Redelings Nachspielzeit

Kahns Demutsmoment im WM-Finale Als der unzerstörbare Titan wieder Mensch wurde

imago0000555938h.jpg

Ein "Titan" am Boden.

Oliver Kahn hat diese Weltmeisterschaft 2002 über Wochen mit seinen fast schon galaktischen Leistungen geprägt. Er ist der alles entscheidende Faktor, dass Deutschland ins Endspiel einzieht. Doch dann kommt heute vor 20 Jahren die ominöse 67. Minute - die alles verändern sollte.

"Der Fehler im Finale, dieser entscheidende Fehler, hat ihn wieder zum Menschen gemacht." Am Tag danach fand der "Tagesspiegel" die richtigen Worte - und doch konnte da noch niemand so recht begreifen, was kurz zuvor, am 30. Juni vor 20 Jahren, im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea gerade passiert war. Zu enthoben vom übrigen Fußvolk hatte sich der "Titan" im Tor der deutschen Nationalmannschaft über knapp vier Wochen präsentiert. "Die Hände Deutschlands" ("Sport Bild") hatten ein Team ins Endspiel gegen Brasilien geführt, das dort niemand zuvor erwartet hatte. Doch "King Kahn" war von Spiel zu Spiel mehr über sich hinausgewachsen. Bis zu diesem einen, alles entscheidenden Moment in der 67. Minute, der alles verändern sollte.

ANZEIGE
60 Jahre Bundesliga: Das Jubiläumsalbum
1
25,00 €
Zum Angebot bei amazon.de

Ungläubig hatten die Zuschauer in den Stadien und die Beobachter an den heimischen Empfangsgeräten über Tage und Wochen einem Mann dabei zugesehen, wie er reihenweise die Angriffsreihen der Mannschaften aus Kamerun, den USA, Paraguay oder Südkorea zur Verzweiflung gebracht hatte. Karl-Heinz Rummenigges Augen leuchteten, als er die große Stärke seines Torhüters beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft beschreiben sollte: "Das Herz des Stürmers wird von Schritt zu Schritt kleiner, wenn er allein auf Kahn zuläuft." Und zu Hause in Deutschland überschlugen sich die Zeitungen in ihren Schlagzeilen und Berichten über den neuen "Titan" im Kasten der DFB-Elf. Hymnisch schrieb die "Berliner Zeitung": "Er ist fast kein Torwart mehr, er ist ein Magier, ein Hexer, ein Kahnibale. Wenn ein Stürmer auf sein Tor zu sprintet, reicht es inzwischen schon, dass Kahn Kahn ist. Er frisst die Gegner allein mit seiner Präsenz."

Es war unbestritten seine WM! Was Oliver Kahn bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea hielt, sucht bis heute seinesgleichen. Und doch blieb ihm der ganz große Triumph versagt - weil der Grat zwischen Held für die Ewigkeit und Verlierer für den Moment eben manchmal teuflisch schmal sein kann. Fast einen Monat lang hatte Oliver Kahn bei der WM jeden möglichen und ganz viele unmögliche Bälle gehalten ("Wann ist ein Ball unhaltbar? Wenn der Zuschauer denkt: Tor - und er doch nicht drin ist", Oliver Kahn) und seinem Team so manchen Sieg gerettet. Und dann kam diese ominöse, legendäre 67. Minute im Finale gegen Brasilien. Hinterher meinte Miroslav Klose zu den Männern vom Zuckerhut: "Eigentlich hatten wir euch ja schon im Sack!" Doch für ein "eigentlich" kann man sich bekanntlich nichts kaufen. Und niemand wusste dies an diesem Tag vor zwanzig Jahren besser als Oliver Kahn selbst.

"Kahn der Schreckliche ist auch nur ein Mensch"

Erst ein grober Stellungsfehler und ein völlig überflüssiger, verlorener Zweikampf hatten den alles entscheidenden Schuss von Rivaldo überhaupt erst möglich gemacht. Kahn konnte die Kugel nicht festhalten und ließ sie nach vorne abprallen. Geistesgegenwärtig ließ sich Brasiliens Toptorjäger Ronaldo diese Steilvorlage nicht entgehen und schob locker-leicht zum 1:0 für das Team in den gelben Trikots und blauen Hosen ein. Für Kahn fühlte es sich so an, als ob die Arbeit von Wochen, Monaten, gar Jahren urplötzlich zerstört war. Seine sensationellen Leistungen in all den Partien zuvor zählten von einer Sekunde auf die andere nichts mehr. All die Hoffnungen und Träume waren zerstört - wegen eines einzigen, unglücklichen Moments.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem aktuellen Buch ("60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Der Keeper des FC Bayern München wollte diesen Titel unbedingt. Selbst an seinem Geburtstag hatte er auf ein Bierchen zusammen mit seinen Mannschaftskameraden verzichtet. Es gab für ihn nur ein einziges Ziel, den WM-Triumph - egal wie und mit welchen Mitteln. Dementsprechend reagierte der "Titan" sauer, als die deutschen Medien die Spielweise der DFB-Elf kritisierten und andere Mannschaften für ihr attraktives Auftreten lobten. Kahn platzte der Kragen, als er die "Nörgelei" der Presse mitbekam und stellte klar, dass die anderen Teams schon aus einem bestimmten Grund nicht Vorbild für die deutsche Mannschaft sein könnten: "Denn die sind schon wieder zwei Wochen am Strand." Und am DFB-Keeper lag es ja auch nicht, wie nach dem mühsamen Viertelfinalsieg gegen die USA Franz Beckenbauer gewohnt offenherzig bemerkte: "Wenn man alle außer Kahn in einen Sack steckt und draufhaut, findet man immer die Richtigen."

Doch dann kam das Finale - und die 67. Minute, die alles auf den Kopf stellte. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, dass Oliver Kahn da bereits mit einem gerissenen Band im Fingergelenk der rechten Hand spielte. Doch vielleicht war das auch gar nicht einmal so wichtig. Schließlich war es der Moment, der alles wieder ein wenig geraderückte. Die spanische Zeitung "AS" schrieb hinterher: "Deutschland biss ins Gras, weil Kahn der Schreckliche auch nur ein Mensch ist." So ist es. Der "Titan" war wieder unter uns Normalsterblichen angekommen. Wegen eines Fehlers. Irgendwie auch beruhigend. Wahrscheinlich sogar für Kahn selbst.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen