Redelings Nachspielzeit

Unbarmherziger Weltmeister Als Klaus Augenthaler Rudi Völler fies foulte

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Keine Kompromisse: Klaus Augenthaler zerlegt Rudi Völler.

Klaus Augenthaler ist ein Mann der vielen Gesichter. In München bezeichnete Franz Beckenbauer ihn einst als "Blinden" und Udo Lattek bescheinigte ihm ein dünnes Nervenkostüm. Doch 1990 wurde Deutschland auch dank eines überragenden Augenthalers Weltmeister. Zusammen mit Rudi Völler, den er einst so verhängnisvoll gefoult hatte!

Klaus Augenthaler erinnert sich noch genau an die ersten Tage beim großen FC Bayern München. Fast die ganze Mannschaft war ein Jahr zuvor Weltmeister im eigenen Land geworden und nun kam er im Sommer 1975 daher, der Abwehrspieler vom FC Vilshofen. Zurückhaltend schaute er sich an, was da mit ihm passierte. Niemand redete ein Wort mit ihm und wenn doch, dann waren es keine Nettigkeiten, die ausgetauscht wurden. Auch der "Kaiser" Franz Beckenbauer ließ Augenthaler spüren, dass er ihn nicht unbedingt brauchte. Der spätere Nationalspieler weiß noch aufs Wort, was Beckenbauer damals auf dem Platz zu ihm sagte: "Unser erstes gemeinsames Spiel war in Graz. Wir verloren 3:7, ich wurde eingewechselt. Und Franz, der Weltmeister, der weltbeste Libero, meinte nur: 'Mit den Blinden mag ich nimmer spielen.' Ich hätte mich am liebsten entschuldigt."

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Auch im Training hatte Augenthaler nicht viel zu bestellen. Wenn er einmal ein bisschen härter gegen Beckenbauer, Maier oder Müller einstieg, dann schallte es ihm direkt entgegen: "Du, Wäldler, halt dich bloß zurück." Bulle Roth haute "Auge" eines Tages aus den Schuhen raus, und Jupp Kapellmann zischte ihm zu: "Geh zurück, wo du herkommst." Doch der Assistenztrainer der Bayern, Werner Olk, hatte ein Einsehen mit dem jungen Mann. Er bläute Augenthaler ein: "Du musst dich wehren." Und der Weltmeister von 1990 wehrte sich: "Da habe ich dem Jupp Schläge angedroht und ihn zweimal rasiert. Ab da war Ruhe." Unvergessen auch, wie ihn der damalige Jugendnationaltrainer Herbert Widmayer in die weite Welt des Fußballs einführte: "Der kommt aus dem Bayerischen Wald, der muss erst lernen, mit Messer und Gabel zu essen."

"Der Rudi ist zu schnell"

Augenthalers Teamkollege Sepp Maier prophezeite ihm damals: "Der wird irgendwann mal so weit sein, dass er eine Kuh aus 100 Metern Entfernung erschießt." Tatsächlich sollte der Niederbayer Jahre später genau mit dieser Spezialität das "Tor des Jahrzehnts" erzielen - als er im August 1989 im DFB-Pokal Frankfurts Uli Stein aus über 50 Metern Entfernung überwand. Damals war Augenthaler schon längst ein etablierter Bundesligastar. Doch auch bereits kurz nach seinen Anfängen war Augenthaler schon zu einem begehrter, feschen Jungspieler geworden. Als Dressman warb er in diesen Tagen für die Jeansfirma "Outsider" und erhielt als Honorar stolze 100.000 Mark. Der 21-Jährige war aber ohnehin immer sehr geschäftstüchtig: Er führte zwei Sportgeschäfte mit drei Angestellten, warb für einen Elektrokonzern und war zudem Geschäftsführer einer Werbe- und Veranstaltungsfirma.

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Es lief gut bei Klaus Augenthaler, viele Jahre lang ging es nur bergauf - bis zu diesem spektakulären 23. November 1985, als Bayern zu Hause gegen Werder mit 3:1 gewann und auf dem Platz geholzt wurde wie selten zuvor. In der 16. Minute trat Klaus Augenthaler den stürmenden Rudi Völler ohne die geringste Chance, an den Ball zu kommen, von den Beinen. Der Werderaner blieb erst lange verletzt liegen, wurde dann ausgewechselt und fiel anschließend mit einem Adduktorenanriss Monate aus. Augenthaler sagte hinterher völlig emotionslos: "Ich sah nur etwas Grün-Weißes auf unseren Strafraum zukommen." Und sein Trainer Udo Lattek gab indirekt gar Völler die Schuld an seiner Verletzung: "Der Rudi ist zu schnell!"

Genau genommen waren die Worte nicht nur ein Hohn gegenüber dem Werder-Profi, sondern auch gegenüber Klaus Augenthaler. Denn was Lattek tatsächlich von ihm hielt, erfuhr er der Niederbayer erst Jahre später. Der langjährige FCB-Meistertrainer Lattek war zum 1. FC Köln gewechselt und gab dort als Technischer Direktor vor der Partie des FC gegen den FC Bayern München im Mai 1989 in der Kabine letzte Anweisungen an seine beiden Stürmer Allofs und Povlsen: "Geht Augenthaler nicht aus dem Weg, riskiert Zweikämpfe. Ihr gewinnt sie, denn er hat nichts drauf. Und dann verliert er die Nerven." Klar, dass Latteks Duzfreund Klaus von dieser Aussage nicht begeistert war. Nach der Partie sagte er: "Das war kein Fußball, das war Krieg. Und den haben wir Lattek zu verdanken." Zwar gelang Thomas Allofs an diesem Tag ein Tor, doch das Spiel endete 3:1 für die Münchener - und so wurde Bayern Meister.

Die Sache mit der Doping-Kontrolle

Augenthaler war allerdings selbst auch nie ein Kind von Traurigkeit: "Wenn ich nach dem Spiel in die Kabine komme und es braucht keiner einen Verband, dann hab' ich was verkehrt gemacht". Was das konkret bedeutete, hat einmal Uli Hoeneß erzählt. Der Bayern-Manager hatte damals konkret über eine Verpflichtung von Diego Maradona nachgedacht. Schließlich war er aber froh, diesen Plan fallen gelassen zu haben. Die Eskapaden des argentinischen Superstars hätten in München zu Problemen geführt: "Was glauben Sie, was der Klaus mit dem Maradona angestellt hätte, wenn der bei uns solche Sperenzchen wie in Neapel gemacht hätte"!

Im Sommer 1990 krönte derselbe Augenthaler, den Lattek noch kurz zuvor mit seinen Worten in alle Einzelteile zerlegt hatte, seine Karriere mit dem Weltmeister-Titel. Über die Wochen in Italien erzählt der Fürstenzeller wunderbare Geschichten. Nach dem WM-Finale habe er damals vier Stunden bei der Doping-Kontrolle gesessen: "Es ging nicht. Schaut dir ein über Siebzigjähriger von der Fifa zu und dann geht wieder nichts mehr. Erst als der eine sagte, er wolle mein Sweatshirt von der Nationalmannschaft haben, haben sie mich gehen lassen. Als ich zur Feier kam, waren alle schon gut dabei!"

Karriereende mit Kippe und Weißbier

Zum Autor
  • Ben Redelings ist ein Bestseller-Autor und Komödiant aus dem Ruhrgebiet.
  • Sein aktuelles Buch "60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum" ist ein moderner Klassiker aus dem Verlag "Die Werkstatt"

  • Mit seinen Fußballprogrammen ist er deutschlandweit unterwegs. Infos & Termine auf www.scudetto.de.

Und da Augenthaler gerade frisch Vater geworden war, kam die Frau mit dem Kind und Sack und Pack zur Siegesfeier ins Hotel. Als Augenthaler nach einer langen Nacht am nächsten Morgen früh aufstand, schaute er vom Hotel-Balkon runter und sah Torwarttrainer Sepp Maier mit dem frisch gekauften rosa Kinderwagen der Familie Augenthaler: "Ich weiß nicht mehr, welcher Spieler drinsaß, vermutlich Thomas Häßler. Und der Sepp fährt mit ihm über den Rasensprenger."

"Der Spiegel" schrieb einmal über Augenthaler: "Wie die Eiche einen Wald von Krüppelkiefern überragt der Weltmeister Augenthaler das Nürnberger Fußball-Biotop. Er ist, was der Club einmal war und gern wieder wäre: sieggewohnt, fußballverrückt, bodenständig." Eine schöne Umschreibung für den Niederbayern. Aber auch das war Augenthaler: Am Tag, als der Mann vom FC Bayern seine Karriere als Fußballer beendete, griff er schon Sekunden nach seiner Auswechselung in seinem eigenen Abschiedsspiel nach einem Weißbier und zündete sich genüsslich eine Zigarette an. Er war eben schon immer ein Mann der vielen Gesichter ("Mich kennt keiner wirklich. Selbst meine Frau fragt mich manchmal: Bist du wirklich so?") - der so manchen Journalisten mit seinem feinen Humor aufs Glatteis führen konnte. Unvergessen der Satz: "Wenn sie glauben, sie haben einen Blöden vor sich, dann sind sie bei mir an der richtigen Adresse." Heute feiert Klaus Augenthaler seinen 65. Geburtstag. Alles Gute und Glück auf!

Quelle: ntv.de

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