Redelings Nachspielzeit

Redelings über ein Phänomen Der FC Schalke 04 wird niemals untergehen

imago12505412h.jpg

Trainer Fahrudin Jusufi (links) brachte die Schalker und Manager Charly Neumann (rechts) nach einer Euphoriewelle vor Saisonbeginn an den Abstiegsabgrund.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die bisherige Saison des FC Schalke 04 erinnert fatal an die Spielzeit 1980/81. Damals stand am Ende der Abstieg in die Zweite Liga. Dieses Mal wird dieser bittere Gang wohl verhindert werden können – doch viele Dinge, die damals für Probleme sorgten, scheinen aktueller denn je.

Gestern hieß es in unseren "Lehren des 29. Spieltags": "Schalke bettelt um den Abstieg und wird wohl doch nicht erhört." Es scheint in der Tat so, dass den Königsblauen in dieser katastrophalen Saison in der 1. Fußball-Bundesliga etwas erspart bleibt, das in der Spielzeit 1980/81 beinahe zum Untergang des Vereins geführt hätte. Damals kam bei Schalke auch so viel auf einmal zusammen, dass am Ende der Gang in die Zweite Liga nicht mehr verhindert werden konnte. Interessant im Rückblick ist die Duplizität so vieler einzelner Ereignisse. Satte Spieler, ein (zu) später Trainerwechsel und ein Umfeld, das an der Lage zu verzweifeln scheint. Heute wie gestern präsentiert sich der Klub in einer desolaten Verfassung.

Auch damals herrschte auf Schalke vor der Saison Euphorie, weil im April zum Ende der Spielzeit 1979/80 Fahrudin Jusufi als neuer Trainer vorgestellt wurde. Denn Jusufi räumte mit markigen Sprüchen die letzten Zweifel beiseite, dass sein Jugendkonzept – auch aus der Not heraus geboren - nicht das Richtige
 sei: "Was heißt hier Kindergarten? Diese Kinder
 werden schnell erwachsen, für diese Kinder arbeitet die Zeit, nicht für die satten Routiniers. In ein
 paar Jahren heißt es nicht mehr Schalker Babys,
 sondern Schalker Meister!"

"Wer gut spielt, ist mein Liebling"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für n-tv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Jusufi mochte klare Ansagen, auch an seine Akteure auf dem Platz: "Wer
 gut spielt, ist mein Liebling, sonst verbindet mich
 absolut nichts mit den Spielern. Sentimentalitäten
 hasse ich, für mich zählt nur der Erfolg. Wir werden
 ihn bekommen. Ich sage den Kickern offen und
 ehrlich: Wir beide sind so gut miteinander, wie du
 spielst." Die "satten Spieler, die Schalke zu Millionären gemacht hat" (Jusufi), hatten auch das
 lebende königsblaue Maskottchen, den Mannschaftsbetreuer Charly Neumann, ein ums andere Mal verarscht. Während sie ihm erzählten, schlafen zu gehen, verabschiedeten sie sich durch die Hintertür Richtung Vergnügungsmeile.

Seit Jusufi da war, lebte auch Neumann wieder entspannter, wie er strahlend berichtete: "Jetzt brauche ich nicht mehr aufzupassen, ob die Spieler abends pünktlich in den Betten sind. Wer nur einen einzigen Abend bummelt, der fällt am nächsten Tag beim Training zusammen. Der Trainer macht es kurz, aber knochenhart. Die Kerle wanken zurück in die Kabine – aber es macht ihnen Spaß." Charly war euphorisch: "Der Fari bringt Ackergäule zum Laufen!"

Abstieg statt glorreicher Zukunft

imago17383223h.jpg

Rudi Assauer konnte sich die Jusufi-Schmach nicht mehr mit anschauen - und setzte sich selbst auf die Bank.

(Foto: imago/Horstmüller)

Doch statt glorreicher Zukunft stand am Ende der Saison der Schalker Abstieg – den Jusufi allerdings schon nicht mehr miterlebte. Ende Mai war für ihn alles vorbei. Der neue Manager Rudi Assauer warf ihn hinaus und setzte sich selbst interimsweise auf die Bank. Der Schalker Spieler Kurt Jara fand Jusufis Abgang absolut folgerichtig: "Assauer hat sich eine Stunde mit ihm unterhalten, und dann wusste er, dass Jusufi vom Bundesliga-Fußball nichts, aber auch gar nichts versteht." Assauer sagte damals bei seinem Amtsantritt einen legendären Satz: "Schalke ist ein großer Sumpf, der trockengelegt werden muss."

Einen der größten Fehler begingen die Offiziellen, als man mitten in der Saison Rolf Rüssmann von Schalke zum Reviernachbarn nach Dortmund wechseln ließ. Eigentlich ein Unding in normalen Zeiten, doch die Zeiten auf Schalke waren alles andere als gewöhnlich. Man hatte damals einfach kein Geld mehr. Der Transfer vor den finanziell harten Wintermonaten war die einzige Rettung – das wusste auch Rolf Rüssmann: ""Ich habe mich auch bei Spielen unterm Dorfkirchturm für Schalke eingesetzt. Jetzt leiste ich dem Verein einen letzten Dienst und wehre mich nicht gegen einen Transfer, dessen Erlös Schalke vielleicht retten kann."

ANZEIGE
Fußball. Die Liebe meines Lebens
EUR 14,00
*Datenschutz

Wie verzweifelt die Fans damals waren, zeigte sich auch, als sich nach dem Abstieg ein 18-jähriger Anhänger unmittelbar am Parkstadion von einer Brücke auf die Straßenbahnschienen stürzte. Er starb am nächsten Tag. In seiner Jackentasche fand die Polizei einen Zettel: "Schalke ist tot, da will ich auch nicht mehr leben." Auch heute leiden die Anhänger der Königsblauen mit ihrem Verein. Die missliche Lage führt zu viel Unmut. Damals lag das Schalker Unikum Charly Neumann bei einem Fan im Arm und heulte Rotz und Wasser. Seine legendären Worte lauteten: "Wir steigen wieder auf, wir gehen nicht unter!" Dieser Mal wird es zum Abstieg wohl nicht kommen – auch wenn sich die Saison für die Schalker wie ein einziger, langer Untergang anfühlt!

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema