Fußball

Leere Stadien, 1000 Neueinträge Wie schnell man zum "Gewalttäter Sport" wird

imago0046859767h.jpg

Vielen Fans ist gar nicht bewusst, dass sie im Visier der Polizei sind.

(Foto: imago images/foto2press)

Als Fan den Aufstieg gefeiert und jetzt gelistet als "Gewalttäter Sport"? Das ist durchaus möglich. Mehr als 1000 neue Einträge sind im vergangenen Jahr in der umstrittenen Polizei-Datei gespeichert worden. Dabei fanden die meisten Fußballspiele ohne Fans statt.

Die Fußball-Bundesliga spielt seit knapp einem Jahr unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Fans dürfen wegen der Coronavirus-Pandemie nicht mehr ins Stadion, Geisterspiele bestimmen das Geschehen. Und trotzdem wurden zwischen März und Dezember 2020 mehr als 1000 Personen neu in die Datei "Gewalttäter Sport" aufgenommen. Wie kann das sein?

Zwar sank die Gesamtzahl der registrierten gewalttätigen Fans im Sport von 8862 im Juli 2020 auf 7841 in diesem Monat, wie aus der Auskunft des Bundesinnenministeriums an die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag hervorgeht. Die Kleine Anfrage hatte die sportpolitische Sprecherin Monika Lazar eingereicht. Zu Beginn der Geisterspiele waren verbotene Ansammlungen vor den Arenen der Republik befürchtet worden, doch diese blieben weitgehend aus. Doch trotzdem gibt es insgesamt 1056 Neueinspeicherungen.

Klar, beim Bielefelder Aufstieg feierten Fans, in Bremen, Nürnberg und Karlsruhe wurde der Klassenerhalt zelebriert - ein Vergehen gegen die Corona-Maßnahmen. Und vielleicht mehr. Was viele von den Partywütigen nicht wissen dürften: Sie könnten es wegen dieses Verstoßes in die Datei geschafft haben, die eigentlich geschaffen wurde, um gewaltbereite Fans zu kennzeichnen. "Im Zusammenhang mit Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit kam es zur Zusammenkunft von Fan-/Störergruppen, z. B. in Verbindung mit dem organisierten Abbrand von Pyrotechnik", heißt es nämlich vom Bundesinnenministerium auf eine Anfrage des "Spiegel" zu den Zahlen.

Einzelfälle habe es zudem bei "sogenannten Drittort-Auseinandersetzungen" gegeben. Heißt: Größere gewalttätige Fan-Gruppen seien an einem neutralen Ort aufeinandergetroffen. René Lau, Mitglied der AG Fananwälte, zufolge ist diese Begründung "absurd", sagte er WDR Sport Inside. Schließlich hätten sich die Fans größtenteils "vorbildlich" verhalten. Zudem habe es kaum den Tatvorwurf der Körperverletzung gegeben, was sonst bei der "Drittort-Auseinandersetzung" der Fall wäre.

Mehrheit des Landfriedensbruchs beschuldigt

Zudem sei laut Bundesregierung der "Zeitpunkt der Neuspeicherung einer Person in der DGS nicht zwingend an den Tatzeitpunkt gebunden", berichtet "WDR Sport Inside". Grund ist, dass eine umfangreiche Prüfung des Einzelfalls notwendig sei, "sodass zwischen Tatzeitpunkt und Eintrag durchaus mehrere Monate liegen können". Laut Lau ist das aber keine befriedigende Erklärung: "Meine Erfahrung ist, dass die Polizei relativ schnell Eintragungen vornimmt und nicht Monate ermittelt", sagte er dem WDR. Auch Anfragestellerin Lazar hält diese Antwort für unzureichend. Allein im Dezember seien noch 46 Personen registriert worden: "Das waren sicher keine Fälle von vor der Pandemie, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Polizeibehörden so langsam arbeiten", sagte sie dem WDR. Thomas Kessen vom Fanbündnis "Unsere Kurve" glaubt allerdings, dass Altfälle neu aufgerollt worden sind: Ab dem Moment, als es keinen Fußball mehr gab, hatten nicht nur die Fans, sondern auch die Polizisten viel Zeit. Vielleicht haben sie sich mit zuvor als Lappalien eingestuften Vorfällen noch mal intensiver befasst", sagte er dem "Spiegel".

Datei ist sehr umstritten

Aus der Antwort der Bundesregierung geht hervor, dass die Mehrheit der Neueintragungen aufgrund von Landfriedensbruch zustande kamen. Diese Anzahl nahm mit den Geisterspielen deutlich ab. Ab März 2020 gab es nur noch rund 100 Personen monatlich, die in die Akte aufgenommen wurden, vor Beginn der Pandemie waren es noch etwa 200 Personen monatlich, heißt es vom WDR.

Die Datei "Gewalttäter Sport" gibt es seit 1994, 2014 hatte die Zahl mit rund 13.000 Eintragungen ihren Höchststand erreicht. Nach fünf Jahren werden Einträge in dem Register automatisch gelöscht, es sei denn, neue Erkenntnisse rechtfertigen eine verlängerte Speicherung der Daten. Gespeichert werden dürfen Personendaten sowie Merkmale wie Gestalt, Kleidungsstil, Tattoos, Schuhgröße und Dialekt. Die Polizei sei wegen der Datei in der Lage, Maßnahmen zu treffen und zwischen Störern und Nicht-Störern zu unterscheiden, heißt es zur Begründung. Lazar kritisiert gegenüber dem WDR: "Über 1600 von insgesamt gut 7800 Fans sind aktuell allein aufgrund einer Personalienfeststellung oder eines Platzverweises in der Datei gespeichert." Das dürfe nicht ausreichen, um in einer Gewalttäter-Datei geführt zu werden. Die Gründe für eine Speicherung sollten auf ein absolut notwendiges Maß reduziert werden.

Auch Kessen und andere kritisieren die "Willkür". Denn die Eintragung in die Datei "Gewalttäter Sport" kann Auswirkungen auf das Leben haben: Bei jeder polizeilichen Kontrolle, egal ob mit dem Auto oder am Flughafen, wird dieser Eintrag ohne Details sichtbar. Dies führt zu Vorverurteilungen, so hat es bereits Fälle gegeben, dass jemand nicht in den Urlaub fliegen durfte, nur weil am Zielort ein Fußballspiel angesetzt war.

Quelle: ntv.de, ara