Redelings Nachspielzeit

Mit Hoeneß' Abschied endet Ära Der FC Bayern wird zum Allerweltsklub

imago13483319h.jpg

Damals, 1977: Uli Hoeneß mit Lehrmeister Robert Schwan. Ein Jahr später vermittelte Hoeneß noch als Spieler einen ersten Sponsorenvertrag an seinen FC Bayern. 1979 wurde er mit 27 Jahren Manager der Münchner.

(Foto: imago sportfotodienst)

Vordergründig geht es beim FC Bayern um die Trainerfrage. Doch die Lage ist viel dramatischer und fundamentaler für den deutschen Fußballrekordmeister. Das Ausscheiden von Uli Hoeneß reißt ein Loch, das den Klub aus München radikal verändern wird.

Zugegeben: Dieser Text sollte eigentlich erst erscheinen, wenn sich Uli Hoeneß bei der Jahreshauptversammlung am 15. November nicht mehr zum Präsidenten des FC Bayern München wählen lassen und danach auch seinen Vorsitz im Aufsichtsrat abgeben wird. Nun ist der Zeitpunkt etwas nach vorne gerückt. Aber im Grunde ist das alles auch egal, denn tatsächlich datiert der Beginn des schleichenden Prozesses des Endes einer großen Ära spätestens aus dem Sommer 2013. Die folgenden, erfolgreichen Jahre unter Trainer Josep Guardiola übertünchten eine Entwicklung, die für die Bayern so gefährlich ist wie sie keine falsche Trainerentscheidung oder Misere auf dem Fußball-Transfersektor je sein könnte: Die Entwicklung hin zu einem Allerweltsklub. Nichts fürchten sie an der Säbener Straße so sehr wie die Zustände bei 90 Prozent der anderen Vereine.

imago44205279h.jpg

Der alte und der voraussichtliche neue: Noch-Klubpräsident Uli Hoeneß, vor ihm lächelt sein Nachfolger Herbert Hainer.

(Foto: imago images/ActionPictures)

Das Ende des Uli Hoeneß beim FC Bayern hat im Januar 2013 begonnen. In diesen auch emotional frostig-kühlen Wintertagen startete die schrittweise "Enteignung" des Klubs, den der gebürtige Ulmer seit 1979 fest in seinen Händen hielt. Auch wenn es bis 2013 formal wechselnde Konstellationen an der Führungsspitze gab, regierte doch einzig und allein ein Mann: Uli Hoeneß. Doch die letzten Jahre nach seiner Rückkehr haben gezeigt, dass nichts mehr so ist wie vor dem Januar 2013, als mit dem Aufdecken der Steueraffäre die neue Ära begann.

Folgten früher die verbalen Spitzen und kleineren Auseinandersetzungen mit Vertretern der anderen Klubs einer gezielten Taktik und Stoßrichtung, so sind sie zuletzt immer willkürlicher und vor allem unbedarfter geworden. Viele haben das oftmals sonderbare Verhalten von Uli Hoeneß damit zu erklären versucht, dass sich die Rahmenbedingungen, insbesondere die medialen, so fulminant geändert haben, doch die Wahrheit liegt vermutlich tiefer begründet. War Hoeneß als unangefochtenes Vereinsoberhaupt über so viele Jahre eine One-Man-Show mit wechselnden öffentlichen Partnern an seiner Seite, so hat sich dies intern radikal geändert.

Hoeneß hat nicht mehr alles im Griff

Die vielen neuen Abteilungen und neuen Menschen beim FC Bayern sind von ihm nicht mehr zu kontrollieren. Alle Versuche, mit treuen Weggefährten wie dem Sportdirektor Hasan Salihamidzic weitgehend dennoch die Meinungshoheit und das Steuer in der Hand zu behalten, sind gescheitert. Im sportlichen Bereich tragischerweise an der daraus resultierenden eigenen Überforderung. Den alles entscheidenden und entlarvenden Satz sprach Hoeneß nach dem Unentschieden in Augsburg: "Vor Wochen und Monaten hat man uns in teure Transfers gehetzt!" Passives Verhalten aufgrund des Drucks von außen. Was für eine Farce für einen Mann, der immer alles im Griff zu haben schien.

Als dieser Tage das neue Buch über Gerd Müller auch wieder die früheren schwarzen Kassen beim FC Bayern thematisierte und die Erinnerungen an die millionenschwere Steuernachzahlung aus der Ära des Präsidenten Wilhelm Neudecker und des Managers Robert Schwan weckte, dachten einige Anhänger auch an die Geschäftspraktiken des Uli Hoeneß. Stichwort: Leo Kirch und Robert Louis-Dreyfus. Viele haben in den Anfängen der Ära Hoeneß vom "Lehrmeister Robert Schwan" gesprochen.

Wie es hinter den Kulissen zuging, weiß bis heute niemand so genau. Es ist das große Geheimnis des Uli Hoeneß. Er wird viel von seinem - und das darf man getrost wörtlich nehmen - unschätzbar wertvollen Wissen mitnehmen, ohne es an die folgende Bayern-Generation weiterzugeben. Das Schlingern des Riesen in diesen Tagen ist nur die Vorhut für die radikalen Entwicklungen und Veränderungen, vor denen der FC Bayern in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren steht. Auch wenn sie im Augenblick alles versuchen, um das zu verhindern, vor dem sie sich alle fürchten an der Säbener Straße, so wird es wohl oder übel genau so kommen: Eines nicht mehr allzu fernen Tages wird der FC Bayern zu einem Allerweltsklub, der immer noch große Erfolge feiern wird, aber genauso wie alle anderen Vereine zunehmend mit temporären Verwerfungen zu kämpfen haben wird.

Die Verpflichtung von Hermann Gerland als Ko-Trainer unter Hans-Dieter Flick ist ein letzter, sympathischer Fingerzeig in die Vergangenheit - und offenbart gleichzeitig, wie schlecht es um den FC Bayern wenige Tage vor dem Abtreten des Uli Hoeneß tatsächlich steht.

Das aktuelle Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs" bei Amazon bestellen. Live ist Redelings deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema