Fußball

Trotz drohendem Zweitliga-GAU Wolf bleibt HSV-Trainer, aber warum?

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Hannes Wolf versucht alles, um den Hamburger SV wieder in die Spur bringen, bislang gelingt das aber nicht.

(Foto: imago images / Philipp Szyza)

Der Hamburger SV hält an Trainer Hannes Wolf fest - trotz miserabler Zweitliga-Rückrunde, trotz spektakulärem Heimdebakel gegen den abstiegsbedrohten FC Ingolstadt. Das ist durchaus bemerkenswert, denn eigentlich hat der Coach keine Argumente mehr für seine Arbeit.

Die Krisensitzung beim Fußball-Zweitligisten Hamburger SV dauerte fast drei Stunden. Vereinsboss Bernd Hoffmann und Sportvorstand Ralf Becker steckten am Samstag nach der desaströsen 0:3-Klatsche gegen den abstiegsbedrohten FC Ingolstadt die Köpfe zusammen und analysierten die fatale Entwicklung - teilweise mit Trainer Hannes Wolf, die meiste Zeit allerdings ohne ihn. Schließlich ging es auch um dessen Zukunft. Nach dem Spiel, als die Enttäuschung noch frisch und die wütenden Pfiffe der Fans im Volksparkstadion kaum vergeklungen waren, vermied Becker das sonst typische Bekenntnis zum Trainer. "Wir müssen uns Gedanken machen", hatte er gesagt. Und das tat man auch. Bis der Verein dann um 19.19 Uhr verkündete, dass der Trainer bleiben darf.

Dabei sprachen die Ergebnisse gegen ihn: Seit sieben Spielen wartet der HSV auf einen Sieg, hat in dieser Zeit mickrige drei Punkte geholt. Lediglich 16 Zähler haben die Hamburger in der gesamten Rückrunde ergattert. Damit belegen sie in der entsprechenden Tabelle Platz 16. Die Hamburger spielen in der zweiten Saisonhälfte nicht wie ein Aufstiegsanwärter, sondern phasenweise wie ein Abstiegskandidat. Warum Wolf trotzdem seinen Job behält? Vielleicht weil der Vorstand noch immer an die Qualitäten des 38-Jährigen glaubt. Vielleicht aber auch einfach nur deshalb, weil sie so schnell keinen geeigneten Nachfolger finden.

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Die schwachen Hamburger Fußballer stellten sich nach dem Spiel den Fans.

(Foto: imago images / Eibner)

Wolf versucht, trotz der Misere Optimismus zu verbreiten. Tatsache ist nämlich: Der HSV hat den Aufstieg aufgrund des direkten Aufeinandertreffens mit dem SC Paderborn am nächsten, am 33. Spieltag noch immer in der eigenen Hand. "Mit zwei Siegen wären wir Dritter", sagt Wolf. "Das heißt, die Möglichkeit, den Relegationsplatz zu erreichen, ist da. Deshalb ist es unsere klare Verantwortung, aufzustehen, uns aufzurichten und in acht Tagen in Paderborn ein besseres Spiel zu machen, keine Tore herzuschenken und zu gewinnen." Sollte Union Berlin an diesem Sonntag nicht in Darmstadt gewinnen (ab 13.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de), wäre sogar der Direktaufstieg noch immer ein realistisches Szenario. Die Frage ist nur: Wie soll Hannes Wolf, der zwar optimistische Worte findet, diesen Optimismus aber schon längst nicht mehr ausstrahlt, den HSV jetzt zurück in die Erfolgsspur bringen?

Taktische Umstellungen verpuffen

Der Coach wirkt tatsächlich ziemlich ratlos. Taktisch hat er in den letzten Wochen so ziemlich alles versucht. Mal spielte er mit einer Dreierkette, mal mit einer Viererkette. Mal versuchte er es mit einem klassischen Mittelstürmer, dann wieder ohne. Einige Spieler, ob nun Douglas Santos, Gideon Jung oder Bakery Jatta, werden zwischen den Positionen hin- und hergeschoben. Selbst während eines Spiels erfolgen oft mehrere taktische Veränderungen. Der Trainer scheint nach der passenden Formation zu suchen - sie aber einfach nicht zu finden.

Auch mental scheint er alle Register gezogen zu haben. Wochenlang stellte er sich vor seine Spieler und verteidigte sie - ohne Wirkung. In der vergangenen Woche, als das 0:2 bei Union Berlin noch nachwirkte, kritisierte er sie dann plötzlich hart und sprach ihnen die "maximale Schärfe" ab - ohne Wirkung. Und was war mit dem Trainingslager, das der HSV in dieser Woche abhielt? Auch das blieb ohne Wirkung. Rechtsverteidiger Gotoku Sakai fasst es zusammen: "Man kann ein Trainingslager machen, man kann etwas mit der Mannschaft unternehmen, das kann man alles versuchen. Aber entscheidend ist letztendlich, was auf dem Platz passiert. Wir haben nicht die richtige Antwort gefunden."

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Gotoku Sakai hat sich nach dem Debakel für den Trainer ausgesprochen.

(Foto: imago images / Philipp Szyza)

Möglicherweise weil das Problem tiefer liegt: Die Hamburger haben die jüngste Mannschaft im deutschen Profifußball. Der Kader hat einen Altersschnitt von 23,1 Jahre. Gestern standen gerade einmal drei Spieler in der Startelf, die 25 Jahre oder älter waren. Becker sagt: "Wir haben eine junge Mannschaft. Fakt ist, sie kann mit dieser Drucksituation, die hier entstanden ist, gerade relativ schwer umgehen." Das zeigt sich vor allem auf dem Spielfeld: Nach Gegentreffern bricht die Mannschaft ein und macht Fehler. Die Wut, die sich bei den frustrierten Fans aufgestaut hat, überfordert die jungen Akteure. Rick van Drongelen stürmte nach der Aussprache mit den Anhängern am Samstagnachmittag tränenüberströmt in die Kabine.

HSV-Kapitän macht sich für Wolf stark

Nun wäre es die Aufgabe des Trainers, die Spieler psychisch wieder aufzubauen. Doch Wolf ist kein erfahrener Trainer, der solche Krisen schon viele Male gemeistert hat und seine Erfahrung an die Mannschaft weitergeben kann. Er blickt gerade einmal auf 70 Spiele in der 1. und 2. Bundesliga zurück. Eine Krise hat er im Profifußball nur einmal erlebt - und diese führte im Januar 2018 zu seiner Entlassung beim VfB Stuttgart. Laut seinem damaligen Vorgesetzten Michael Reschke hatte Wolf "Restzweifel, ob er die Mannschaft noch 100-prozentig erreicht". Ob er diese Zweifel nun auch in Hamburg spürt?

HSV-Kapitän Sakai jedenfalls machte sich nach dem Ingolstadt-Debakel für Wolf stark: "Ich möchte immer, dass der Trainer lange bleibt. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir mit diesem Trainer auch viele gute Spiele hatten. Das steckt noch immer in uns. Das müssen wir wieder finden." Sollte tatsächlich noch der Sprung auf den Relegationsplatz gelingen, könnte sich das Vertrauen in den Trainer sogar noch auszahlen. Dort wäre nämlich der VfB Stuttgart der wahrscheinliche Gegner. Und wer kennt diese Mannschaft besser als dessen Ex-Trainer Hannes Wolf?

Quelle: n-tv.de

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