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"Nix Frauen, Rauchen, Saufen" Wie Franz Beckenbauer zum Kaiser wurde

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Als alles begann: Franz Beckenbauer 1966 im Nationaltrikot - das seinerzeit ausnahmsweise gestreift war.

Er blendet sie alle: Mitspieler, Fans, Funktionäre und Journalisten. Irgendwann war Franz Beckenbauer dann der Kaiser. Dabei hielt sein erster Trainer beim FC Bayern ihn für eine Bohnenstange. "Sie lieber gehen Schuhe putzen als spielen Fußball."

Er war genauso, wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte. Im Sommer 2014 war ich als Gast in die "Sky"-Fernsehshow "Samstag live!" eingeladen. Mit mir in der Sendung waren zwei Weltmeister dabei: Pierre Littbarski und Franz Beckenbauer. Wochen zuvor hatte mir Ansgar Brinkmann, der weiße Brasilianer, von seiner ersten Begegnung mit dem Kaiser erzählt, im ZDF: "Ich war ganz baff. Der kannte sogar meinen Namen. Da habe ich direkt nach der Sendung erst einmal stolz zu Hause angerufen und erzählt: Ich habe mit Gott gesprochen!"

Ich saß also mit Pierre Littbarski im abgedunkelten Aufenthaltsraum, als plötzlich das Licht anging. Das dachte ich wirklich. Doch niemand hatte irgendeinen Schalter betätigt. Hinter meinem Rücken hatte Franz Beckenbauer das Zimmer betreten. Ich fühlte mich sofort an den Satz von Berti Vogts erinnert: "Der kommt in einen Raum und das Licht geht an. Bei mir aber passiert erst mal gar nichts." Der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder hat übrigens einmal dasselbe Phänomen als plausiblen Erklärungsansatz für Beckenbauers Popularität angeführt: "Mit dem Licht, das er ausstrahlt, blendet er die Journalisten."

"Nix Frauen, nix Rauchen, nix Saufen"

Und nicht nur die. Das war allerdings nicht immer so. Tschik Cajkovski, sein erster Trainer im Profifußball, kam 1963 als Meistertrainer vom 1. FC Köln nach München und stieg 1965 mit dem FC Bayern in die Bundesliga auf. Cajkovski ließ sich ganz und gar nicht von Beckenbauers Aura blenden: "Sie Bohnenstange, unten nichts, Mitte nichts, oben nichts. Sie mehr essen. Nix Frauen, nix Rauchen, nix Saufen. Sie aus Schlagsahne. Sie kein Kämpfer. Sie wie Strohhalm. Sie lieber gehen Schuhe putzen als spielen Fußball." Doch das sollte sich schnell ändern: "Franz. Sie größtes Fußballer seit Tschik. Ich mache Weltmeister aus ihnen. Tschik und Beckenbauer bald größtes Fußballer-Gespann in Europa und in Welt." Wobei die Welt in jungen Jahren für den jungen Franz sehr weit weg war. Zitat: "Ich bin kein Deutscher. Ich bin ein Bayer. Das ist ein ganz großer Unterschied nach meiner Meinung."

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Der Kaiser und sein Trainer: Beckenbauer und Tschik Cajkovski am 31. Mai 1967. Im Finale zu Nürnberg ging es gegen die Glasgow Rangers um den Europapokal der Pokalsieger, das Foto wurde in der Pause vor der Verlängerung aufgenommen. Am Ende gewann der Fc Bayern mit 1:0.

(Foto: imago sportfotodienst)

Neben all den fantastischen Erfolgen ranken sich um die Spielerkarriere des Franz Beckenbauer auch viele amüsante Geschichten. Eine davon spielt in den früheren Jahren seiner Laufbahn. Mitten im kalten Dezember stellte sich der feine Herr Beckenbauer damals im Niedersachsen-Stadion vor die Fans von Hannover 96 und zeigte mit einer "Manneken Pis"-Bewegung "dem verehrten Publikum" (O-Ton Beckenbauer) seine innere Gemütsverfassung. Der Bayern-Star fühlte sich an diesem Tage zu Unrecht ausgepfiffen. Lustig ist auch eine Anekdote aus dem Jahre 1972. Ajax Amsterdam gastierte für ein Freundschaftsspiel in München und schlug die Bayern mit 5:0. Piet Keizer war an diesem Tage eifrig bemüht, dem Kaiser einen Ball durch die Beine zu spielen. Warum? Weil er hinterher gerne zu ihm sagen wollte: "Ich bin Keizer, du bist Beckenbauer!"

Die Medien liebten den Kaiser von der ersten Stunde an. Hausbesuche mit langen, sehr privaten Fotostrecken gehörten dazu. Ein Fußballmagazin berichtete einmal in seiner Serie "Zu Gast bei … Franz Beckenbauer" aus den heimischen Stuben. Und dabei kamen Dinge ans Tageslicht, die so sicherlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren: "Mit dem Telefon ist das so eine Sache. Die eine Nummer, 798651, steht nicht im Telefonbuch, und die andere ist absolut geheim. Nur drei Leute kennen die andere Nummer." Einer dieser drei sei Herr Schwan, versichert Beckenbauer. Schwan ist Berater in allen Lebenslagen. Nicht einmal die Eltern wissen die zweite Telefonnummer. Die Mutter bat sogar darum: "Bitte, sag mir die Nummer nicht, ich verrate sie dann doch!"

"Der Lothar ist aber auch dick geworden, oder?!"

Bis heute hören die Menschen dem ehemaligen Teamchef gerne zu. Oder wie Max Merkel einmal sagte: "Wenn der Kaiser spricht, legen sogar die Engel ihre Harfen beiseite." Der damalige DFB-Pressechef Wolfgang Niersbach meinte sogar: "Vom Franz sind schon Interviews veröffentlicht worden, wenn er Selbstgespräche führte". Das klingt beim ersten Hören etwas seltsam, wird aber von Reiner Calmund ziemlich gut erklärt: "Bei Franz Beckenbauer sagen alle: Du bist der Kaiser. Auf dich hören sie. Du machst nichts falsch, und wenn du was falsch machst, sagen alle, das war richtig."

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Dick geworden? Beckenbauer und Lothar Matthäus.

(Foto: imago sportfotodienst)

Dass Franz Beckenbauer sein Herz auf der Zunge trägt, hatte ich im Fernsehen schon häufig miterlebt. Nun stand er an diesem Samstagabend im Aufenthaltsraum beim Bezahlsender Sky plötzlich vom Sofa auf, ging ganz nah an einen der Fernsehbildschirme ran, zeigte auf den debattierenden Matthäus im TV und sagte: "Du, Litti, der Lothar ist aber auch dick geworden, oder?!" Dann wurde er von einer äußerst attraktiven blonden Dame gebeten, ob er mal eben mit rüber in die Maske gehen könne. Franz Beckenbauer sagte genau den Satz, den man ihm jetzt in einem Film wohl in den Mund gelegt hätte: "Mit dir würde ich überall mit hinkommen!" Charmantes Lächeln, Blick in die Runde, gute Atmosphäre im Raum. Womit wir beim Thema "Franz und die Frauen" sind.

Der "Playboy" schrieb einmal gewohnt doppelsinnig: "Der Kaiser selbst trägt sein Reich in sich". Erotikexpertin Erika Berger war sich bei ihrem "WM-Sex-Test" für die Zeitschrift "Quick" im Jahre 1990 sicher: "Beckenbauer - er ist immer eine Spur geheimnisvoll. Frauen macht das neugierig." Der Kaiser selbst sah das Thema zumeist betont unaufgeregt. Eines seiner Ziele als frisch ernannten Teamchef der Nationalmannschaft war es im Herbst 1984 eine spezielle Unterkunft für die Mannschaft zu suchen, um ausschweifende Damenkontakte zu vermeiden. Statt in große Hotels quartierte man sich in Sportschulen ein. Beckenbauer selbst begründete dies so: "Weil Sportschulen für die intensive Vorbereitung einer Mannschaft besser geeignet sind. Man kann dort mit den Spielern ruhiger und ungestörter arbeiten."

"Schön über links spielen. Da steht der Ziege, der kann nichts"

Allerdings klappte das nur so semi-gut, wie eine Leserfrage im "Fußball-Magazin" kurz darauf verriet. Ein junger Mann wollte wissen, wo Beckenbauer seine jetzige Frau kennengelernt habe. Schmunzelnd musste der Teamchef eingestehen: "Das passt ja: in einer Sportschule. Sie war dort Angestellte im Büro." Übrigens hat man damals Franz Beckenbauer auch gefragt: "Kennen Sie den Text der deutschen Nationalhymne auswendig, und haben Sie früher mitgesungen?" (Hans-Josef H., 4980 Bünde) Und der Kaiser antwortete: "Nein, leider nicht. Mitgesungen habe ich auch nicht - ich hätte sonst meine jeweiligen Nachbarn vor dem Spiel wohl zu Tode erschreckt, bei meinen Sangeskünsten …"

Wir Fußballfans sind ihm dennoch für den Triumph von Rom ewig dankbar. Und als Anhänger des VfL Bochum bin ich Franz Beckenbauer noch wegen einer anderen Sache zutiefst verbunden. Nach der WM 1990 und einem Ausflug Beckenbauers als Trainer nach Frankreich ("Ich war an den Erfolgen von Olympique Marseille völlig schuldlos, bitte, glauben Sie mir das") spielte der VfL Bochum Anfang der 1990er Jahre im Münchener Olympiastadion. Und zur Verblüffung der kompletten Fachwelt gewann die Mannschaft aus dem Ruhrgebiet die Partie. Doch Bochums Torschütze Frank Benatelli klärte schnell auf, wie es zu diesem Überraschungserfolg kommen konnte: "Unser Trainer war ja damals der Anzugträger und Weltmeister-Assistent von 1990, Holger Osieck. Und da ist sein Freund, der Franz Beckenbauer, vor dem Spiel in unsere Kabine gekommen und hat gemeint: Immer nur schön über links spielen. Da steht der Ziege, der kann nichts. Und was soll ich sagen: Das haben wir dann auch ganz genau so gemacht!"

Man könnte noch viele schöne Geschichten aus dem ereignisreichen Leben des Franz Beckenbauer erzählen. Doch in der Hoffnung, dass noch viele weitere hinzukommen, führe ich an dieser Stelle lieber einen Satz vom Kaiser höchstpersönlich an: "Meine Interview-Devise ist immer: Fass dich kurz, wenn du lange gelesen werden willst." In diesem Sinne: Alles Gute zum 70. Geburtstag und herzlichen Dank für die vielen schönen, spannenden und unterhaltsamen Stunden, die wir mit Ihnen erleben durften, lieber Franz "Kaiser" Beckenbauer.

Unser Kolumnist Ben Redelings hat unter anderem das "Bayern Album. Unvergessliche Sprüche, Fotos, Anekdoten" veröffentlicht - hier bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

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