Redelings Nachspielzeit

Eine seltsam andere Zeit Als der BVB die Bayern eiskalt dominierte

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Es gab Zeiten, da war Borussia Dortmund unschlagbar für den FC Bayern. Diese Zeiten sind lange vorbei.

(Foto: imago sportfotodienst)

Eine Partie zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern lässt Fanherzen immer höher schlagen. Doch es ist lange her, dass sich beide Klubs auf echter Augenhöhe begegneten. Was ist seitdem nur geschehen?

Am heutigen Samstag treten Borussia Dortmund und der FC Bayern München wieder einmal gegeneinander an. Ein mit Spannung erwartetes Duell, denn beide Teams sind punktgleich. Es geht also um nichts weniger als den Platz an der Tabellenspitze. Doch es ist mittlerweile verdammt lange her, dass die Borussia diesen ersten Rang auch am Ende einer Spielzeit innehatte.

Es scheint wie aus einer anderen Zeit - und tatsächlich muss man sich kurz kneifen, wenn man ein achtjähriges Kind sieht und sich vergegenwärtigt, dass dieser junge Mensch noch nie einen anderen deutschen Fußballmeister kennengelernt hat als den FC Bayern München. Ein nostalgischer Rückblick - und der Versuch einer möglichen Erklärung für das allzu große Vakuum zwischen den Bayern und dem Rest der Liga.

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Es ist das Jahr 2011. Die Mannschaft des Ballspielvereins Borussia 09 e. V. Dortmund spielt einen hervorragenden Fußball, mit einem sehr jungen Team (Klopp: "Bei unserem letzten Sieg in München wurden die meisten meiner Spieler noch gestillt".) und begeistert die Nation. Nach dem Titelgewinn sagt der erfolgshungrige wie populäre Trainer Jürgen Klopp: "Wenn du das Glück an dem Tag eingesammelt und es in die Welt rausgeschossen hättest, dann hätte noch ganz China gegrinst." Das Schlusswort dieser Spielzeit gehört damals, in diesen glückseligen schwarz-gelben Zeiten, jedoch dem Keeper Roman Weidenfeller: "We have a grandios Saison gespielt!" Komplette Zustimmung - und das war erst der Anfang.

"Das ist peinlich"

Denn eine Saison danach ist alles noch viel größer, besser und perfekter. Mit 81 Zählern stellt der BVB am Ende der Spielzeit einen neuen Punkterekord auf. Nie zuvor hat ein Team zudem in einer Halbserie mehr Zähler (47) geholt als die Borussia in der Rückrunde. Nur der FC Bayern München schaffte in der Spielzeit 1972/73 ebenso viele Saisonsiege (25) wie der BVB. In 28 Partien hintereinander bleiben die Dortmunder ungeschlagen und verzeichnen zu guter Letzt bei den Zuschauerzahlen auch noch einen neuen Bundesligarekord. Im Schnitt sehen 80.522 Anhänger die Partien des BVB im heimischen Stadion.

Unglaublich auch wie souverän die immer noch junge Mannschaft auftrumpft und im entscheidenden Moment die Nerven behält. Denn sie meistert auch den Knackpunkt der Saison im Kampf um den Titel, als sie im direkten Duell am 30. Spieltag mit einem 1:0-Erfolg den FC Bayern niederringt. Als der Niederländer Arjen Robben in der 86. Minute mit seinem Elfmeter an BVB-Keeper Roman Weidenfeller scheitert, bedeutet dies den gefühlten Titelgewinn. Robben ist untröstlich: "Ich habe in den letzten drei Jahren zehn oder elf Elfmeter in Folge verwandelt. Heute war es der erste, den ich verschossen habe. In so einem Moment, das ist bitter. Ja, das ist peinlich."

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Und Franz Beckenbauer ist nach der Partie sogar richtig sauer: "Bei mir als Trainer hätte Robben nicht geschossen. Es ist Gesetz im Fußball, dass der Gefoulte nicht schießt, aber vielleicht ist das Gesetz geändert worden oder noch nicht bis nach Holland durchgedrungen." Es ist der Sommer 2012 - und es ist die letzte entscheidende Schmach, die der FC Bayern in der Bundesliga seit diesem Tag bis heute erfahren musste.

Triple zementiert Spitzenstellung

Weniger als zwölf Monate später übertreffen die Münchener die neue Bestmarke des BVB spielend. 91 Punkte sind bis heute Bundesligarekord. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagt nach dem beispiellosen Durchmarsch seines Klubs: "Der FC Bayern 2012/13 war ein Sommer-, ein Herbst-, ein Frühjahrs- und ein Wintermärchen - alles in einem."

Bereits am 28. Spieltag stand der neue Deutsche Meister damals fest - mitten in den letzten hartnäckigen Zügen eines kalten Winters. Der 68-jährige Bayern-Trainer Jupp Heynckes merkte lächelnd an: "Bei solch kühlen Temperaturen bin ich noch nie Meister geworden, weder als Spieler noch als Trainer."

Und dann geschah etwas, das nachhaltig die Weichen für den BVB und den FC Bayern für die Zukunft stellen sollte. Das rein deutsche Champions-League-Finale zwischen den beiden Vereinen im Londoner Wembleystadion 2013 endete mit einem glücklichen Sieg für die Münchener. Das Triple, das die Bayern dann schlussendlich in dieser Spielzeit für sich holen konnten, zementiert bis auf den heutigen Tag die unangefochtene Spitzenstellung des Abonnement-Meisters.

Stellt der BVB die Bayern-Dominanz infrage?

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Als die Dortmunder dann auch noch den Weggang ihres Kronjuwels Mario Götze ausgerechnet zum FC Bayern verkraften mussten, war es um die spielerische Leichtigkeit - im doppelten Sinne - des gesamten Vereins geschehen. Der Klub erholte sich nur schwer von diesen beiden fußballerischen Schicksalsschlägen.

Aus zwei Vereinen auf kompletter Augenhöhe, die gefühlt beide jederzeit die Spitzenposition für sich behaupten konnten, wurden wieder ungleiche Kontrahenten. Egal, wie lange und nervenaufreibend die Schwächephasen bei den Bayern in den Folgejahren auch sein sollten - die Borussia verstand es nicht mehr, in das jeweilige Vakuum zu stoßen.

Ob sich ausgerechnet in dieser Spielzeit, in der die Bayern in allen Wettbewerben wieder auf oft beeindruckende Weise vorneweg marschieren, etwas an der Gesamtsituation ändern wird? Die Zweifel bei den Beobachtern der Bundesliga sind groß. Doch ein Sieg des BVB über die Bayern am heutigen Samstag könnte wenigstens für den Moment die mittlerweile schon über achtjährige Dominanz der Münchener infrage stellen. Ob es allerdings tatsächlich zu mehr reicht - das würden vermutlich selbst eingefleischte BVB-Fans im Augenblick eher hoffen, denn überzeugt glauben.

Quelle: ntv.de