Collinas Erben

"Collinas Erben": Neue Regeln bei EM Wenn der Teamarzt einen Elfer verschuldet

IMG_ALT
imago24201818h.jpg

Steht meist dort, wo der Ball hinkommt: Jérôme Boateng. Und falls er bei der EM doch mal zur Notbremse greifen müsste, droht ihm nicht mehr zwingend ein Platzverweis.

(Foto: imago/MIS)

Was ist mit der Notbremse? Und darf man ohne Schuhe spielen? Was ändert sich? Und warum? Werden wir bei der Fußball-EM sehen. "Collinas Erben" erklären die umfassendste Reform in der Geschichte der Fußballregeln.

Wenn am Freitag der Gastgeber Frankreich und die Auswahlmannschaft aus Rumänien um 21 Uhr im Stade de France zu St. Denis die Europameisterschaft eröffnen, werden wir womöglich bereits beim Anstoß merken, dass im Regelwerk des Fußballs einiges anders geworden ist. Denn sollte das anstoßende Team den Ball nicht wie bisher vorgeschrieben nach vorne, sondern zur Seite oder nach hinten spielen, würde der Schiedsrichter nicht eingreifen - weil das nun erlaubt ist. Vielleicht kommt es im weiteren Verlauf der Partie auch zu einer Notbremse im Strafraum, bei der ein Verteidiger den Ball mit seinem Tackling lediglich ganz knapp verfehlt.

Collinas-Erben.jpg

Dann gäbe es - neben dem obligatorischen Elfmeter - nur noch die Gelbe Karte und nicht mehr die Rote. Und sollte der - zugegebenermaßen sehr unwahrscheinliche - Fall eintreten, dass ein Mannschaftsarzt, der hinter dem Tor gerade einen verletzten Verteidiger pflegt, plötzlich auf den Platz läuft, um den Ball beherzt wegzuschlagen, der sonst ins leere Tor gekullert wäre, käme sein Team nicht mehr wie bisher mit einem Schiedsrichter-Ball davon. Vielmehr würde der Unparteiische dann einen Strafstoß verhängen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf ntv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Die Fußballregeln können auf eine lange und bewegte Historie zurückblicken, die am 26. Oktober 1863 begann. An diesem Tag nämlich trafen sich die Vertreter von zwölf Londoner Fußballclubs in der "Freemasons’ Tavern", einem beliebten Pub in der britischen Hauptstadt, um dort nachgerade Revolutionäres zu beschließen: zum einen die Gründung des ersten Fußballverbands der Welt, der Football Association (FA), und zum anderen ein einheitliches Regelwerk, mit dem das Nebeneinander verschiedener Auslegungen beendet werden sollte. Einer der bei der Versammlung anwesenden Vereine, nämlich Blackheath, weigerte sich zwar, das Verbot des Tretens gegen die Schienbeine des Gegners zu akzeptieren, und wurde später Gründungsmitglied der Rugby Football Union. Die elf anderen einigten sich jedoch und schrieben unter dem Vorsitz von Ebenezer Cobb Morley 14 Regeln nieder.

Widersprüche und Redundanzen beseitigt

Drei Jahre später wurde das International Football Association Board (Ifab) ins Leben gerufen, das bis heute über die Spielregeln wacht und für deren Modifikationen verantwortlich ist. Dem Ifab gehören neben dem englischen auch der nordirische, der walisische und der schottische Fußballverband an. Seit 1913 nimmt zudem die Fifa an den Konferenzen des Gremiums teil, auf denen jedes Frühjahr über mögliche Regeländerungen entschieden wird. In diesem Jahr haben die Regelhüter nach eigenen Angaben nicht weniger verabschiedet als die umfassendste Reform der Fußballregeln in deren Geschichte. Sie haben Ungereimtheiten, Widersprüche und Redundanzen beseitigt, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten, sowie Formulierungen vereinfacht, den Anmerkungsapparat verschlankt und das Regelbuch insgesamt benutzerfreundlicher gemacht.

Die Änderungen sind zahlreich, aber in weiten Teilen moderat. In vielen Fällen wurde lediglich im Regelwerk fixiert, was ohnehin bereits gängige Praxis war, beispielsweise, dass ein Spieler nach seiner Einwechslung sofort die Spielfortsetzung vornehmen darf, vorausgesetzt, er betritt zuvor den Platz - was er auch dann kurz tun müsste, wenn er einen Einwurf ausführen will. Oder dass bei der Beurteilung abseitsverdächtiger Situationen der Kopf, der Rumpf , die Beine und die Füße der Spieler maßgeblich sind - sowohl aufseiten der Angreifer als auch bei den Verteidigern -, nicht aber die Arme und Hände, auch nicht bei den Torhütern. Es gibt allerdings einige echte Neuerungen, wenngleich manche davon Situationen betreffen, zu denen es eher selten kommt:

Notbremsen: Künftig ist es bei Notbremsen im Strafraum von entscheidender Bedeutung, ob der betreffende Spieler die Möglichkeit hatte, den Ball zu spielen und dies auch versucht hat. Wenn ja, wird er nur verwarnt. Wenn nicht – oder wenn er seinen Gegenspieler durch Halten, Ziehen oder Stoßen um eine offensichtliche Torchance oder gar um ein Tor gebracht hat –, bleibt es wie bisher beim Platzverweis (und einer anschließenden Sperre). Gleiches gilt für die Verhinderung einer glasklaren Torchance durch ein Handspiel sowie für "Notbremsen" jedweder Art außerhalb des Strafraums.

imago24200336h.jpg

Tor Dr. Wilhelm Müller-Wohlfahrt? Dann doch eher Sami Khedira.

(Foto: imago/Schüler)

Spieleingriff durch Dritte: Wenn ein Ersatzspieler, ein ausgewechselter Spieler, ein des Feldes verwiesener Spieler oder ein Mannschaftsoffizieller (also zum Beispiel der Trainer oder der Teamarzt) ohne Genehmigung des Referees den Platz betritt und ins Spiel eingreift, gibt es einen direkten Freistoß oder - wenn dieser Eingriff im Strafraum geschieht - einen Strafstoß. Bislang verursachte ein Reservespieler, der auf den Platz lief, um den Ball wegzuschlagen, der sonst ins eigene Tor gegangen wäre, nur einen indirekten Freistoß. Bei einem Teambetreuer führte das gleiche Vergehen sogar lediglich zu einem Schiedsrichterball. Einen solchen gibt es gleichwohl weiterhin, wenn ein Zuschauer, ein Ordner oder ein Tier die Partie stört.

Torerzielung trotz Störung durch Dritte: Geht der Ball ins Tor, obwohl er vorher von einem Auswechselspieler oder einem Teamoffiziellen der verteidigenden Mannschaft oder von einem Außenstehenden (etwa einem Zuschauer oder einem Ordner) abgefälscht wurde, dann zählt der Treffer, sofern kein Abwehrspieler am Spielen des Balles gehindert wurde. Bislang war auch hier nur ein indirekter Freistoß respektive ein Schiedsrichter-Ball möglich. Hat dagegen eine Person, die der angreifenden Mannschaft zuzurechnen ist, gestört oder gar den Ball berührt, wird das Tor wie bisher annulliert.

Abbruch bei zu wenigen Spielern: Wenn eine Mannschaft im Laufe des Spiels dauerhaft auf weniger als sieben Spieler reduziert wird - etwa durch Platzverweise oder Verletzungen -, muss das Spiel abgebrochen werden. In Deutschland war der Abbruch bislang an zwei Bedingungen geknüpft: Das betreffende Team musste im Rückstand liegen und der Mannschaftskapitän den Schiedsrichter ausdrücklich um eine vorzeitige Beendigung der Partie bitten.

Spielen ohne Schuhe: Verliert ein Spieler versehentlich einen Schuh oder einen Schienbeinschoner, muss er ihn spätestens in der nächsten Spielunterbrechung wieder anziehen. Bis dahin darf er den Ball spielen.

Mehrere Vergehen gleichzeitig: Kommt es in einer Spielsituation gleichzeitig zu mehreren Vergehen eines Teams oder beider Mannschaften, muss der Unparteiische das schwerste hinsichtlich Sanktion, Spielfortsetzung, physischer Härte und taktischer Auswirkungen ahnden. Bislang galt diese Regelung nur bei mehreren gleichzeitigen Vergehen einer Mannschaft; verstießen beide Teams auf einmal gegen die Regeln, gab es einen Schiedsrichter-Ball.

imago24200857h.jpg

Bei der EM darf er sich nun bis zu 25 Sekunden auf dem Rasen behandeln lassen: Jérôme Boateng.

(Foto: imago/Revierfoto)

Verletzungsbehandlung auf dem Platz: Wird ein Spieler durch ein Foul verletzt, für das der Gegner eine Gelbe oder Rote Karte erhält, kann dieser Spieler eine kurze - das heißt, etwa 20 bis 25 Sekunden dauernde - Behandlung auf dem Feld in Anspruch nehmen, ohne wie bisher den Platz anschließend verlassen zu müssen. Damit soll vermieden werden, dass das Team des gefoulten und dabei verletzten Spielers vorübergehend in Unterzahl spielen muss.

Dezimierung während des Elfmeterschießens: Wird eine Mannschaft während eines Elfmeterschießens zur Spielentscheidung dezimiert – beispielsweise durch Platzverweise oder Verletzungen –, reduziert auch der Gegner die Zahl seiner Spieler (und damit potenziellen Schützen) entsprechend. Damit wird verhindert, dass das zahlenmäßig stärkere Team gegebenenfalls seinen schwächsten Schützen zum Elfmeterpunkt schicken muss, während die dezimierte Mannschaft ihren stärksten zum zweiten Mal antreten lassen kann. Diese Angleichung der Zahl der Spieler erfolgte bisher nur vor dem Beginn des Elfmeterschießens, aber nicht währenddessen.

Ort der Spielfortsetzung nach Abseits: In den Regeln hieß es bislang: "Entscheidet der Schiedsrichter auf Abseits, spricht er dem gegnerischen Team einen indirekten Freistoß an der Stelle zu, an der sich das Vergehen ereignete." Aber wo ereignet sich dieses Vergehen genau? Dort, wo sich der Angreifer im Augenblick des Abspiels befindet? Oder dort, wo er schließlich den Ball spielt beziehungsweise einen Gegner beeinträchtigt? Zwischen dem einen und dem anderen Ort können bisweilen etliche Meter liegen. Nun ist klargestellt: Den indirekten Freistoß gibt es dort, wo der Angreifer aktiv wurde.

Verteidiger außerhalb des Feldes: Ein Spieler der verteidigenden Mannschaft, der das Spielfeld ohne die Erlaubnis des Schiedsrichters verlässt - und sei es, dass er im Zuge eines Zweikampfs über eine der Linien gerät -, gilt in Bezug auf die Abseitsregel als auf der Tor- oder Seitenlinie stehend, bis entweder das Spiel zum nächsten Mal unterbrochen wird oder das verteidigende Team den Ball in Richtung Mittellinie gespielt und die Kugel den Strafraum verlassen hat. Bislang hob dieser Abwehrspieler stets bis zur nächsten Spielunterbrechung das Abseits auf. Verlässt der Verteidiger erkennbar absichtlich den Platz - etwa weil er glaubt, so einen Stürmer ins Abseits stellen zu können -, wird er außerdem wie bisher schon verwarnt.

Angreifer außerhalb des Feldes: Umgekehrt darf ein Angreifer weiterhin aus taktischen Gründen den Platz verlassen oder außerhalb des Spielfelds bleiben, um sich einer Abseitsstellung zu entziehen. Einschränkend heißt es nun jedoch: "Wenn der Spieler das Spielfeld von der Torlinie aus wieder betritt und sich vor der nächsten Spielunterbrechung am Spiel beteiligt oder das verteidigende Team den Ball in Richtung Mittellinie gespielt hat und dieser den Strafraum verlassen hat, gilt der Spieler für die Zwecke der Abseitsregel als auf der Torlinie stehend."

Vorteilsregel bei Platzverweis: Wenn ein Spieler mit der Roten oder der Gelb-Roten Karte des Feldes verwiesen werden soll, der Schiedsrichter jedoch die Vorteilsregel anwendet – was er nach platzverweiswürdigen Vergehen nur soll, wenn eine eindeutige Torchance gegeben ist –, darf dieser Spieler sich nicht mehr am Spiel beteiligen. Der Platzverweis wird dann in der nächsten Spielruhe ausgesprochen. Greift der Spieler dennoch vorher ein – etwa durch das Spielen des Balles oder durch das Angreifen eines Gegners –, unterbricht der Referee die Partie, zeigt die Karte und gibt einen indirekten Freistoß für die gegnerische Mannschaft.

Verstöße gegenüber anderen als den gegnerischen Spielern: Vergehen auf dem Spielfeld gegen Mitspieler, Ersatzspieler, ausgewechselte Spieler, Teamoffizielle oder den Schiedsrichter und seine Assistenten führen nun durchweg zu einem direkten Freistoß, im Strafraum zu einem Strafstoß. Erklärend heißt es dazu in den Regeln: "Der Fußball würde ein schwaches/schlechtes Signal aussenden, wenn ein Vergehen an einem Spieloffiziellen lediglich" – wie bisher vorgesehen – "mit einem indirekten Freistoß bestraft würde".

Foul außerhalb des Platzes: Kommt es im Zuge eines Zweikampfes zu einem Foul außerhalb des Feldes, gibt es nunmehr einen Freistoß auf der entsprechenden Begrenzungslinie. Findet das Foul hinter der Tor(aus)linie im Bereich des Strafraums statt, gibt es einen Strafstoß. Dass die Partie in solchen Fällen bislang mit einem Schiedsrichter-Ball fortgeführt wurde, lag daran, dass Freistöße und Strafstöße nur bei einem Kontakt auf dem Spielfeld verhängt werden konnten.

Verstöße beim Elfmeter: Wenn ein Strafstoß nicht nach vorne ausgeführt wird, ein anderer als der für alle klar ersichtliche Schütze zum Elfmeter anläuft oder der Schütze nach vollendetem Anlauf seine Schussbewegung abbricht – den Schuss also nur vortäuscht –, gibt es nun einen indirekten Freistoß für die verteidigende Mannschaft. In den beiden letztgenannten Fällen wird der betreffende Spieler außerdem verwarnt. Eine Gelbe Karte bekommt zudem der Torwart, wenn er sich beim Strafstoß zu früh von seiner Linie nach vorne bewegt und der Ball nicht ins Tor geht. Nach wie vor erlaubt ist dem Elfmeterschützen die Finte, beim Anlauf zwischenzeitlich abzustoppen.

Anstoß auch nach hinten möglich: Der Anstoß kann jetzt auch zur Seite oder nach hinten ausgeführt werden - bislang musste man ihn nach vorne spielen. Sollte unwahrscheinlicherweise dieser Anstoß direkt ins eigene Tor geschossen werden, würde der Treffer nicht zählen. Stattdessen gäbe es eine Ecke für den Gegner.

Neu ist zudem, dass der originäre Regeltext und die zahlreichen Anmerkungen zu seiner Auslegung miteinander verschmolzen wurden und nicht mehr getrennt im Regelbuch stehen. Das erhöht die Übersichtlichkeit und Verständlichkeit erheblich. Die neuen Regeln gelten grundsätzlich seit dem 1. Juni, weil das Ifab wollte, dass sie bereits bei der EM angewendet werden können. Im Bereich des DFB treten sie erst zum 1. Juli in Kraft, die noch laufende Saison im Amateurbereich wird also nach den bisherigen Regeln zu Ende gespielt.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.