Fußball

"Schade für die Zuschauer" Zorniger Matthäus zerlegt mutlose DFB-Elf

Lothar Matthäus ist sauer. Und enttäuscht. Der Rekordnationalspieler muss über einen Auftritt der Fußball-Nationalmannschaft sprechen, den er so nicht erwartet hat. Den niemand so erwartet hat. Der ehemalige Weltfußballer ist schonungslos.

Nein, über diesen speziellen Sieg war wirklich niemand wirklich begeistert: "Es war schwer. Aber wir müssen auf jeden Fall das eine oder andere Tor mehr schießen", sagte Timo Werner nach dem überraschend zähen, schockierend knappen 2:0 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über Liechtenstein. Kapitän Joshua Kimmich, der mit dem neuen Bundestrainer Hansi Flick so erfolgreich in München zusammengearbeitet hatte, war weitestgehend ratlos: "Natürlich haben wir uns vorgenommen, mehr Tore zu machen. Wir haben uns schwergetan. Es war komisch, schwierig, der Gegner hat dermaßen tief verteidigt, das habe ich so fast noch nie erlebt. Nichts hat so wirklich funktioniert." Es sei "schwierig, dieses Spiel zu bewerten. Das war ja eigentlich kein Fußballspiel."

Tief hatte Liechtenstein, für das mehrheitlich Fußballer aus unterklassigen Schweizer Ligen aufgelaufen waren, gestanden, ja. Über die gesamte Spielzeit verbarrikadierten sich die Halb-Profis im und um den eigenen Strafraum. Gegen einen solchen Gegner macht es keiner Mannschaft der Welt Spaß. "Klar war nicht alles super, was wir da gespielt haben - aber wir haben gewonnen, das zählt am Ende", erklärte Rückkehrer Marco Reus, der in der zweiten Halbzeit sein Comeback in der DFB-Elf feierte. "Der Gegner stand fast am eigenen Tor. Der letzte Pass oder der vorletzte haben nicht gestimmt."

Fassungsloser Rekordnationalspieler

Hansi Flick, der Debütant, der den deutschen Fußball aus der Depression zurück zum internationalen Glanz führen soll, wollte die Sache indes nicht zu hoch hängen: "Sie haben gut verteidigt. Wir hätten gerne das eine oder andere Tor mehr geschossen. Wir haben uns Chancen erarbeitet, aber es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Mannschaft überzeugt ist, Tore zu schießen. Das müssen wir reinkriegen", sagte der Nachfolger von Joachim Löw. "Man muss mehr Tore schießen. Es geht weiter, wir gehen unseren Weg. Wir haben einen langen Weg vor uns." Auch wenn er es "positiv sieht: Wir haben gewonnen", hatte Flick direkt nach dem Spiel einen klaren Auftrag an sein Team: "Man muss immer wieder versuchen, das Tempo hochzuhalten, den Gegner zu Fehlern zu zwingen. Aller Anfang ist nicht immer ganz einfach. Armenien wollen wir anders bespielen."

Nachgerade fassungslos machte der Start in die so sehnlichst erwartete und mit (über-)großen Hoffnungen aufgeladene Ära des neuen Bundestrainers Hansi Flick den Rekordnationalspieler Lothar Matthäus: "Deutschland hat viele Dinge vermissen lassen, die wir von dieser Mannschaft heute erwartet haben", setzte er in seiner Analyse als RTL-Experte an. "Keine 1:1-Situation, schlechte Läufe in die Tiefe, zu langsames Passspiel", monierte der 60-Jährige. Auch der Mut habe gefehlt. "Liechtenstein hat nur dreimal Foul gespielt", sagte er. Für den während seiner engagierten Aufarbeitung regelrecht zornig wirkenden Ehrenspielführer des DFB ein Indiz, dass "wir nicht eins gegen eins auf den Gegner zugelaufen" sind.

"Schade für die Zuschauer"

"Deswegen nur 2:0. Schade für die Zuschauer", erklärte Matthäus, der sich vor dem Spiel ein zweistelliges Ergebnis gewünscht hatte, weiter: "Da geht es nicht um Abstimmung. Wir haben den Ball nur um den Sechzehner laufen lassen. Wir haben viele falsche Entscheidungen getroffen." Nein, die Mannschaft habe nicht das gespielt, was Hansi Flick ihr vorgegeben habe. "Alle haben mehr erwartet. Viel, viel Arbeit liegt noch vor uns."

Während die deutschen Spieler den wenig euphorisierenden Pflichtsieg mit Erleichterung und ohne sichtbare Begeisterung quittierten, feierten die tapferen Liechtensteiner, die nie zuvor länger ein 0:0 gegen Deutschland gehalten und nie knapper gegen den viermaligen Weltmeister verloren hatten, die Niederlage mit Bratwurst und Bier, das man von der Tribüne auf den Rasen heruntergereicht hatte.

"Ich habe keinen Liechtensteiner Spieler gesehen, der kaputt war. Die mussten gar nicht viel laufen", hatte Matthäus vorher noch über die Gastgeber gestaunt. Nein, dieses Spiel, so empfahl es der aufgebrachte Matthäus, solle man besser "so schnell wie möglich abhaken". Zumindest aus deutscher Sicht. In Liechtenstein dagegen, beim 189. der FIFA-Weltrangliste, ein Zwergstaat mit 38.000 Einwohnern, wird man den Beginn der Ära Flick in bester Erinnerung behalten.

Quelle: ntv.de, ter

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