Collinas Erben

"Collinas Erben" suchen Gentlemen Fährmann wie Neuer im WM-Finale

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Das Knie voraus: Manuel Neuer trifft im Finale der WM auf den Argentinier Gonzalo Higuain.

(Foto: imago/BPI)

Elfmeter oder kein Elfmeter, das ist hier die Frage. Die stellt sich am 15. Spieltag der Fußball-Bundesliga oft. Vor allem in Wolfsburg, wo Manuel Gräfe sie zweimal bejahte. Auch in Freiburg und Köln bringen die Schiedsrichter die Dinge auf den Punkt.

Auch wenn es heute kaum mehr vorstellbar erscheint: Es gab tatsächlich einmal Zeiten, da kam der Fußball gänzlich ohne Strafstöße aus. Genau genommen war das bis 1891 der Fall - denn in den englischen Privatschulen, wo das Spiel seine Ursprünge hatte, war man davon überzeugt, dass ein Gentleman niemals absichtlich Foul spielen würde. Doch als der Wettbewerb stärker wurde und immer mehr auf dem Spiel stand, ließ sich diese Annahme nicht halten, und die Regeln wurden allmählich der Realität angepasst.

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So kam es auch zur Einführung des Strafstoßes, der zunächst nach jedem (!) mutwilligen Beinstellen oder Treten, das irgendwo auf dem Feld stattfand, verhängt und von einem beliebigen Punkt auf einer elf Meter vom Tor entfernten, parallel zur Torlinie verlaufenden "Sühnelinie" ausgeführt wurde. Erst 1902 schuf das International Football Association Board - bis heute die Instanz für Regeländerungen - den Elfmeterpunkt und beschränkte die Vergabe von Strafstößen auf Vergehen im (ebenfalls neu geschaffenen) Strafraum.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Seitdem sorgt die Frage, wann ein Verhalten so wenig gentlemanlike ist, dass es einen Elfmeter nach sich ziehen muss, immer wieder für hitzige Diskussionen. So auch am 15. Spieltag dieser Bundesligasaison, an dem es viele strittige Strafraumszenen gab. Vor allem Manuel Gräfe hatte bei der Partie zwischen dem Tabellenzweiten VfL Wolfsburg und dem Aufsteiger SC Paderborn 07 alle Hände voll zu tun.

In der 29. Minute entschied der Berliner Schiedsrichter auf Strafstoß für die Gastgeber, nachdem Stürmer Bas Dost nach einer scharfen Hereingabe in den Strafraum der  Gäste zu Boden ging. Der Paderborner Christian Strohdiek soll ihn regelwidrig zu Fall gebracht haben - eine Entscheidung, der eine ähnlich strenge Regelauslegung zugrunde lag wie eine Viertelstunde später dem Beschluss Gräfes, einem Tor von Dost die Anerkennung zu versagen, weil Strohdiek unmittelbar zuvor vom Wolfsburger Angreifer leicht am Fuß getroffen worden und daraufhin gestürzt war.

"Das ist für uns Strafstoß und Gelb"

Auch an der dritten umstrittenen Situation war Strohdiek beteiligt: In der 50. Minute ging Wolfsburgs Naldo im eigenen Strafraum mit einem "hohen Bein" gegen ihn vor. Der Paderborner Verteidiger hielt sich daraufhin - wenn auch mit einer kleinen Verzögerung - das Gesicht. Hatte Naldo ihn tatsächlich getroffen? Dann war der Elfmeter, den die Gäste bekamen, berechtigt. Wenn nicht, hätte es nur einen indirekten Freistoß wegen gefährlichen Spiels geben dürfen. Selbst die Zeitlupen, die dem Schiedsrichter nicht zur Verfügung stehen, gaben hier keinen wirklichen Aufschluss. Anders lag der Fall acht Minuten später, als Paderborns Alban Meha den einschussbereiten Dost recht eindeutig wegstieß. Hier wich Gräfe von seiner kleinlichen Linie bei den Strafraumszenen ab und ließ überraschenderweise weiterspielen, statt erneut auf Strafstoß für Wolfsburg zu erkennen und Meha wegen einer "Notbremse" des Feldes zu verweisen.

In Freiburg deutete der Unparteiische Wolfgang Stark derweil in seinem 300. Bundesligaspiel nur wenige Sekunden nach dem Anpfiff auf den ominösen Punkt, als der Hamburger Ronny Marcos seinen Gegenspieler Felix Klaus mit einem ungestümen Tritt an der Hüfte traf. Dass Klaus dabei bereits vorher zum Sinkflug ansetzte, mag einerseits zwar unsportlich erscheinen, ändert andererseits aber nichts daran, dass schon der Tritt als solcher eindeutig einen Elfmeterpfiff rechtfertigte. Allerdings hätte auch der HSV einen Strafstoß zugesprochen bekommen können, denn das Handspiel des Freiburgers Jonathan Schmid in der 58. Minute erfüllte durchaus den Tatbestand der "Vergrößerung der Körperfläche" und damit der Absicht. Stark ließ jedoch weiterspielen - und die Proteste der Gäste hielten sich in bemerkenswert engen Grenzen. Beim Thema Handspiel ist die Grenzziehung zwischen absichtlich und unabsichtlich nach wie vor oft alles andere als leicht.

Auch Starks Kollege Felix Brych verhängte beim Spiel des FC Schalke 04 gegen den 1. FC Köln einen berechtigten Strafstoß, nachdem Weltmeister Benedikt Höwedes den Kölner Pawel Olkowski im Strafraum kurz, aber effektiv und vor allem regelwidrig am Weiterlaufen gehindert hatte. Einen weiteren Elfmeter hätten die Gäste in der Nachspielzeit bekommen können, als Schalkes Schlussmann Ralf Fährmann bei einem Kölner Angriff zwar den Ball fing, jedoch mit dem Knie voraus in den Zweikampf ging und auf diese Weise Kölns Stürmer Thomas Bröker aus dem Weg räumte. Eine Szene, die ein wenig an die Aktion des deutschen Nationaltorhüters Manuel Neuer im WM-Finale gegen den Argentinier Gonzalo Higuain erinnerte. Damals hatte der Unparteiische ebenfalls weiterspielen lassen, was Hellmut Krug, den Schiedsrichtermanager der DFL, zu dem Urteil veranlasste: "Da ist der Torwart mit übermäßigem Körpereinsatz in den Zweikampf gegangen. Er hat zwar den Ball gespielt, dabei aber voll den Gegner erwischt. Das ist für uns Strafstoß und Gelb."

Eine untrügliches Gespür für die Situation bewies indessen Schiedsrichter Thorsten Schriever beim Zweitligaspiel zwischen 1860 München und dem Karlsruher SC. Als Karlsruhes Japaner Hiroki Yamada vom Münchner Verteidiger Gary Kagelmacher im Strafraum der Sechziger klar umgerissen wurde, wäre eigentlich nicht nur ein Strafstoß, sondern auch eine Rote Karte für Kagelmacher wegen einer "Notbremse" fällig gewesen. Doch Schriever wartete noch einen kleinen Moment ab - und diesen Moment nutzte Yamada, um den Ball im Fallen im Tor der Gastgeber unterzubringen. Der Referee gab den Treffer und zeigte dem Münchner nur Gelb statt Rot - zu Recht, denn dessen Versuch, ein Tor zu verhindern, war letztlich erfolglos geblieben. Manchmal benötigt auch ein Schiedsrichter einfach das Glück des Tüchtigen.

Quelle: ntv.de