer SV 03 hervor. Aus dem wurde dann SG Ernst Abbe Jena (1945), SG Stadion Jena (1948), BSG Carl Zeiss Jena (1951), danach BSG Motor Jena, ab 1954 SC Motor Jena und ab 1966 dann FC Carl Zeiss Jena. Meist waren die Umbenennungen von oben verordnete Akte, weil der Tragerbetrieb wechselte (aus Einheit Meerane wurde beispielsweise Fortschritt Meerane). Als der TSC Berlin wegen der FC-Gründung 1966 einen neuen Namen erhalten sollte, wurde allerdings eine Zeitungsumfrage gestartet: Herauskam der 1. FC Union Berlin. Eisern Union eben.

Die Eisernen, die derzeit in der 2. Fußball-Bundesliga spielen, waren auch die Fahrstuhlmannschaft des DDR-Fußballs, gewissermaßen der VfL Bochum oder der 1. FC Nürnberg des Ostens. Fünf Aufstiegen stehen sechs Abstiege gegenüber. Chemie Leipzig, Hansa Rostock und der HFC Chemie kamen immerhin auf je fünf Auf- und Abstiege. Lok Stendal schaffte vier Mal den Aufstieg in die höchste Spielklasse der DDR, stieg aber auch fünf Mal ab. Genau andersherum lief es bei Energie Cottbus. Stahl Riesa und Rot-Weiß Erfurt feierten je vier Mal den Aufstieg und haderten ebenso je vier Mal mit dem Abstieg.

Hansas kurzer Glücksmoment

Die Fahrstuhl-Mannschaft aus Rostock schaffte dann das Kunststück, in der Oberliga-Saison 1990/91 ganz oben zu stehen und damit letzter Meister eines Landes zu werden, das es gar nicht mehr gab. Deshalb wurden sie NOFV-Meister – vor Dynamo Dresden, Rot-Weiß Erfurt, dem Halleschen FC Chemie, dem Chemnitzer FC und dem FC Carl-Zeiss Jena.

 Verein    aktuelle Liga
   1.FC Hansa Rostock  26 44:2535-17 3. Liga
   2.1. FC Dynamo Dresden  26 48:2832-20 3. Liga
   3.FC Rot-Weiß Erfurt  26 30:2631-21 3. Liga
   4.HFC Chemie  26 40:3129-23 Regionalliga Nord
   5.Chemnitzer FC  26 24:2329-23 Regionalliga Nord
   6.FC Carl Zeiss Jena  26 41:3628-24 3. Liga
   7.1. FC Lok Leipzig  26 37:3328-24 Oberliga Süd
   8.BSV Stahl Brandenburg  26 34:3127-25 Brandenburgliga
   9.Eisenhüttenstädter FC Stahl  26 29:2526-26 Brandenburgliga
 10.1. FC Magdeburg  26 34:3226-26 Regionalliga Nord
 11.FC Berlin  26 25:3922-30 Oberliga Nord
 12.FC Sachsen Leipzig  26 23:3822-30 Oberliga Süd
 13.FC Energie Cottbus  26 21:3816-36 2. Liga
 14.FC Victoria Frankfurt  26 29:5413-39 Brandenburgliga

Es war die letzte offizielle Oberliga-Saison. Die Wiedervereinigung nahm auch im Fußball ihren Lauf. Mehr als 4400 Fußballvereine der DDR wurden vom DFB aufgenommen. Nur acht schafften den direkten Sprung in die beiden Profiligen. Die berühmt-berüchtigte "2+6"-Regel kam zur Anwendung. Hansa Rostock und Dynamo Dresden spielten in der Saison 1991/92 in der 1. Fußball-Bundesliga. Statt der geplanten Reduzierung auf 16 Clubs stockte die Bundesliga von 18 auf 20 Vereine auf. Allerdings gab es in dieser Saison auch vier Absteiger, sodass 1992/93 wieder die Mannschaftsstärke in der 1. Liga bei 18 Teams lag.

Die 2. Bundesliga fuhr für diese eine Saison zweigleisig – mit den ehemaligen DDR-Vereinen Rot-Weiß Erfurt, Chemnitzer FC, FC Carl Zeiss Jena, VfB Leipzig und Hallescher FC in der Süd- und Stahl Brandenburg in der Nordstaffel. Ab Mitte der Saison wurde in Playoffs um Auf- und gegen den Abstieg gespielt. Schon 1992/93 erfolgte die Rückkehr zur Eingleisigkeit mit immerhin 24 Teams.

Der Westen unter sich

Hansa Rostock gewann zwar beide Saisonspiele gegen den FC Bayern München mit 2:1, stieg aber trotzdem sofort wieder aus der 1. Bundesliga ab. Aus der 2. Liga verabschiedeten sich ebenfalls nach nur einer Saison Stahl Brandenburg sowie Erfurt und Halle. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung spielt in der 1. Fußball-Bundesliga kein ehemaliger Oberliga-Klub mehr. In der 2. Fußball-Bundesliga sind nur drei ehemalige DDR-Teams übrig geblieben: Energie Cottbus, derzeit auf einem Aufstiegsrang, Erzgebirge Aue und Union Berlin.

Das Gros der ehemaligen Oberliga-Klubs spielt im deutschen Profi-Fußball keine Rolle. In der 3. Liga kickt Hansa Rostock gemeinsam mit Dynamo Dresden, Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena. Rostock ist in der vergangenen Saison abgestiegen und steht derzeit auf einem direkten Aufstiegsplatz. Dresden befindet sich immerhin noch im oberen Drittel der Tabelle, Erfurt im Mittelfeld. Jena rangiert auf einem Abstiegsplatz. Dem Europacup-Finalisten von 1981, damals mit Trainer Hans Meyer, und DFB-Pokalhalbfinalisten von 2008 droht damit der Absturz in die Regionalliga Nord, in der bereits der Chemnitzer FC spielt (Tabellenführer) sowie der Hallesche FC (oberes Drittel) und der einzige ostdeutsche Europapokalsieger 1. FC Magdeburg. Der FCM gewann 1974 den Pokal der Pokalsieger. Auch dank Jürgen Sparwasser, der im selben Jahr auf Vorbereitung von Erich "Ete" Hamann das 1:0-Siegtor gegen den späteren Weltmeister BRD schoss. Es blieb das einzige Aufeinandertreffen der beiden deutschen Teams. Die DDR hat damit gegen die BRD – wie auch gegen den amtierenden Weltmeister Spanien und Ex-Weltmeister Frankreich – eine positive Länderspiel-Bilanz. Aber das nur am Rande.

Viel Tradition, wenig Erfolg

... das bei der DFB-Elf schlechte Erinnerungen wachruft: 1974 verlor das spätere Weltmeisterteam im einzigen innerdeutschen Vergleich gegen die DDR mit 0:1. Torschütze Sparwasser jubelt.

Jürgen Sparwassers Tor zum 1:0-Sieg der DDR über den späteren Weltmeister BRD bei der WM 1974 war einer der größten Momente des DDR-Fußballs.

Auch Lok Leipzig kann ein Europacupfinale vorweisen: 1987 im Cup der Pokalsieger. Erst gegen Ajax Amsterdam war die Erfolgsserie der Blau-Gelben beendet. Im Halbfinale hatte Torhüter Rene Müller das Elfmeterschießen gegen Girondins Bordeaux fast im Alleingang entschieden. Heute spielen die Messestädter in der Oberliga Süd, in der 5. Liga. Gemeinsam mit dem Erzrivalen Sachsen Leipzig (ehemals Chemie Leipzig). Das Derby der beiden Vereine hat auf lokaler Ebene in etwa den gleichen Stellenwert wie Schalke gegen Dortmund. In der Oberliga Nord versucht der BFC Dynamo an alte erfolgreiche Zeiten anzuknüpfen – bisher erfolglos, er rangiert im unteren Tabellendrittel.

Am schlimmsten hat es von den Oberligisten von einst aber den Eisenhüttenstädter FC Stahl, Stahl Brandenburg und den FFC Viktoria erwischt: Verbandsliga Brandenburg, will heißen 6. Liga. Derzeit geben die jeweiligen Tabellenpositionen auch wenig Hoffnung auf Besserung.

Viele Talente, wenig Tradition

Das Problem aller ehemaligen Oberligaklubs ist der zu frühe Weggang der zahlreichen Talente. Weil die sportliche Perspektive zumeist fehlt, suchen sie ihr Glück bei anderen, meist höherklassigen Vereinen. Das beste Beispiel dafür heißt Nils Petersen. Der 1988 in Wernigerode geborene deutsche U-Nationalspieler besuchte das Jenaer Sportgymnasium, kickte seit 2005 für Carl Zeiss und wechselte 2009 von dem Drittligisten zum damaligen Erstligisten Energie Cottbus. Bei Energie ist er Stammspieler und führt derzeit die Torjägerliste der 2. Liga an. Er könnte in absehbarer Zeit neben Toni Kroos (über Greifswald, Hansa Rostock zum FC Bayern) und Rene Adler (Bayer Leverkusen) der dritte Nationalspieler aus Ostdeutschland werden im Kader von Bundestrainer Jogi Löw. Zum Vergleich: Bei der WM 2006 standen mit Robert Huth, Tim Borowski, Michael Ballack und Bernd Schneider vier Ostdeutsche Im Kader. 2002 waren es sogar fünf.

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Nils Petersen stürmt für Energie Cottbus und ist derzeit bester Zweitligatorjäger.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auch beim Wechsel des Erfurter Sturmtalents Carsten Kammlott spielten sportliche Gründe eine Rolle. Er verließ den Drittligisten Rot-Weiß, um in dieser Saison für den Viertligisten RB Leipzig zu spielen. Klingt komisch, ist es aber nicht. Denn hinter RB Leipzig verbirgt sich Rasenballsport Leipzig. Der Retortenverein ist neben Bayern München und der TSG Hoffenheim der derzeit wohl meistgehasste Fußballklub Deutschlands. RB Leipzig gibt es erst seit 2009, als der österreichische Getränkehersteller Red Bull unter Führung von Dietrich Mateschitz beim SSV Markkranstädt einstieg, einem Leipziger Stadtrandverein. Einige Jahre zuvor war er beim Versuch den Traditionsklub Sachsen Leipzig zu übernehmen am Veto des DFB und am Unmut der Fans gescheitert.

2030: "6+2"?

Nun versucht RB mit altgedienten Bundesligaprofis wie Ingo Hertzsch (Eintracht Frankfurt, HSV, Leverkusen) oder Nico Frommer (Frankfurt, Stuttgart, Mönchengladbach) und jungen Talenten wie Fabian Franke (zuvor Sachsen Leipzig und HSV) oder Maximilian Watzke (früher Leipzig und 1. FC Magdeburg) dem Beispiel Hoffenheims zu folgen und "von unten nach oben" durchzustarten. "Wir wollen dabei helfen, dem Fußball in dieser Region wieder den Stellenwert zu geben, den er verdient", sagt Mateschitz zwar.

Ob der Klub trotz Erfolgs die Gunst der Fans im fußballverrückten Leipzig gewinnen kann, bleibt abzuwarten. Auf mittelfristige Sicht ist RB Leipzig aber wegen der enormen zur Verfügung stehenden Geldmittel wohl der einzige Verein aus der Ex-DDR, der langfristig im deutschen Profifußball erfolgreich sein kann – Tradition hin oder her. Dynamo Dresden hat es bisher nicht geschafft, Erzgebirge Aue und Hansa Rostock auch nicht, auf Dauer sich im deutschen Profifußball durchzusetzen und an alte DDR-Erfolge anzuknüpfen. Energie Cottbus versucht es derzeit.

Mal sehen, ob es in 20 Jahren statt "2+6" wie 1991 oder "0+3" wie derzeit dann vielleicht "6+2" heißt. Zu wünschen wäre es den Fußballfans im Osten der Republik auf jeden Fall.

Quelle: n-tv.de