Redelings Nachspielzeit

Eine unglaubliche Geschichte Das zynische Schicksal des Werner Hansch

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Reporter-Legende Werner Hansch gastiert nun bei Promi-Big-Brother.

Im Moment ist Werner Hansch jeden Abend bei "Promi Big Brother" zu sehen. Dort überraschte er mit seinem Geständnis, spielsüchtig zu sein. Was jedoch kaum jemand weiß: Glück und Unglück liegen in seinem Leben sehr eng beieinander.

Werner Hansch ist 82 Jahre alt, spielsüchtig und hoch verschuldet. Und: Er ist eine Sportreporter-Legende. Reinhold Beckmann nannte ihn einst liebevoll: "Werner Hansch, unser König der Aphorismen". Der gebürtige Recklinghäuser liebte es, live on air mit seiner Sprachkunst die Kopfmaschine der Zuschauer rattern zu lassen. Kleine Sentenzen wie "Ein Schuss, so kraftvoll wie ein lauer Darmwind" waren neu für das sportbegeisterte Klientel und sorgten neben Irritationen für reichlich Schmunzeln und Begeisterung.

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Werner Hansch hatte am Anfang seiner Karriere keine Ahnung von Fußball.

(Foto: Sat.1 / Marc Rehbeck)

Sein Ausruf, "Ein geiles Tor", nach einem Treffer des Schalkers Büskens, wurde jedoch zu einem echten TV-Eklat. Landauf, landab diskutierten Medien wie Stammtische, ob ein Reporter solch ein Wort im Fernsehen überhaupt in den Mund nehmen dürfe. Aus heutiger Sicht ist solch eine Debatte um das kleine, unschuldige und oft frequentierte Wort "geil" natürlich nicht mehr vorstellbar. Für Hansch allerdings begann damals eine schwierige Zeit. Am Ende entschied er sich für sein altes Motto - "Lachen ist die beste Art, dem Gegner die Zähne zu zeigen" - und machte einfach munter weiter.

Seit einigen Tagen nun schon ist die Reporter-Legende jeden Abend gemeinsam mit einer Schar weitgehend namenloser Stars und Sternchen bei "Promi Big Brother" im TV zu sehen. Für die allermeisten Menschen kam der Schritt von Werner Hansch, an diesem Trash-Format teilzunehmen, überraschend. Nur wenigen war zuvor bekannt, wie tief der Mann aus Recklinghausen im hohen Alter tatsächlich gefallen war. Und noch weniger Menschen wissen, dass das Schicksal bei Werner Hansch auf eine fast schon zynische Art und Weise zugeschlagen hat.

Pferdeexperte Werner Hansch

Rückblick. Erst mit Mitte 30 kam Hansch, als das Schicksal das erste Mal sein Leben in die Hand nahm, durch einen Zufall zum runden Leder. Bis dahin hatte der Mann aus dem Ruhrgebiet, so ungewöhnlich das für diese Region auch sein mag, mit Fußball kaum was am Hut gehabt. Nur vom "Kaiser" Franz Beckenbauer, diesem gut aussehenden Kicker aus den Klatschmagazinen, hatte er damals an seinem ersten Fußballtag schon einmal gehört. Aber ansonsten hatte sich Hansch herzlich wenig für die beliebteste Ballsportart der Deutschen interessiert. Und so wurde er am 24. Februar 1973 quasi kopfüber ins eiskalte Bundesliga-Becken gestoßen.

An diesem Tage stand die Partie des FC Schalke 04 gegen den FC Bayern München kurz bevor, da ereilte den etatmäßigen Stadionsprecher der Königsblauen eine furchtbare Nachricht: Auf der Trabrennbahn in Gelsenkirchen war ein Brand ausgebrochen. Hauptberuflich war der gute Mann Rennbahninspektor. Und so eilte er überstürzt von dannen. Doch auch in der höchsten Not dachte er noch an seinen liebsten Fußballverein und schickte als Ersatz den eigentlichen Bahnsprecher, der ja durch den Brand entbehrlich geworden war, rüber zum Stadion. Es handelte sich um niemand geringeres als den ausgewiesenen Pferdeexperten Werner Hansch.

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Als dieser die Glückauf-Kampfbahn - zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt - betrat, hatte er von Fußball, wie gesagt, nicht wirklich viel Ahnung. Doch er machte seine Sache gut. Routiniert las er die Durchsagen von den Zetteln ab, die man ihm hereinreichte. Alles lief wie immer - bis zu diesem einen legendären Moment, als es plötzlich ganz still wurde auf Schalke. "Mit der Startnummer 1, Norbert Nigbur…", hatte Hansch über die Lautsprecherboxen verkündet und irritiert mit ansehen müssen, wie sich die Leute anschließend vor Lachen die Bäuche hielten. Trotz allem gab es an diesem Nachmittag nur einen Gewinner auf Schalke. Nach dem 1:1-Unentschieden klopfte der Vereinspräsident Günter Siebert dem erschöpften Neu-Stadionsprecher Werner Hansch begeistert auf die Schulter. Mit nur einem einzigen Satz hatte sich der damals 34-Jährige einen Platz im ewigen Fußballhimmel gesichert.

Stefan Raab mischt Hansch auf

Viele, viele Jahre später sollte Hansch diesen Schritt noch einmal für einen kurzen Moment hinterfragen, als er erschrocken realisierte, wo er da unversehens hineingeraten war - schließlich ist es eine der verrücktesten Geschichten der Bundesliga-Historie. Am 12. Januar 2001 half er dem reuigen Kokain-Sünder Christoph Daum aus Gefälligkeit zurück auf die deutsche Fußballbühne. Hätte Hansch vorher gewusst, dass er vor 30 Kamerateams, 50 Fotografen und über 200 Journalisten im Raum zum Moderator einer Comedy-Veranstaltung (Daum: "Die Haaranalyse, die ich habe machen lassen, muss man im Nachhinein sagen, war ein Fehler (Gelächter unter den Zuhörern). Ich habe es mir auch anders vorgestellt") wird, hätte er diesen Job niemals angenommen.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Unter die Medienvertreter hatten sich an diesem Tag auch der Musiker Helmut Zerlett und TV-Comedy-Star Stefan Raab gemischt. Die PK geriet vollkommen außer Kontrolle, als dieser meinte: "Ich möchte mich erst einmal vorstellen: Stefan Raab von den ProSieben-Nachrichten. Ich möchte mich auch für die beschissene Frage des Kollegen Zerlett entschuldigen. Die Dinge, wie sie sich entwickelt haben, gefallen mir besonders gut, da ich es als FC-Fan immer schon scheiße fand, dass Sie Leverkusen trainiert haben. Die zweite Sache, die ich sehr zutreffend finde, ist die, dass Sie sich als mitmoderierenden Kollegen den Kollegen Werner Hanf ausgesucht haben …" Hansch versuchte an diesem Tag noch zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Nach der WM 2006 und einem kurzen, letzten Engagement beim damaligen Sender "Arena" ließ die wortgewaltige Reporter-Legende seine Karriere ausklingen. Nach über dreißig Jahren am Mikrofon und vielen unvergesslichen Sprüchen verabschiedete sich Hansch von seinen Hörern. Es schien, als ob er seinem alten Motto aus seiner Zeit als TV-Kommentator - "Ich denke, man kann seinen Zuschauern auch dienen, indem man einfach mal die Klappe hält" - folgen würde und mit seinem Leben als Rentner ganz zufrieden sei. Doch weit gefehlt, wie wir seit einigen Tagen und seinem Geständnis im "Promi Big Brother"-Haus wissen. Denn das Schicksal bestimmte noch einmal Hanschs Leben auf entscheidende Art und Weise. Und wieder spielten die Pferde und die Trabrennbahn eine Rolle. Dieses Mal allerdings mit einem schlechten Ausgang.

Spielsucht bringt finanziellen Ruin

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Wie er in seiner offiziellen "Stellungnahme zur Spielsucht" erzählt, verkraftete Hansch das plötzliche Aus nur schlecht - und beging dann einen folgenschweren Fehler: "Nach mehr als 1.400 kommentierten Spielen wurde ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr gebraucht. Ein schreckliches Gefühl. Und so kam es, dass ich eines Tages zum ersten Mal in meinem Leben eher zufällig das Wettbüro eines Buchmachers für Pferdewetten betrat. Ich wurde umgarnt und hofiert. Schließlich überzeugten mich die anderen Zocker, doch selbst mal zu wetten. Ich setzte 20 Euro und siehe da, ich gewann. Damit war die Lunte der Spielsucht entzündet, welche tief in mir verborgen lag, ohne dass ich es wusste."

Über dreißig Jahre zuvor hatten die Pferde Werner Hansch auf indirekte Art und Weise noch so viel Glück gebracht - nun führten sie ihn direkt in den finanziellen Ruin. Das Schicksal kann schon manchmal seltsam sein. Im Moment kämpft Werner Hansch darum, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Man kann ihm dabei nur alles Gute wünschen und ihn an einen seiner früheren Sprüche erinnern: "Wenn eine Mauer sich erhebt, wird es oben eng, aber unten ist Platz."

Quelle: ntv.de