Redelings Nachspielzeit

Redelings über Delling & Netzer Der Kampf der Milchgesichter auf den Färöern

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Günter Netzer und Gerhard Delling sind enge Freunde - auch, wenn man es ihnen nicht immer ansah.

Die Zuschauer liebten die frechen Neckereien zwischen TV-Moderator Gerhard Delling und dem ehemaligen Fußball-Nationalspieler Günter Netzer. Besonders in Erinnerung bleiben wird eine amüsante Sternstunde der beiden auf den Färöern im Juni 2003.

Es gab Zeiten, da gingen Fußballfans extra während eines Spiels aufs Klo oder ein frische Flasche Bier aus dem Kühlschrank holen, um ja keine Sekunde vor, zwischen und nach einer Partie zu verpassen. Zwölf Jahre, von 1998 bis 2010, revolutionierten der ARD-Moderator Gerhard Delling und der ehemalige Weltklassespieler Günter Netzer die obligatorischen Fachgespräche rund um die Spiele. Mit viel Sachverstand, einer großen Portion Humor und herrlichen Neckereien begeisterten sie ihr Publikum. Ein typisches Beispiel aus dieser Zeit: Netzer hat als Studiogast seinen alten Kameraden Franz Beckenbauer an seiner Seite und lästert über Delling: "Franz, ich freu mich, dass du ihn auch nicht verstehst. Ich versteh ihn auch nicht, aber ich bin daran gewöhnt."

Die beiden Brüder im Geiste vermieden trotz ihrer Freundschaft konsequent das Duzen - so wirkten ihre sehr persönlichen Frotzeleien noch eine Spur grotesker. Netzer zu Delling: "Ich sag ja, Sie hören mir nie zu!" Delling: "In Ihrem Alter merken Sie gar nicht mehr, ob jemand Ihnen zuhört." Mit einem Augenzwinkern sagte Netzer einmal: "Was Delling angeht, muss ich vieles sein: Seelsorger, Kindermädchen, Aufpasser."

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In zwölf gemeinsamen TV-Jahren saß die Frisur nahezu immer - nur einmal wurde Günter Netzer vom Winde verweht.

In seiner Autobiografie "Aus der Tiefe des Raumes. Mein Leben" lieferte Günter Netzer einen entzückenden Einblick in die kleinen Spitzfindigkeiten seines Kollegen Delling in ihrem gemeinsamen beruflichen Alltag: "Vor der Sendung wird immer eine Stellprobe gemacht, damit die Ausleuchtung korrekt eingestellt werden kann und die Tontechniker ihre Geräte ausrichten können. Bei der Stellprobe war etwas anders, mir hätte das eigentlich auffallen müssen. Delling steht meistens rechts von mir. Diesmal stellte er sich auf meine linke Seite und begründete das mit irgendwelchen technischen Problemen. Gut, dachte ich, wenn die Technik, von der ich keine Ahnung habe, es so vorschreibt, bitte, mir ist das doch egal, ob Delling links von mir steht oder rechts. Wind kam auf. Die Sendung begann. Der Wind wurde stärker. Dellings Frisur hielt. Er stand im Windschatten. Ich stand im Zug. Ich konnte kaum reden, weil ich nur damit beschäftigt war, meine Haare aus dem Gesicht zu streichen. Delling streitet es zwar ab, ich bin mir aber sicher, dass Absicht hinter der Aktion stand. Denn hinterher hatte ich den Spott Dellings und der gesamten Redaktion zu erdulden. Drei-Wetter-Taft riefen sie mich und amüsierten sich köstlich."

"Warum antworten Sie nie auf meine Frage?"

Eine Sternstunde ihrer Zweisamkeit im ARD-Studio erlebten Delling und Netzer vor genau 16 Jahren. An diesem besagten Mittwoch, dem 11. Juni 2003, spielte Deutschland in der Qualifikation zur EM 2004 auf den Färöern. Und den beiden Kommentatoren Günter Netzer und Gerhard Delling bekam die frische Seeluft an diesem Tage offensichtlich ganz besonders gut, wie dieser Ausschnitt zeigt:

Delling: "Sie haben auch die Spieler der Färöer gesehen. Haben Sie auch festgestellt, dass die dieses selbstbewusste Siegerlächeln immer im Gesicht tragen im Hotel?"

Netzer: "Nee, ich habe festgestellt, dass die Milchgesichter haben wie Sie!"

Delling: "Ja! An dieser Stelle sollten wir eigentlich gleich abgeben, wir machen trotzdem kurz noch ein bisschen weiter und schauen uns noch einmal den Trainer an. (Nach dem Einspieler) Also, der Mann weiß, wovon er redet, und dementsprechend muss man sagen, das ist wahrscheinlich der, der diesen - in Anführungszeichen - Milchgesichtern, so sahen sie mir gar nicht alle aus, aber doch einiges an Selbstbewusstsein eingeflößt hat."

Netzer: "Ja, das ist vorhanden. Trotzdem muss ich erinnern an diesen Unterschied, der herrscht zwischen Deutschland und den Färöern, der manchmal nicht sichtbar ist, der aber hier unbedingt sichtbar sein … muss, öh, werden muss."

Delling (amüsiert): "Das war auch, öh, zumindest, öh …"

Netzer: "Färöisch …"

Delling: "… so fast nah dran. Aber es war zumindest ein schwerer Versuch, ins Spiel zu kommen, ich hoffe, der deutschen Mannschaft gelingt das heute ein bisschen besser."

Nach dem Spiel. Deutschland hat die Partie durch späte Tore in der 89. und 90. Minute mit 2:0 doch noch gewonnen:

Delling: "In der Halbzeit hat man offensichtlich drüber gesprochen: Kombinieren, Ball laufen lassen. Warum sagt das nicht einer auf dem Feld?"

Netzer: "Kombinieren, Ball laufen lassen war die Devise schon für Schottland, was uns da auch gefehlt hat. Das eine ist das, was man will, das andere, was man kann."

Delling: "Ja. Warum antworten Sie eigentlich nie auf meine Frage?"

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Delling und Netzer erhielten für ihre Darbietungen gar den Grimme-Preis.

(Foto: imago images / Mavericks)

Der Bundestrainer kommt hinzu. Rudi Völler: "Ich hab' gerade den Jungs in der Kabine gesagt: Was habt ihr doch für ein schönes Leben als Fußball-Profis, ich sehne mich dahin mal zurück. Der Günter wird bestimmt bestätigen, wie schön das früher als Fußballer war."

Delling: "Tja. Das haben Rudi Völler und Günter Netzer gemeinsam: Beide wären gern noch einmal richtige Fußballer, nicht?"

Netzer: "Ja. Er hat völlig Recht. Es war ein richtig schönes Leben. Aber ich hab’ noch ein größeres Handicap. Ich muss das mit Ihnen ertragen."

Als klar war, dass nach der WM 2010 Schluss ist mit dem amüsanten Duo, ließ es sich Gerhard Delling in einer der letzten gemeinsamen Sendungen nicht nehmen, eine Schlusspointe für die Ewigkeit zu setzen. Delling zu Netzer: "Sie sind der Experte - Betonung liegt auf Ex." Leider. Nicht wenige TV-Zuschauer würden heute noch einmal gerne während der Spiele wichtige Dinge erledigen, damit sie vor, zwischen und nach den Partien nichts verpassen - von diesem perfekten Paar, das einst die Fußball-Fachgespräche rund um die Spiele nachhaltig revolutionierte.

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Quelle: n-tv.de

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