Fußball

Bayern-Aus im Weserstadion? Werder klammert sich an seine irre Pokalserie

Erstmals seit acht Jahren steht der SV Werder wieder im Halbfinale des DFB-Pokals. In der Partie gegen den FC Bayern München stehen Europa, Millionen und der Titeltraum auf dem Spiel. Als grünweiße Mutmacher dienen eine irre Heimserie und der wahrscheinliche Einsatz des Kapitäns.

Eine Mauer teilt Deutschland, "Gesundheitsreform" ist das Wort des Jahres und Franz Beckenbauer dirigiert das Geschehen in der Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Suche nach der letzten Heimspielniederlage des SV Werder Bremen im DFB-Pokal müssen Wissbegierige tief im Archiv graben. Wem dies gelingt, der wird in der Chronik des Jahres 1988 fündig: Am 13. April unterlagen die Werderaner gegen Eintracht Frankfurt mit 0:1. Es war ebenfalls ein Halbfinale. Auf dem Platz standen Oliver Reck, Karl-Heinz Riedle und Frankfurts Bundesliga-Rekordspieler Karl-Heinz "Charly" Körbel, Otto Rehhagel und Karlheinz Feldkamp gestikulierten an der Seitenlinie.

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Das ist lange her. Gerade mal sieben Spieler aus dem aktuellen Werder-Kader waren bei der Niederlage gegen Frankfurt schon auf der Welt, Trainer Florian Kohfeldt besuchte noch die Vorschule. Im heutigen Pokalhalbfinale gegen den FC Bayern München (ab 20.45 Uhr bei ARD und im Liveticker bei n-tv.de) wollen sie eine irre Serie ausbauen: Seit dem Spiel vor 31 Jahren hat Werder alle 37 Pokalspiele am Osterdeich ohne Niederlage bestritten.

Das könnte heute rund ums Weserstadion für Zuversicht sorgen, wären da nicht entscheidende Makel: Erst am Samstag fuhren die Bremer mit einer 0:1-Niederlage gegen den FC Bayern nach Hause, wegen einer Gelb-Roten Karte für Abwehrspieler Milos Veljkovic mussten sie ihr Ligaspiel in München gar mehr als eine halbe Stunde in Unterzahl bestreiten.

Mit Blick auf die direkten Duelle beider Teams spricht auch die jüngste Pokalstatistik für den deutschen Rekordsieger aus München. 1999, Thomas Schaaf saß erst ein paar Wochen auf der Trainerbank, gelang Werder als klarer Außenseiter der Coup gegen die Bayern im Finale. Beim 6:5 im Elfmeterschießen scheiterte Lothar Matthäus an Frank Rost. Doch ein Jahr später und dann wieder 2010 revanchierten sich die Münchner mit klaren Finalsiegen. Der letzte Bremer Pokalsieg datiert von 2009, nun stehen die Grünweißen zum ersten Mal seit 2011 wieder im Halbfinale.

Europa durch die Wohnzimmer-Hintertür?

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Immerhin bleibt den Bremern der Glaube an ihre irre Heimsiegserie im Pokal. Darüber hinaus kann das Kohfeldt-Team auf die beeindruckende Atmosphäre im Weserstadion zu K.-o.-Spielen bauen. Wie etwa 2016, als die #greenwhitewonderwall mit tausenden Anhängern Stimmung gemacht, den Mannschaftsbus vor den letzten Bundesligaspielen in Empfang genommen und die Elf schließlich zum Klassenerhalt gepeitscht hatte. Genau das ist wieder geplant für den heutigen Pokalfight gegen München. Kohfeldt freute sich bereits am Dienstag darauf: "Wenn einen da 1000 Fans in Empfang nehmen, ist das schon beeindruckend", sagte er: "Es herrscht absolute Ruhe im Bus und du bekommst wirklich das Gefühl: 'Heute sind wir einer mehr'."

Im flutbeleuchteten Wohnzimmer geht es für Werder um mehr als nur das Erreichen des Endspiels von Berlin. Der Traum von Europa, der immer wieder als ambitioniertes Saisonziel kommuniziert wurde, ist nur zwei Siege entfernt und scheint im Pokal nun realistischer als in der Liga. Was für den FC Bayern fast ein Pflichtprogramm ist (sieben Pokalsiege in den vergangenen 15 Jahren), würde für Werder eine zehn Jahre lange Durststrecke beenden. Außerdem hätte die Qualifikation für die Europa League wahrscheinlich den Verbleib von Schlüsselspieler Max Kruse zur Folge, der unbedingt international spielen will.

Wie lange hält Kruse durch?

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Kapitän Max Kruse (l.) ist rechtzeitig zum Pokalhalbfinale wieder spielbereit.

(Foto: www.imago-images.de)

Ausgerechnet Kruse, der eine beeindruckende Bilanz von elf Torbeteiligungen in den vergangenen acht Ligapartien vorweist, ist nun aber im Spiel des Jahres nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Im Zweikampf mit Joshua Kimmich erlitt Bremens Kapitän am Samstag eine Prellung im Oberschenkel inklusive Bluterguss. Seitdem wurde Kruse intensiv behandelt und absolvierte heute immerhin eine Trainingseinheit mit dem Team inklusive sogenanntem Anschwitzen. Der Einsatz des Kapitäns wäre für das Team von Kohfeldt ein wichtiges Signal - auch weil der 31-Jährige seine Mitspieler wie kaum ein anderer anführt und mitreißt.

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Jubelten einst gemeinsam für den FC Bayern: Bremens jetziger Immernoch-Torjäger Claudio Pizarro (r.) und Münchens aktueller Trainer Niko Kovac.

Als möglicher Kruse-Ersatz kommt der wiedergenesene Yuya Osako in Frage - oder Claudio Pizarro. Für den Peruaner wird es ein besonderes Spiel, ob er nun in der Startelf steht oder als Joker kommt, wie schon erfolgreich gegen Dortmund im Achtelfinale. Der langjährige Werderaner und Münchner steht vor seinem vermeintlichen Karriereende und wird wohl nicht mehr allzu oft in einem Halbfinale stehen. Zusätzliche Brisanz: Die Führungsetagen aus Bremen und Bayern bringen sich schon jetzt in Stellung, um den ältesten Torschützen der Bundesligageschichte nach seiner aktiven Laufbahn an sich zu binden.

So könnten sie spielen

SV Werder Bremen: Pavlenka - Gebre Selassie, Veljkovic, Moisander, Augustinsson - M. Eggestein - Möhwald, Klaassen - Osako, Kruse, Rashica. Trainer: Kohfeldt
FC Bayern München: Ulreich - Kimmich, Boateng, Hummels, Alaba - Martínez, Thiago - Gnabry, Müller, Coman - Lewandowski
Schiedsrichter: Siebert (Berlin)

Die Bremer Chefetage fiebert dem Halbfinale auch aus anderen Gründen entgegen. "Finanziell würde uns das schon helfen", sagte Geschäftsführer Frank Baumann: "Aber in erster Linie geht es darum, dass sich die Mannschaft sportlich für eine starke Saison belohnt." Dennoch: Ein Finaleinzug spült 3,5 Millionen Euro als Prämie in die Kassen, der Sieg in Berlin noch mal weitere 4,5 Millionen. Die Qualifikation für Europa würde für den über Jahre klammen Klub von der Weser endlich wieder monetäre Entspannung bedeuten - nicht zuletzt, weil zehn Millionen Euro aus Startgeldern und TV-Rechten sowie Siegprämien winken würden. Einen Ausbau der Erfolgsserie bezeichnete Baumann deshalb als "Ausrufezeichen".

Ein Ausrufezeichen der besonderen Art setzte Werder vor genau zehn Jahren: Vier Mal binnen 19 Tagen duellierten sich Bremen und der Hamburger SV - die verrückten Wochen, der Sieger und die Papierkugel sind bekannt. Auch damals war ein Halbfinale im Pokal dabei, Pizarro stürmte von Beginn an und verwandelte den ersten Elfmeter. Der FC Bayern sollte gewarnt sein.

Quelle: n-tv.de

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