Fußball

Schnellcheck Deutschland-Island Wenn die "Jungs" nur immer "Bock" hätten

Eine wie ausgewechselt aufspielende DFB-Elf zeigt, was in ihr stecken kann: Joshua Kimmich überragt im Mittelfeld, Leroy Sané läuft und dribbelt Gegnern Knoten in die Beine und İlkay Gündoğan trifft und trifft. Und gemeinsam setzt das Team das wichtigste Zeichen.

Was ist in der Schauinsland-Reisen-Arena passiert?

Das war er also, der Anfang vom Ende für Joachim Löw. Im ersten Spiel nach dem angekündigten Rücktritt (nach der EM im Sommer) sollte gleich Vielfaches gelingen. Natürlich ein erfolgreicher Auftakt in die WM-Qualifikation für das Turnier 2022 in Katar. Dazu auch eine gelungene Leistung, die sich als Wegweiser für die Europameisterschaft im Juni deuten lässt und das Selbstvertrauen für das Turnier stärkt. Und es sollte die schwere Last des 0:6-Debakels in Spanien endlich abgeschüttelt werden.

Das letzte Spiel aus dem Jahr 2020 war vor der Partie gegen Island noch immer Gesprächsthema. Es war zwar die einzige Niederlage des vergangenen Kalenderjahres, aber zur Erinnerung: Letztmals hatte eine deutsche Mannschaft 1931 gegen Österreich mit 0:6 verloren. Die DFB-Elf stand also unter Druck, ein überzeugendes Ergebnis musste her - auch um die immer kritischer werdenden Fans wieder hinter sich zu bringen.

imago1001629862h.jpg

Wichtiges Zeichen der DFB-Elf.

(Foto: imago images/Ulrich Hufnagel)

DFB-Direktor Oliver Bierhoff forderte deshalb die Mannschaft auf, "ein Zeichen zu setzen". Nun, die Chance auf ein ganz besonderes Signal nutzte die Nationalelf bereits vor dem Anpfiff, indem sie "HUMAN RIGHTS" (Menschenrechte) auf ihren T-Shirts buchstabierte. Schon gestern hatte die norwegische Nationalmannschaft zum Auftakt der Qualifikation für das umstrittene Turnier in Katar ein Zeichen für Menschenrechte und gegen das Unrecht im Wüstenstaat gesetzt. Erling Haaland und Co. hatten sich ihre Trainingsjacken vom Körper gerissen und bei der Nationalhymne stolz eine deutliche WM-Botschaft entsandt: "Menschenrechte - auf und neben dem Platz", stand auf ihren Shirts.

Mit der Aktion könnte die DFB-Elf sicher auch einige Fans für sich gewinnen. In einer vom "Spiegel" in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage hatte sich gerade erst eine deutliche Mehrheit (83 Prozent) gegen die Austragung der WM 2022 in Katar und für einen Endrunden-Boykott (61 Prozent) der deutschen Nationalmannschaft ausgesprochen. Mehr als 81 Prozent der Umfrage-Teilnehmer wünschten sich zudem ein größeres Engagement des Verbandes bei dem Thema.

Nun, beim Thema Engagement hoffte Löw ("drei Spiele absolvieren, drei Siege"), dass ein Bayern-Block eine erstarkte DFB-Elf hervorbringen würde und setzte nach dem Ausfall von Toni Kroos auf die Schaltzentrale mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka. Vorne sollte Serge Gnabry und Leroy Sané wirbeln, dazu natürlich der formstärkste Kicker der Mannschaft in İlkay Gündoğan von Manchester City. Timo Werner musste seinem Chelsea-Teamkollegen Kai Havertz Platz machen. Auch die erstmals nominierten Teenager Jamal Musiala (18) und Florian Wirtz (17) durften zunächst Ersatzbankluft schnuppern. Und immerhin konnte gespielt werden, das bedurfte heute auch einer Meldung: Aufgrund des Coronafalls von Jonas Hofmanns war bis zum Nachmittag noch gar nicht klar, ob die Partie angepfiffen werden konnte.

Ein Geschenk wollte die Mannschaft Löw machen, wie vor der Partie mehrere Spieler gesagt hatten. Natürlich mit einem guten EM-Turnier und einem starken Start in die Länderspiel-Saison. Das glückte der wie ausgewechselt aufspielenden Nationalelf voll und ganz. Mit einem dominanten 3:0 (2:0) besiegte sie Island, sodass sich der neue RTL-Experte Uli Hoeneß zu Komplimenten hinreißen ließ: "Von der ersten Minute an wurde Vollgas gespielt. Das macht richtig Spaß, zuzuschauen." Es war der 17. WM-Quali-Sieg in Serie: DFB-Rekord.

Schema

Deutschland: Neuer/Bayern München - Klostermann/RB Leipzig, Ginter/Borussia Mönchengladbach, Rüdiger/FC Chelsea, Can/Borussia Dortmund - Kimmich/Bayern München - Goretzka/Bayern München ab 71. Neuhaus/Borussia Mönchengladbach, Gündoğan/Manchester City - Havertz/FC Chelsea ab 79. Musiala/Bayern München, Gnabry/Bayern München ab 86. Younes/Eintracht Frankfurt, Sané/Bayern München ab 79. Werner/FC Chelsea. - Trainer: Löw

Island: Halldorsson/Valur Reykjavik - Sampsted/FK Bodö Glimt , Ingason/PAOK Saloniki, Arnason/Vikingur Reykjavik, Magnusson/ZSKA Moskau - Gunnarsson/Al Arabi Doha - Bjarnason/Brescia Calcio, Sigurjonsson/CFR Cluj ab 40. Albert Gudmundsson/AZ Alkmaar, Palsson/Darmstadt 98 ab 89. Skulason/KV Oostende, Traustason/New England Revolution ab 71. Sigurdsson/ZSKA Moskau - Bödvarsson/FC Millall ab 89. Sigtorsson/IFK Göteborg. - Trainer: Vidarsson

Schiedsrichter: Srdan Jovanovic (Serbien)

Tore: 1:0 Goretzka (3.), 2:0 Havertz (7.), 3:0 Gündogan (56.)

Zuschauer: keine

Der Blitzstart-Sieg im Spielfilm

3. Minute: Toooooooooooooooor für Deutschland. 1:0 Goretzka. Blitzstart für die DFB-Elf durch eine Bayern-Kombination. Goretzka zieht dynamisch in Richtung Strafraum und passt auf Sané auf der linken Seite. Dieser findet den zentral wartenden Kimmich. Der Sechser chipt einen traumhaften Ball auf Gnabry, der in den Strafraum durchstartet und direkt zurücklegt auf Goretzka. Der Mittelfeldmann zieht trocken mit einem Volley-Schuss ab und vollendet in die rechte Torecke. Keeper Hannes Thor Halldorsson kann der Kugel nur hinterherschauen.

7. Minute Tooooooooooooor für Deutschland: 2:0 Havertz. Das DFB-Team macht ernst! Gündoğan erobert stark einen Ball im Mittelfeld. Kimmich passt tief in den Lauf von Sané, der von der Grundlinie direkt zurücklegt auf Havertz. Der Mann vom FC Chelsea zieht mit dem ersten Kontakt mit links ab und schießt zwischen zwei Verteidigern durch ins Netz. Besser hätte es für Jogis Männer nicht laufen können. Es ist die frühste 2:0-Führung in einem DFB-Pflichtspiel seit 52 Jahren.

12. Minute: Die deutsche Nationalmannschaft tritt hier sehr aggressiv und dominant auf, die Isländer bekommen kaum Zugriff.

13. Minute: Kopfballchance durch Goretzka nach einer Ecke. Knapp vorbei.

18. Minute: Kimmich spielt seinen ersten Fehlpass.

20. Minute: Schöne Kombination der DFB-Elf in den isländischen Strafraum, diesmal ohne Ertrag. Sané erobert den Ball danach direkt zurück.

27. Minute: Aus dem Nichts die erste Chance für die Isländer: Bödvarsson legt im Strafraum nach einem gewonnenen Zweikampf auf Sigurjonsson, dessen Schuss wird noch abgefälscht und fliegt knapp am rechten Pfosten vorbei.

32. Minute: Ein Fernschuss von Havertz geht vorbei, Löw lobt von der Seitenlinie trotzdem: "Jawohl Kai!"

37. Minute: Sané setzt sich im Mittefeld ganz stark gegen mehrere Isländer durch, haut dann beim Abschluss aber über den Ball.

42. Minute: Kimmich versucht es aus der Distanz, sein Schuss wird zur Ecke geklärt. Rüdiger haut sich stark in einen Flankenball, aber köpft knapp am Kasten vorbei.

Halbzeit

50. Minute: Halbherziger Abschluss aus 30 Metern von Traustason, klar drüber.

55. Minute: Die Isländer überraschen jetzt mit aggressivem Gegenpressing. Die DFB-Elf kommt darauf noch nicht klar und leistet sich einige Abspielfehler.

56. Minute: Toooooooooooooooor für Deutschland. 3:0 Gündoğan. Goretzka wird im Mittelfeld gelegt, aber der Schiedsrichter entscheidet auf Vorteil. Über Gnabry kommt der Ball zu Gündoğan, der ein paar Schritte geht und dann humorlos aus 20 Meter mit rechts flach ins linke Eck einschießt. Der unglaubliche Tor-Lauf des Profis von Man City geht also auch in der Nationalmannschaft weiter.

65. Minute: Schöne Kombination der Isländer, die in einem Volleyschuss endet. Der Abschluss gerät aber zu zentral, kein Problem für Neuer.

70. Minute: Wieder ein toller Chip-Ball von Kimmich, den Gnabry stark mit der Brust festmacht. Mit einer feinen Schusstechnik setzt er den Ball volley an den Pfosten. Beinahe das 4:0!

78. Minute: Bittere Minute für alle englischen Fußballfans: Der 18-jährige Jamal Musiala kommt zu seinem Debüt in der Nationalelf und weil die Partie gegen Island ein Pflichtspiel ist, darf er nun für kein anderes Land mehr auflaufen. Der Bayer ist Löws 113. Debütant und der jüngste DFB-Kicker seit Uwe Seeler bei dessen Debüt 1954.

87. Minute: Die deutsche Nationalmannschaft hat hier alles im Griff. Aufgrund einiger Wechsel ist der Spielfluss jetzt aber abhandengekommen.

Abpfiff

Was war gut?

Im November hatte die DFB-Elf gegen spielfreudige Spanier nicht die geringste Gegenwehr aufbringen können. Es ging diesmal zwar nicht gegen den Weltmeister von 2010, aber dennoch zeigte das DFB-Team eine beeindruckende Leistung, die man von ihr so schon lange nicht mehr gesehen hatte. Sehr aggressiv und mit hoher Intensität von Beginn an zeigte die Mannschaft, dass sie doch sehr gut kicken kann - wo es im Jahr 2020 sowohl spielerisch als auch in Sachen Engagement oft nicht gut aussah. Dazu gab es wunderschön herausgespielte Tore. Viele tiefe Tempoläufe, die die Abwehrkette der Isländer immer wieder auseinander ziehen, dazu präzise Bälle: Das kannte man von den Nationalkickern fast gar nicht mehr.

Besonders auffällig war auch die Stärke im Gegenpressing. Kurz verloren gegangene Bälle wurden direkt zurückerobert. So geschehen beispielsweise beim 2:0, als Gündoğan einen Ball erkämpfte. Alle Offensivkräfte machten in diesem Punkt gut mit. In der zweiten Hälfte sprangen zwar nicht mehr allzu viele Torchancen hinaus, aber dominant und souverän trat die Mannschaft dennoch auf. Und vor allem war endlich wieder einmal Leben im Spiel. Endlich wurde auf dem Platz mal wieder lautstark kommuniziert. Fast wie ausgewechselt wirkte das Team, es waren, wie Goretzka passend kommentierte, "elf Jungs, die richtig Bock hatten". Und auch Löw machte munter mit: "Saubere Bälle", forderte er; "Schneller rüberwechseln", befahl er; "Zwischen die Linien, Kai", rief er Havertz zu.

Der Bundestrainer wollte, dass die Basics umgesetzt werden und konkretisierte vor dem Spiel gegenüber RTL, worum es ihm ging: "Laufen, Zweikämpfe bestreiten, die richtige Intensität." Das klappte vorzüglich. Mit einem Rückblick auf die Spanien-Blamage ging es Löw aber auch um größere Dinge: "Organisation, Kompaktheit, im Verbund verteidigen, im Spiel nach vorne Ballverluste vermeiden, aber trotzdem mutig spielen." Auch hier funktionierte die DFB-Elf, vor allem dank der zentralen Tangente Kimmich-Gündoğan-Goretzka (siehe nächster Punkt).

Was war noch besser als gut?

Das Mittelfeld. Vor allem Joshua Kimmich (90 Ballkontakte allein in der ersten Hälfte) sorgte vor der Abwehr für die Organisation und lenkte das Spiel. Der Sechser holte sich hinten die Bälle von den Abwehrspielern ab, zog in Weltklassemanier zusammen mit Gündoğan die Strippen und leitete mit wunderbaren Chip-Pässen immer wieder Chancen ein. Dass der Bayer nicht zu ersetzen ist (fehlte beim Desaster gegen Spanien), zeigte die Partie heute abermals. "Das Mittelfeld war sehr gut unterwegs. Alle drei Spieler waren extrem ballsicher und häufig anspielbar. Das war ein Pfund für uns", lobte Löw. Wie in dem technisch (Gündoğan und Kimmich) und kämpferisch (Goretzka) starken Mittelfeld Rio-Weltmeister Kroos noch einen Platz finden soll, bleibt fraglich. "Da wird Jogi Löw die Qual der Wahl haben", sagte dazu Hoeneß.

Was war schlecht?

Das Spiel der Isländer mit dem Ball. Nach kürzesten Ballbesitzphasen war das Spielgerät meist direkt wieder weg. Von hinten heraus zu spielen, trauten sie sich gar nicht. In der zweiten Hälfte war aber auch die DFB-Elf zu vorsichtig. Als sie beim Pressing der Isländer etwa eine Viertelstunde unter Druck geriet, konnte sie sich nicht ganz so befreien, wie man es von einer Weltklassemannschaft erwartet.

Das sagte die Beteiligten

Joachim Löw (Bundestrainer): "Größtenteils bin ich schon zufrieden, wir haben schon sehr schwungvoll und dynamisch begonnen. Wir wollten gleich ein Zeichen setzen. Die Mannschaft hatte von Anfang an die richtige Einstellung. Der Sieg war insgesamt souverän, wir haben wenige Chancen zugelassen. In der zweiten Hälfte haben wir zu viele Pässe nach hinten gespielt. Ein 3:0 ist souverän, logischerweise sehe ich aber Verbesserungsmöglichkeiten in unserem Spiel."

Leon Goretzka (Torschütze zum 1:0): "Ich bin einfach froh, meinen Teil beizutragen. Wir haben uns fest vorgenommen, dass man die Leidenschaft auf dem Platz sieht. Dass wir alle sehr zu schätzen wissen, für unser Land spielen zu dürfen. Wir wollten unbedingt Emotionen reinkriegen. Dass man vor dem Fernseher sieht, dass da elf Jungs auf dem Platz stehen, die richtig Bock haben. Das hat gut geklappt."

İlkay Gündoğan (Torschütze zum 3:0): "Es war wichtig, gut ins Spiel zu starten. Wir haben den Ball gut laufen gelassen, es war eine Reaktion. Aber ich glaube, dass wir einen Maßstab an uns selbst haben sollten. Wir haben eine gewisse Verantwortung, weil wir die Qualität dazu haben. So sind wir das Spiel angegangen und natürlich froh, dass wir 3:0 gewonnen haben."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.