Redelings Nachspielzeit

Meisterfeier schon vorbereitet Als Schalke den FC Bayern demütigte

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Sand auf dem Weg zum Tor, der FC Bayern geschlagen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Heute vor zwanzig Jahren hat der FC Schalke 04 den FC Bayern in dessen Stadion gedemütigt. Damals sah die Welt auf Schalke so komplett anders aus als heute. Die Mannschaft brillierte und die Stadt bereitete sich auf eine Riesenparty zu Ehren des kommenden Meisters vor!

Zwanzig Jahre können eine Ewigkeit sein - ganz besonders im Fußball. In diesen Tagen steigt der FC Schalke 04 wohl zum vierten Mal in die zweite Fußball-Bundesliga ab. Wie groß ist da der Gegensatz zum Jahr 2001? Am 14. April vor genau zwanzig Jahren hatte der FC Schalke 04 im Münchener Olympiastadion gerade den FC Bayern in einer fußballerischen Lehrstunde mit 3:1 besiegt und sich damit den ersten Tabellenplatz gesichert.

Es war der Tag, als auf Schalke der Traum von der ersten deutschen Meisterschaft nach 43 Jahren so greifbar nahe schien, dass sich eine ganze Stadt auf den "Ausnahmezustand" vorbereitete. Vorneweg schritt der damalige Oberbürgermeister von Gelsenkirchen, Oliver Wittke. Doch sein optimistischer Aktionismus kam nicht bei allen gut an. Schalkes legendärer Manager Rudi Assauer hielt von den Partyplänen des Stadtoberhaupts überhaupt nichts. Ganz im Gegenteil. Er war richtig sauer auf den Oberbürgermeister: "Wir organisieren doch keine Fete, bevor die Schale nicht in Gelsenkirchen ist."

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Feierstunde.

(Foto: imago/Sammy Minkoff)

Dabei ist es Assauer höchstpersönlich gewesen, der einige Monate zuvor mit einem seiner berühmten, lockeren Sprüche die Euphorie am Schalker Markt noch zusätzlich angeheizt hatte. Kurz vorm Heiligen Abend hatte das königsblaue Urgestein lächelnd gemeint: "Ich habe erfahren, es wurden mehr Blautannen als sonst vor Weihnachten verkauft." Ein Satz, der die Stimmung der Schalker Gemeinde auf den Punkt brachte.

"Wer soll Schalke stoppen?"

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich Gelsenkirchen und in ganz Deutschland die vielen Hunderttausenden Fans des FC Schalke 04 bereits in Ekstase. Die Vorfreude auf den Titel war unbeschreiblich - auch beim Oberbürgermeister. Und der ließ seine Stadt tüchtig herausputzen, denn er wusste: "Allein aus Imagegründen ist Schalke für uns Gold wert." Und damit hatte er in diesen unglaublichen Tagen des Frühjahrs 2001 ganz besonders Recht. Der FC Schalke 04 spielte so groß auf, dass sich die Medien unisono fragten: "Wer soll diese Mannschaft noch stoppen?"

Mit einem Dreierpack hatte der beliebte Däne Ebbe Sand den FC Bayern München an diesem 14. April 2001 fast im Alleingang besiegt. Einer der Zuschauer im Olympiastadion, Franz Beckenbauer, hatte hinterher fast schon ehrfürchtig über die "Schalker Meister-Maschine" gemeint: "Spielerisch ist dieses Team zurzeit einfach überragend." Die Königsblauen rannten und kämpften plötzlich nicht mehr nur, nein, sie setzten ihre brandgefährlichen Stürmer Emile Mpenza, Ebbe Sand und Gerald Asamoah immer wieder gezielt in Szene.

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Und dafür war maßgeblich ein Überraschungstransfer verantwortlich, der vor der Saison für viel Furore gesorgt hatte. Doch Manager Rudi Assauer und Trainer Huub Stevens wollten dieses letzte Mosaiksteinchen auf dem Weg zum Titel unbedingt: Andreas Möller, vom ewigen Rivalen und Nachbarn Borussia Dortmund.

Als im Sommer 2000 der Wechsel bekannt wurde, meinte BVB-Manager Michael Meier erschrocken: "Wir haben ihm nicht gesagt, dass er bekloppt ist. Aber gedacht haben wir es schon." Als Möller dann zum ersten Mal im Parkstadion auflief, hingen Plakate wie dieses am Zaun: "Zecke Möller - willkommen in der blau-weißen Hölle". Doch für viele überraschend erkämpfte sich der Ex-Dortmunder recht schnell den Respekt der Schalker Gemeinde. Seine guten bis überragenden Leistungen und der hervorragende Start der gesamten Mannschaft in die Saison halfen dabei natürlich sehr. Und auch für das Klima innerhalb des Teams war der Wechsel Möllers zu den Königsblauen Gold wert.

Am Ende bleiben nur vier Minuten

Denn als die Schalker nach der Winterpause plötzlich schwächelten und über 400 Minuten ohne Treffer blieben, zahlte sich der neue Zusammenhalt - an dem gerade Möller fleißig mitgearbeitet hatte - beim Herbstmeister aus. Einmal die Woche traf man sich damals abwechselnd in den Gaststätten "Kronski" und "Zutz" zum gemeinsamen Umtrunk. Fast die Hälfte der Mannschaft erschien an diesen Abenden, redete über "Gott und die Welt", lachte miteinander und erstickte aufkommende Unruhen gleich im Keim. Andreas Möller war sich sicher: "Unsere Mannschaft hat Charakter."

Wie die Geschichte ausging, wissen wir zwanzig Jahre danach natürlich nur zu gut. Fünf Spieltage später war der Traum vom Titel ausgeträumt und aus dem ehemaligen Tabellenführer FC Schalke 04 war der "Vier-Minuten-Meister" und der "Meister der Herzen" geworden. Am Abend des unvergessenen letzten Spieltags im Mai sagte der schwer angeschlagene Rudi Assauer schließlich mit tränenerstickter Stimme seine zwei legendären Sätze: "Wenn es einen Fußballgott gibt, ist er ungerecht. Der ist für mich gestorben."

Oberbürgermeister Wittke wird wohl dankbar gewesen sein, dass der Schalker Manager nicht ihm die Schuld am tragischen Saisonausklang gegeben hatte. Denn ein weiterer Glaube ist im Fußball fast noch stärker als der an den Fußballgott. Es ist der Aberglaube. Und diesen hatte das Gelsenkirchener Stadtoberhaupt mit seinen Planungen für eine riesige Meisterschaftsparty tüchtig herausgefordert.

Quelle: ntv.de

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