Herzinfarkt im FlugzeugAls der "Pascha des türkischen Fußballs" gerade beginnen wollte zu leben
Von Ben Redelings
Jupp Derwall wollte endlich zur Ruhe kommen und leben - doch erst ein Herzinfarkt über den Wolken zwang ihn schließlich endgültig zum Aufhören. Dabei hatte der trotz des EM-Titels von 1980 stets umstrittene Ex-Bundestrainer gerade erst in der Türkei die Anerkennung erfahren, die er verdiente.
"Es war wie ein Schock. Das war der erste Winter, wo wir richtig abschalten und das Leben wirklich genießen konnten. Ausgerechnet jetzt passiert es." Elisabeth Derwall, die Frau des ehemaligen Bundestrainers, mit dem die DFB-Elf 1980 den Europameistertitel holte, konnte es nicht glauben. Doch sie hatte sich schlau gemacht: Es sei leider häufig so, dass wenn die berufliche Anspannung und der Stress wegfalle, "so etwas passieren" könne: "Und dieser Stress war während der letzten Jahre enorm."
Doch diese Jahre waren auch der Moment gewesen, an dem ihr Mann endlich nach seinen großen Erfolgen mit Galatasaray Istanbul am Bosporus die Anerkennung erfuhr, die ihm in Deutschland trotz des EM-Titels von 1980 immer verwehrt geblieben war. Aus "Häuptling ondulierte Silberlocke" (wie Max Merkel Derwall einst taufte) wurde der "Pascha des türkischen Fußballs", wie ihn eine türkische Zeitung ehrfurchtsvoll nannte. Die Türkei liebte und verehrte ihn - und nur deshalb saß Jupp Derwall im Frühling vor 35 Jahren in diesem Flugzeug von Istanbul nach Zürich.
"Wusste, was ich mir zugemutet hatte"
In seiner Autobiographie schrieb Derwall einige Jahre nach den Ereignissen von Ende März, Anfang April 1991: "Es war ein sehr langer Flug. Ein Flug zum Nachdenken und zum Erinnern, aber auch zum Begreifen. Ich wusste, was ich mir in all den Jahren zugemutet hatte, was andere für uns als zumutbar und selbstverständlich empfunden hatten. Vielleicht benötigt der Mensch dieses ständige Auf und Ab des Lebens und derartige Erfahrungen, die der Jugend nicht schaden und im Alter eine große Hilfe sein können. Es wurde mir langsam bewusst, was diese Herzattacke auslösen könnte, wenn es denn eine war."
Es war eine! Denn tatsächlich war Jupp Derwall schon in Istanbul, wo er als geschätzter Berater des türkischen Fußballs unzählige Termine wahrgenommen hatte, noch bevor er ins Flugzeug stieg, bewusst gewesen, dass etwas nicht mit ihm und seinem Herzen stimmte. Doch er wollte unbedingt nach Hause. Und so passierte es auf dem Rückflug. Er bekam einen Herzinfarkt. Drei Tage Intensivstation und danach ein wochenlanger Aufenthalt im Krankenhaus und einer Reha-Klinik in der Schweiz waren die Folge. "Er braucht Ruhe, viel Ruhe", hieß es damals. Es war eine Zeit des Abschiednehmens von einem abwechslungsreichen Leben als Trainer. Ein Leben mit "ständigen Auf und Abs", wie Derwall selbst es genannt hatte.
Nach dem katastrophalen Abschneiden bei der Europameisterschaft 1984 in Frankreich - zum ersten Mal in der Geschichte schied Deutschland in der Vorrunde einer EM aus - hatte man Jupp Derwall quasi aus dem Amt gejagt. Zwar trat der Bundestrainer selbst zurück, doch er sprach in diesen Tagen bewusst von einem "vergifteten Klima". Ein Klima, das ihm und seiner Familie damals sehr zugesetzt hatte. Umso erfreulicher war ein Jahr später, im Oktober 1985, seine Rückkehr als Trainer Galatasaray nach Deutschland zu einem Europacup-Spiel in die Grotenburg-Kampfbahn von Bayer Uerdingen.
Dort empfing ihn neben 19.000 fanatischen Istanbul-Fans auch ein schnurrbärtiger Mann mit Filzmütze, der ihm ehrfurchtsvoll ein Porträt in Öl überreichte. Der "Spiegel" schrieb damals: "Das Bild ist eine Ikone. Fast wie Silber glänzt die wohlfrisierte Locke, geronnen ist das Lächeln im strengen Deutschmann-Gesicht ohne Fehl und Falsch: Ein Trainergott blickt Jupp Derwall an." Derwall betrachtete sein Ebenbild an diesem grauen Herbstabend noch mit spürbarem Unbehagen.
"Trainer, das geht nicht"
Damals konnte der silbergrau-gelockte Mann aus Würselen allerdings auch nur erahnen, was geschehen würde, wenn Galatasaray unter seiner Leitung nach 1973 tatsächlich das erste Mal wieder Meister werden sollte. Und als es dann 1987 so schien, als könnte es wirklich wahr werden mit den Titelträumen, versuchte man den deutschen Trainer behutsam auf das große Ereignis vorzubereiten. Ein Textilfabrikant, der mit den Derwalls befreundet war, berichtete vor dem letzten Heimspiel der Saison mit stolzer Stimme, dass es in seiner gesamten Firma nicht einen Fetzen rotes oder gelbes Tuch mehr gäbe. Derwall hörte es und vergaß es sofort wieder.
Ein paar Tage später sollte er sich jedoch an die Worte des Textilfabrikanten erinnern. Denn als er kurz vor der Begegnung seine Mannschaft zum Warmmachen auf den Rasen schickte, kam diese Minuten später zurück und meinte nur grinsend: "Trainer, das geht nicht!" Derwall rannte nach draußen und sah ein einziges rot-gelbes Fahnenmeer. Da, wo einmal grüner Rasen war, lagen mehrere Schichten rot-gelben Tuchs.
Nach dem Titelgewinn konnte die Mannschaft das Stadion mit dem Bus nicht verlassen - zu dicht gedrängt stand die jubelnde Menschenmenge. Man flüchtete schließlich mit einem gemieteten Boot über den Bosporus. Und als Jupp Derwall nach einer anstrengenden Feiernacht in sein Bett nach Hause wollte, musste ihn die Polizei enttäuschen. Vor seiner fürstlichen Residenz hatten sich mehrere Tausend begeisterte Menschen versammelt. Die Derwalls schliefen schließlich im Hotel.
"Ich war ein neuer Mensch"
Ein Jahr später, beim zweiten Titelgewinn, war der nun ruhmreiche deutsche Trainer bereits schlauer geworden. Als in Istanbul die rot-gelbe Partynacht begann, saß Derwall schon zu Hause vor dem Fernseher. Mit dem Beginn der zweiten Halbzeit hatte er einfach in aller Ruhe das Stadion verlassen. Als Held, als "Pascha des türkischen Fußballs". Damals wollte man Derwall mit einem Vertrag auf Lebenszeit ausstatten, doch er trat freiwillig ab. Ein Jahr noch als "Technischer Direktor", dann sollte endgültig Schluss sein "mit den weiten Reisen mit dem Bus, der Bahn, mit dem Flugzeug", die ihm immer so sehr "zugesetzt" hatten.
Seine Frau dachte in diesen Tagen, dass der Stress nun endlich ein Ende habe - doch da irrte sie. Ihr Mann war zu sehr gefragt und geschätzt. Und so war Jupp Derwall immer weiter unterwegs. Bis er Anfang April vor 35 Jahren plötzlich unsanft auf einem Flug von Istanbul nach Zürich aus seinem alten Leben gerissen wurde. Nach seiner Operation am Herzen sagte Derwall: "Ich war ein neuer Mensch. Psychisch und physisch - und mit einer neuen Lebensphilosophie." Bis zu seinem Tod im Jahr 2007 ließ es Jupp Derwall deutlich ruhiger angehen. Den Fußballanhängern blieb er jedoch nicht nur wegen seiner Kolumne im "Kicker", die er bis fast zuletzt schrieb, in guter Erinnerung.
