Fußball

Fragezeichen statt Stammspieler Wie Witsel die Macht beim BVB verliert

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Witsel muss sich gegen starke Konkurrenz im BVB-Mittelfeld beweisen.

Weniger Einsätze, weniger Ballkontake, weniger Kilometer: Axel Witsel hat bei Borussia Dortmund eine schwächere zweite Saison gespielt. Zumindest im Vergleich zu seinem ersten Jahr in Schwarzgelb. Sein Nachfolger ist schon da - dabei ist der Belgier noch immer wichtig.

In seiner Premierensaison 2018/2019 entpuppte sich Axel Witsel als Königstransfer und hob das Spiel von Borussia Dortmund binnen weniger Wochen auf ein neues Level. Doch wichtige Statistiken aus der abgelaufenen Spielzeit zeigen die schwindende Bedeutung des 31 Jahre alten Belgiers. Droht ihm beim BVB gar ein Platz auf der Bank?

Nach seinem beeindruckenden Start nahmen die Lobeshymnen für Witsel in Dortmund kein Ende. Sportdirektor Michael Zorc schwärmte von der "Qualität und Erfahrung, die wir so in der Mannschaft nicht haben", Jadon Sancho bezeichnete Witsel als "großes Vorbild" und "tollen Spieler", Klub-Berater Matthias Sammer sprach vom "Herzstück" der Borussia. Belgiens Nationaltrainer Roberto Martínez adelte den für 20 Millionen Euro vom chinesischen Erstligisten Tianjin Quanjian gekommenen Witsel in der "Sport Bild" gar als "besten Transfer der Welt".

Taktisches Verständnis, Zweikampfstärke, Kreativität und Mentalität - bei Witsel stimmte in seinem ersten Jahr im schwarz-gelben Trikot (fast) alles. Daran, dass der BVB den Meistertitel im Duell mit dem FC Bayern München am Ende der Saison nur um drei Punkte verpasste, hatte der Stratege maßgeblichen Anteil.

Warnung vor dem Absturz

Doch dieses immens hohe Niveau hielt Witsel in der abgelaufenen Spielzeit nicht mehr ganz. Das offenbart ein Blick in die Statistik. In seiner ersten BVB-Saison gewann Witsel noch 60 Prozent seiner Zweikämpfe, 2019/20 waren es nur noch 53 Prozent. Außerdem lief der 31-Jährige in seiner zweiten Spielzeit in Dortmund im Schnitt einen Kilometer weniger pro Partie (rund zehn Kilometer statt elf) und setzte auch seltener zu intensiven Läufen an (41 statt 47).

Noch aussagekräftiger scheint aber die Ballkontakt-Statistik: 2018/19 mit 85 Kontakten pro Spiel (insgesamt 2787) noch mit großem Abstand der unangefochtene Ballmagnet des BVB, tauchte Witsel 2019/2020 mit 73 Ballkontakten pro Spiel (2041 insgesamt) teamintern nicht mehr in den Top Fünf auf.

Der Mittelfeldmann selbst warnte schon im Oktober 2018 vor einem Absturz, wenngleich er sich dabei auf das gesamte Team bezog. "Wir sind schnell in die Höhe geschossen. Da wäre es nur normal, wenn es irgendwann auch mal wieder bergab geht - und meistens geht das noch schneller als vorher hoch", sagte Witsel der Funke-Mediengruppe - eine Aussage, die sich in gewisser Hinsicht auch auf seine persönliche Entwicklung übertragen lässt.

Von Verletzungen gebremst

Klar ist allerdings auch: Witsel war in der vergangenen Saison noch immer eine wichtige Stütze der Borussia. Indizien sind die überragende Passquote von 95,3 Prozent erfolgreichen Zuspielen (2018/2019 "nur" 94,1 Prozent) sowie starke neun Torbeteiligungen (2018/2019 nur sieben). Außerdem wurde Witsel durch eine Gesichtsverletzung, die er sich im Dezember bei einem Treppensturz im eigenen Haus zuzog, ein paar Wochen außer Gefecht gesetzt. Nach der Corona-Pause bremsten ihn darüber hinaus muskuläre Probleme. Zwar wird die Erfahrung des im Team äußerst beliebten Routiniers, der auch Mitglied des Mannschaftsrates ist, beim BVB auch in Zukunft gefragt sein. Eine Stammplatzgarantie in allen Spielen hat der WM-Dritte von 2018 künftig aber nicht mehr.

Mit Jude Bellingham verpflichtete der BVB ein vielversprechendes Talent, das trotz seiner 17 Jahre fest im Profikader und mittelfristig wohl auch als Witsel-Nachfolger eingeplant ist. Der Engländer fühlt sich, wie sein neuer belgischer Teamkollege, in der Schaltzentrale am wohlsten.

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Zudem dürfte auch Abräumer Thomas Delaney nach einer verletzungsbedingt verkorksten Saison wieder mehr Spielzeit anstreben. Und Mahmoud Dahoud, der sich bei den Dortmundern bislang so schwer tat, hatte nach der Corona-Pause erstmals aufgezeigt, warum er mit seiner Technik, seiner Übersicht, seinen Spielgestalterfähigkeiten doch noch wichtig werden kann, ehe ihn eine Verletzung schnell wieder ausbremste.

Und dann sind da ja noch Emre Can, der nach seinem Winter-Wechsel von Juventus einen starken Eindruck hinterließ und Julian Brandt. Beides Fußballer, die im zentralen Mittelfeld ihre Heimat haben. Der eine, Brandt nämlich, eher offensiv. Der andere, Can also, eher defensiv. Ihr Vorteil (und der für Witsel): Die beiden Nationalspieler können es auch gut auf anderen Positionen. Der eine, Brandt nämlich, auf den offensiven Bahnen, der andere, Can also, als Mann in einer defensiven Dreierkette. Aber je nachdem wie Coach Lucien Favre plant, könnte Witsel in seinem dritten Jahr tatsächlich weiter an Macht im Zentrum verlieren.

Quelle: ntv.de