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Redelings übers Fußball-Fasten Wie ein berühmter Anti-Fußballer petzte

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Völlig unschuldig: Huub Stevens. Er hat ja auch mit dem VfB Stuttgart ganz andere Sorgen.

dpa

Showdown in der Bundesliga. High Noon auch bei Ben Redelings. Am 15. Tag seines 31-Tage-ohne-Fußball Experiments hat es ihn erwischt. Was genau passierte und warum auch Huub Stevens nix machen konnte - jetzt exklusiv hier.

Es ist tatsächlich passiert - ich habe etwas erfahren. Eine herrlich kuriose Geschichte, an dessen Ende ich zwar immer noch nichts zu 100 Prozent weiß, aber deutlich schlauer bin als vorher. Knapp zwei Wochen lang habe ich nach dem alten Huub-Stevens-Prinzip, "Die Null muss stehen" (aber nicht an der Seitenlinie), die Schotten komplett dicht gemacht. Ich wollte um jeden Preis nix erfahren. Das hat geklappt. Die Zeit möchte ich allerdings auch nicht noch einmal erleben. Alle, die vor dem Start des Experiments sagten, es wäre nicht möglich, haben im Grunde Recht. Auch wenn es mir gelungen ist, zwölfeinhalb Tage jegliche Information über den aktuellen Fußball von mir fernzuhalten, so muss ich sagen: Die Entbehrungen, Nerven und auch die harte Arbeit gönne ich niemandem.

"Fußball ist nicht das Wichtigste"

Ben Redelings, Jahrgang 1975, sagt: "Ich lese eigentlich alles, was es zur Bundesliga gibt." Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und kümmert sich seit 15 Jahren hauptberuflich um alles, was mit Fußball zu tun hat. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er alle zwei Wochen mittwochs die spannendsten und lustigsten Geschichten auf - eigentlich. Seit dem 1. Mai befindet sich der "Fußball-Nerd" in einem besonders nerdigen Selbstversuch: 31 Tage Enthaltsamkeit, 31 Tage Fußball-Fasten. Wie das funktioniert und ob überhaupt - davon berichtet er noch bis zum Ende des Monats jede Woche in seiner Kolumne.

Ich hatte in der ersten Kolumne über das Fußball-Fasten von diesen schizophren, paranoiden Angstzuständen erzählt. Ständig bin ich auf der Hut, jederzeit zum kompletten Abtauchen bereit, lauere den Gefahren unterwegs, zu Hause, am Handy und im Computer auf. Vieles hat sich nach dieser ersten Zeit der Anspannung als harmlos herausgestellt. Vor allem eine weitverbreitete Annahme kann ich nicht bestätigen. Es ist beileibe nicht so, dass man nach Spielen des VfL hier in Bochum tagelang weinende Anhänger auf der Straße sieht, die ihren Frust mit allen teilen wollen. Im umgekehrten Fall hat mich übrigens auch noch niemand spontan zum Bier eingeladen.

Kurzum: Es ist möglich ohne Fußball zu leben, aber man muss schon bereit sein, auf viele Dinge zu verzichten. Zeitungen und freies Zappen im TV, die allermeisten Radioprogramme und weite Teile des Internets sind tabu. Einen unbeschwerten Medienkonsum gibt es schlicht nicht mehr. Dazu ist Fußball viel zu dominant überall vertreten. Das Wichtigste ist aber etwas anderes: Jede Form von verbalem Austausch mit Fußballfans kann man vergessen. In fast jedem Gespräch wird man eine Neuigkeit erfahren. Und wie häufig wir Fußballanhänger tatsächlich über unser Lieblingsthema reden, habe ich beim Experiment erst richtig erkannt. Ich war echt erschrocken.

"Scheiße, bin ich besoffen"

Am 15. Tag ist es dann also passiert. Zwei Tage vorher hatte ich mich dazu entschlossen, die Versuchsanordnung zu lockern und die Freiräume etwas auszuweiten. Und das hatte Folgen. Am Freitag vergangener Woche habe ich einem Kollegen beim Renovieren geholfen. Als ich eintraf, war noch jemand anderes da. Nennen wir ihn Franky. Ich rief gleich im Scherz: "Ab sofort alle Fußballfachgespräche bitte einstellen?!"

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"Begeistert rollte ich es aus."

Die Betonung lag auf "Fachgespräche", denn Franky macht keinen Hehl daraus, dass er von der Materie keine Ahnung hat. Er selbst hat einmal so schön gesagt, er wisse von Fußball gerade so viel wie Heino von einem Leben ohne Sonnenbrille. Franky ist eine lokale Berühmtheit. Allerdings wissen die wenigsten, wie er aussieht. Und seinen Namen kennen auch nur eine Handvoll Leute. Aber Frankys Geschichte ist eine Legende und bei Google der Haupttreffer, wenn man den Satz, "Scheiße, bin ich besoffen", eingibt. Bitte lesen! Dieser berühmte Anti-Fußballer Franky sollte also der erste sein, der mir etwas verriet.  Und das kam so: In einer Pause entdeckte ich auf einer Fensterbank ein Mannschaftsposter vom VfL aus der Saison 1985/1986. Starkes Teil. Begeistert rollte ich es aus und machte ein Foto. Links und rechts hatte ich meine Handschuhe positioniert, damit sich das Plakat nicht sofort wieder zusammenrollt. Franky schaute mir über die Schulter. Ich ging davon aus, dass er über das Experiment Bescheid weiß. Ich sagte: "Ja, schade, dass ich das nicht direkt posten kann. Ist momentan etwas komplizierter!" Franky verstand meine Aussage offensichtlich komplett falsch.

Und im nächsten Moment passierte genau das, was ich über 14 Tage erfolgreich verhindern konnte: Ich erfahre ein konkretes Ergebnis! "Wieso? Läuft doch wieder. Haben die nicht am Sonntag erst 3:0 gewonnen?" Ich wusste sofort, dass er nicht bluffte. Wie er es sagte und wie er mich dabei anschaute: Von einer Sekunde zur nächsten war mir klar, dass dieses Ergebnis stimmen muss. Zwei Tage später erzähle ich meinem Bruder die ganze Geschichte - vom Anti-Fußballer Franky und seinem unabsichtlichen Verrat an meinem Experiment. Mein Bruder schaut mich irritiert an: "3:0 hat er gemeint? Dann hat der gute Mann wohl tatsächlich keine Ahnung von Fußball!" Na, dann! Die VfL-Dauerkarte für die nächste Saison habe dennoch bestellt. Und gerade kam sie per Post an. Jetzt muss ich nur noch auf meine Frau warten. Alleine öffnen traue ich mich nämlich immer noch nicht.

Weitere Informationen zum Experiment und zum Buch übers Fußball-Fasten gibt's hier!

Quelle: n-tv.de

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