Redelings Nachspielzeit

Bayern-Ikonen zu Tränen gerührt Das berührende Leben des Gerd Müller

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Eine Reihe voller Legenden: Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Gerd Müller, Torhüter Sepp Maier, Uli Hoeneß und Hans-Georg Schwarzenbeck.

(Foto: imago/Frinke)

Gerd Müller ist der größte Torjäger, den es je in Deutschland gegeben hat. Seit einigen Jahren leidet der Weltmeister von 1974 unter Alzheimer. Umso berührender sind die emotionalen Worte und Gedanken seiner ehemaligen Kollegen und Freunde!

Es war im April des vergangenen Jahres. In Dortmund hatten sich viele alte Weggefährten und Kameraden im Deutschen Fußballmuseum zusammen gefunden, um die Einweihung der deutschen "Hall of Fame" zu feiern. Einer war nicht mit dabei, der schmerzlich vermisst wurde: Gerd Müller. Stellvertretend für ihn nahm sein langjähriger Kollege beim FC Bayern München und in der deutschen Fußballnationalmannschaft, Paul Breitner, die Auszeichnung entgegen. Und dann wurde es still im Saal. Sichtlich berührt und mit den Tränen kämpfend sprach Paul Breitner über seinen alten Kameraden.

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"Ich war vorgestern noch bei Gerd im Heim und seine Frau hat mich gebeten, diese Auszeichnung in ihrem Namen zu übernehmen. Für mich ist Gerd nach 1954 der Allergrößte von uns allen. Viele von unserer Generation haben ihm viel zu verdanken. Auch ich wäre ohne Gerd Müller nicht hier. Die unglaubliche Erfolgsgeschichte des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft wäre ohne Gerd Müller so nicht denkbar." Und dann bat Paul Breitner das Publikum sich zu erheben. Unter stehendem Applaus wurde in diesen emotionalen Minuten auch dem letzten im Saal klar, welche tiefe Dankbarkeit und wundervolle Herzlichkeit die ehemaligen Mitspieler auch heute noch gegenüber ihrem alten Kameraden empfinden.

Gerd Müller war und ist einzigartig. Diesen ganz speziellen Torjäger kann man mit keinem Spieler der Welt vergleichen. Und selbst wenn Robert Lewandowski die alte 40-Tore-Bestmarke des Weltmeisters von 1974 aus der Bundesligasaison 1971/72 irgendwann einmal knacken sollte - sollte man sich tunlichst davor hüten, diese beiden Stürmer gegenüberzustellen. Denn sie sind in ihrer Art einfach zu verschieden.

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Der heutigen Generation kann man nur schwer vermitteln, wie einzigartig und unnachahmlich dieser Gerd Müller tatsächlich war. Man kann es nur über die Schilderungen von Zeitzeugen versuchen. Als der VfB-Vorstopper und spätere Nationalspieler Karlheinz Förster in der Saison 1977/78 beim 3:3 am ersten Spieltag gegen Bayern München sein Bundesligadebüt feierte, war sein Gegenspieler gleich der "Bomber". Ein Albtraum: "Ich musste gegen den großen Gerd Müller ran, ging gleich kräftig auf ihn drauf. Da kam ein Steilpass, er streckte sein Hinterteil raus. Während ich zu Boden stürzte und 'Foul' schrie, machte er bumm und Tor. Dann schoss Hoeneß an den Pfosten. Während ich noch schaute, hatte Müller schon geschaltet und den Ball über die Linie gedrückt."

Gerd Müller war schnell, verdammt schnell. In der Spielzeit 1976/77 erzielte der Torjäger der Bayern beim 9:0-Sieg seines Klubs über Tennis Borussia Berlin fünf Treffer. Einer davon wurde zum "Tor des Monats" gewählt. Und so schoss er ihn - in seiner unvergleichlichen Art: Müller fing einen Rückpass ab, drehte sich, fiel auf den Hintern, stand wieder auf und verwandelte. Alles in Sekundenschnelle. ZDF-Reporter Eberhard Figgemeier war damals so begeistert von diesem Treffer ("Ein irres Ding"), dass er mit einer Stoppuhr Maß nahm: "Drei Ballberührungen in nicht einmal einer Sekunde, genau acht Zehntel."

Gerd Müller war einfach nicht aufzuhalten - und immer eine Gedankenlänge und Stiefelspitze fixer als seine Gegenspieler. Selbst die eigenen Kameraden konnten ihn nicht einfangen, wie Uli Hoeneß noch dieser Tage in einem Interview mit der Münchener "tz" erzählte. "Wenn Gerd zum Beispiel im Training wieder einmal drei, vier Tore gegen unsere Mannschaft geschossen hat, dann haben Paul Breitner und ich manchmal gesagt: 'So, jetzt decken wir mal den Gerd zusammen.' Dann sind wir in den Strafraum: Der eine lag rechts von Gerd auf dem Hosenboden, der andere links - und der Ball war im Tor."

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Sein Trainer in den Anfängen beim FC Bayern München, Tschik Cajkovski, war hin und weg von seinem Stürmer: "Kleines, dickes Müller schießen schneller, als Tschik denken kann." Eigentlich ein großes Kompliment, doch Müllers Ehefrau Uschi war damals sauer: "Klein und dick? So eine Herabsetzung. Und das vom Tschik mit seinem Kugelbauch."

Es war im Jahr 1964, als sich das Schicksal des FC Bayern München für (mindestens) die nächsten 15 Jahre entscheiden sollte. Abseits der Bundesligabühne tätigten die Bayern ihren wahrscheinlich wichtigsten Transfer der Vereinsgeschichte. Gerhard Müller wechselte damals vom TSV 1861 Nördlingen nach München. Viele Jahre später sollte schließlich Franz Beckenbauer den mittlerweile legendären Satz sagen: "Vielleicht wären wir ohne Gerd Müller und seine Tore noch immer in unserer alten Holzhütte an der Säbener Straße."

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Mit dem "Kaiser", der zweiten entscheidenden Verpflichtung der Bayern im Jahr 1964, verstand sich der "Bomber" von Beginn an prima. Er war der Mann, an dem sich Müller orientierte. Auch in optischen Fragen. Als die Leserin des 'fußball magazin' Monika Bleicher aus Rottenacker von Franz Beckenbauer wissen wollte, wie es dazu kam, dass er sich gleichzeitig mit Gerd Müller einen Schnauzbart wachsen ließ, da antwortete der Franz: "Unmittelbar nach dem Türkenspiel stand für mich fest, dass ich mir einen Schnauzbart wachsen lassen würde. Als wir im Flugzeug saßen, sagte ich zu Gerd Müller: Ich lasse mir jetzt einen Schnauzbart wachsen. Darauf antwortete Gerd Müller: 'Ich lasse mir auch einen Schnauzbart wachsen.'" Und das hatte auch auf dem Platz Auswirkungen, wie Journalist Oskar Klose damals festhielt: "Gerd Müller dürfte Torwart Abramyan wohl mehr durch seinen Bart erschreckt haben als durch seine Leistung."

 

Wo das Verhältnis besonders innig ist, da kann es natürlich auch schnell zu kleinen Reibereien kommen. Und so war Gerd Müller im Kreise der Nationalmannschaft eines Tages auf einmal mächtig geladen. In der Kabine tobte er: "Ich hör auf mit dem Fußball. Ich lass mir das vom Franz nicht länger gefallen!" Irritiert fragte Uwe Seeler den Stürmer: "Wieso denn, Gerd? Der Franz hat doch überhaupt nichts gesagt!" Der Torjäger guckte den Hamburger lange an, schüttelte mit dem Kopf und antwortete dann: "Nee, gesagt nichts. Aber wie der immer schaut, der Franz. Wie der immer schaut!"

Als sein Kamerad die Bayern im Jahr 1977 in Richtung USA verließ, ging es mit den Münchenern und Gerd Müller langsam, aber stetig bergab. Katsche Schwarzenbeck beschrieb die Situation damals so: "Ich erinnere mich an ein Spiel gegen Düsseldorf. Da lag Gerd Müller im Tor und der Ball Zentimeter vor der Torlinie. Früher war es umgekehrt. Ich weiß nicht, warum!"

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Die glücklichen Zeiten des ewigen Erfolgs waren nun vorbei. Und dann eskalierte die Situation bei den Bayern plötzlich. Am 3. Februar 1979 wurde Gerd Müller von seinem Trainer Pál Csernai vorzeitig ausgewechselt. Ein Eklat, der sich seit Wochen angebahnt hatte. Müller bat nach der Partie um die sofortige Freigabe. Und so stand er am 10. Februar zum letzten Mal für die Bayern in der Bundesliga auf dem Platz. Müller enttäuscht: "Schau, wie meine Füße aussehen. Und ich Trottel hab für die Bayern meine Haxen hingehalten, nur damit sie mich jetzt beleidigen und wegschmeißen wie ein Stück Schrott. So lass ich mich nicht behandeln."

"Einen Knüller wie Müller"

Eine Schande, die viele Weggefährten von damals nie vergessen haben und die sicherlich auch einen gewichtigen Teil dazu beigetragen hat, dass sich später der Klub, insbesondere Uli Hoeneß, der kurz nach Müllers Weggang Manager des Vereins wurde, rührend und aufopfernd um den gestrauchelten Torjäger gekümmert haben.

Und was war, als Gerd Müller plötzlich nicht mehr da war? Da suchten die Bundesliga und der FC Bayern händeringend nach neuen Torjägern, oder wie es der "Kicker" einmal ausdrückte: "Einen Knüller wie Müller". Doch so einen wie den Gerd hat es in all den Jahren danach nie wieder gegeben.

Heute wird Gerd Müller, der seit 2015 unter Alzheimer leidet und in einem Pflegeheim lebt, 75 Jahre alt. Seine früheren Weggefährten und Kameraden werden am heutigen Tag voller Dankbarkeit an ihn, den größten Torjäger aller Zeiten, denken.

Quelle: ntv.de