Redelings Nachspielzeit

Aber warum kniff Matthäus? Als Brehme zur unsterblichen Legende wurde

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Es ist der wichtigste Elfmeter der Karriere.

(Foto: imago/WEREK)

Ganz Fußball-Deutschland wird Andreas Brehme nie diesen einen entscheidenden Elfmeter vergessen. Im WM-Finale 1990 in Rom gegen Argentinien übernimmt er überraschend anstelle von Lothar Matthäus die Verantwortung für eine ganze Nation.

8. Juli 1990, 85. Spielminute, WM-Finale in Rom, Deutschland gegen Argentinien. Andreas Brehme steht am Elfmeterpunkt. Minuten zuvor hatte Schiedsrichter Edgardo Codesal den Deutschen einen Strafstoß zugesprochen, nachdem Roberto Sensini Rudi Völler zu Fall gebracht hatte. Die Argentinier waren geschockt und lamentierten energisch. Doch sie hatten ja noch einen echten Faustpfand, ein Ass im Ärmel bzw. zwischen den Pfosten. Im Tor stand ihr Elfmetertöter Goycochea.

Dass nun ausgerechnet Andy Brehme am Elfmeterpunkt darauf wartete, dass der Ball endlich freigegeben würde, lag an einem fast schon irrwitzigen Umstand. Denn Lothar Matthäus, der noch im Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei die Kugel von der Elf-Meter-Marke in den Kasten gehämmert hatte, hatte freiwillig in diesem historischen Moment auf die Ausführung des Elfers verzichtet. Der Grund: In der ersten Halbzeit war ein Schuh des Kapitäns des deutschen Teams kaputtgegangen und er hatte sein Paar komplett wechseln müssen.

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Und noch eine kuriose Geschichte am Rande: Die Treter, die Matthäus zuvor angehabt hatte, hatte sich ausgerechnet der größte Rivale der Deutschen in diesem Endspiel, der argentinische Superstar und Weltmeister Diego Armando Maradona, zwei Jahre zuvor beim Abschiedsspiel von Michel Platini von ihm geliehen gehabt - weil er seine eigenen Schuhe vergessen hatte. Unglaublich! Aber daran sieht man, das Matthäus dieses Paar schon länger in Gebrauch hatte und deshalb seine Begründung, warum er seinem Freund und Mannschaftskameraden Brehme den Vortritt beim Strafstoß ließ, auch nicht mehr ganz so abenteuerlich klingt: "Mit neuen Schuhen geht man ja auch nicht gleich zum Opernball".

"Wenn du den reinmachst ..."

Was dann geschah, ist Legende. Andreas Brehme verwandelte, wie wir alle wissen, cool und lässig, in die linke untere Ecke. Goycochea hatte keine Chance, den Ball zu erreichen. Dass der damalige Spieler von Inter Mailand die Kugel in dieser herausragenden Situation so ruhig und abgeklärt im Kasten der Argentinier versenkte, ist gar nicht einmal so selbstverständlich gewesen, wie es aussah und wie viele Fußballfans heute noch glauben. Denn eine Sache ist in diesem Augenblick genau wie sieben Jahre zuvor gewesen - damals war Brehme als Spieler des 1. FC Kaiserslautern am Münchner Torhüter Jean-Marie Pfaff gescheitert. In einer historischen Partie, als die Bayern erstmals in blau-gelben Trikots auf dem Betzenberg antraten. Gescheitert wohl vor allem deshalb, weil der belgische Nationalkeeper Brehme unmittelbar vor der Ausführung folgendes ins Ohr geflüstert hatte: "Den halte ich jetzt. Mit so einem falschen Elfmeter dürft ihr doch nicht gegen uns gewinnen!"

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Und nun stand Andy Brehme im Olympiastadion von Rom im WM-Finale unverhofft und einsam am Elfmeterpunkt und was tat sein Mannschaftskamerad Rudi Völler? Mitten in die wildesten Tumulte der Argentinier um die beiden herum, trat Völler an Brehmes Seite und hauchte ihm verschwörerisch-ernst den ungemein klugen wie in dieser äußersten Stress-Situation so fürchterlich gemeinen Satz ins Ohr: "Andy, wenn du den reinmachst, sind wir Weltmeister."

Dieses Mal aber ließ sich der gebürtige Hamburger nicht aus dem Konzept bringen und entschied in diesem Moment auf gewisse Weise auch den Rest seiner Lebens und seiner Karriere. Denn als Brehme einige Jahre später Trainer des 1. FC Kaiserslautern werden sollte, sagte Lauterns damaliger Präsident Jürgen Friedrich: "Wer einen Elfmeter schießen kann, kann auch ein guter Trainer werden." Das war jedoch leider ein Missverständnis. Sein Ausflug ins Übungsleiterfach war nicht von langer Dauer und vor allem nicht von Erfolg gekrönt.

Brehme weint in Völlers Armen

Mit Völler verbindet Brehme noch eine andere besondere Geschichte. In der Spielzeit 1995/96 kam es im Bundesliga-Keller zu einem denkwürdigen Abstiegsendspiel zwischen Bayer Leverkusen und dem 1. FC Kaiserslautern. Acht Minuten vor Schluss schoss Markus Münch, in seiner letzten Partie für die Leverkusener, damals das wichtigste Tor seiner Karriere. Es war der 1:1-Ausgleich, der Bayer rettete und Lautern in die zweite Liga beförderte.

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Noch so ein Moment für die Ewigkeit.

(Foto: imago images/HJS)

Nach der Begegnung kam es im TV-Studio von "Premiere" zu herzzerreißenden Szenen, als Lauterns Brehme in den Armen seines Weltmeister-Kollegen Völler live vor einem Millionenpublikum bittere Tränen des Abstiegsschmerzes vergoss. Brehme war untröstlich. Erst als sein Trainer Eckhard Krautzun eintraf, schnäuzte sich Brehme und sprach mit verstopfter Nase und tränenerstickter Stimme einige schwer verständliche Worte ins Mikrofon. Völler, der an diesem Tag das letzte Spiel seiner Karriere bestritten hatte, hielt Brehme die ganze Zeit über tröstend im Arm.

Was beide damals noch nicht ahnen konnten: Genau zwei Jahre später waren die Tränen nicht nur mehr als vergessen, Brehme durfte auch wieder jubeln - und wie. Zusammen mit seinem 1. FC Kaiserslautern hatte der Aufsteiger das einmalige Wunder vollbracht, nur zwei Jahre nach dem Abstieg die deutsche Meisterschaft zu holen. Brehme hatte schon mitten in der Saison gesagt: "Es wäre natürlich das Größte, wenn ich mit dem Meistertitel abtreten könnte." Als es tatsächlich so kam, war er nur noch glückselig.

Nicht gerade als Intellektueller bekannt

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Eine Sache wird Andreas Brehme bis an sein Lebensende ebenso wie der Weltmeistertitel begleiten: Seine verbalen Lattentreffer - wie "Wenn der Mann in Schwarz pfeift, kann der Schiedsrichter auch nichts mehr machen" oder "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß" - sind in die Geschichte des deutschen Fußballs eingegangen. TV-Komiker Harald Schmidt umschrieb diese spezielle Begabung einmal mit seinen Worten: "Was mir ja an Andy Brehme so imponiert, ist, dass er nicht ständig den Intellektuellen raushängen lässt".

Was allerdings nur wenige wissen: Brehme ist auch der Wegbereiter des legendären Spruchs von Jürgen "Kobra" Wegmann ("Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech hinzu"), als er einmal so schön philosophisch formulierte: "Tatsache ist, dass wir in dieser Saison noch kein Spiel mit Glück gewonnen, sondern lediglich Spiele mit Pech verloren haben."

In den letzten Jahren ist es deutlich ruhiger um den Weltmeister von 1990 geworden. Die Schlagzeilen rund um den Helden von Rom, den die "Hörzu" einst so beschrieb - "Andreas Brehme, der lange Jahre seiner Karriere als Filigrantechniker so viel galt wie Rambo Stallone als Charakterschauspieler" -, haben nur noch selten etwas mit Fußball zu tun. Und doch werden ihm die Fans der deutschen Nationalmannschaft nie diesen einen Moment vergessen, als er für eine ganze Nation die Verantwortung übernahm und den entscheidenden Strafstoß zum WM-Titel im Kasten des argentinischen Torhüters versenkte. Heute feiert Andreas Brehme seinen 60. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch, alles Gute und Glück auf, unserer unsterblichen Legende von Rom!

Quelle: ntv.de