Redelings Nachspielzeit

Neue Konsequenz erhitzt Gemüter Der "Reklamierarm" ist eine böswillige Aktion

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Nach jedem Tor reklamiert Manuel Neuer automatisch. Wegen irgendwas.

(Foto: imago/Sven Simon)

Im Moment stehen die Schiedsrichter mal wieder im Mittelpunkt. Die neue, schärfere Regelauslegung sorgt für viel Unverständnis. Doch die Idee hinter der ganzen Sache ist mehr als sinnvoll: Profis sollten gute Vorbilder für die Jugend und die Amateure sein!

Der leider viel zu früh verstorbene walisische Spieler und Trainer, Gary Speed, hat einmal etwas wahrhaftig Wahres gesagt: "Schiedsrichter sind wie Ehefrauen. Sobald du akzeptierst, dass sie immer Recht haben, ist dein Leben viel besser." Eine Maxime, die viele Probleme des vergangenen Wochenendes in der Fußball-Bundesliga wohl im Keim erstickt hätte. Doch das Gegenteil war der Fall. Es wird mal wieder viel und intensiv in diesen Tagen über die Männer mit der Pfeife gesprochen.

Ohne das vorab am Einzelfall zu bewerten, kann man sagen: Diskussionen über Schiris sind niemals gut. Warum? Das hat nie jemand besser in Worte gefasst als der große Bobby Charlton: "Der ideale Schiedsrichter ist wie das Ungeheuer von Loch Ness. Jeder kann ihn beschreiben, aber keiner hat ihn gesehen." Die Realität im deutschen Profifußball sieht im Moment leider komplett anders aus. Die Unparteiischen sind mal wieder in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt – und können selbst eigentlich gar nichts dafür (auch wenn sie augenblicklich nicht immer in jeder Situation ganz glücklich agieren mögen). Die neue, schärfere Regelauslegung ist Schuld. Sie sorgt dafür, dass die Köpfe vieler Fußballfans in den letzten Tagen die Farbe sonnengereifter, spanischer Tomaten annahmen.

"Alles tun, damit unsere Mannschaft einen Vorteil hat"

Dabei kann niemand, der sich für einen fairen Umgang unter Sportskameraden auf dem Spielfeld einsetzt, grundsätzlich etwas dagegen haben, dass Auswüchse des Meckerns und Reklamierens mit mehr Nachdruck geahndet und sanktioniert werden. Denn wenn man als Zuschauer ehrlich ist und einmal die Beispiele beiseite schiebt, wo es um den eigenen Verein geht, und es naturgemäß mit der Objektivität etwas schwieriger wird, dann kann man festhalten: Die 22 Beteiligten auf dem Rasen und die Trainer am Spielfeldrand haben es in der Vergangenheit leider allzu oft übertrieben.

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"Der ideale Schiedsrichter ist wie das Ungeheuer von Loch Ness. Jeder kann ihn beschreiben, aber keiner hat ihn gesehen."

(Foto: imago stock&people)

Denn Unsportlichkeit und unfaires Verhalten gegenüber den drei Schiedsrichtern auf dem Platz fängt bereits da an, wo man trotz besseren Wissens ein gegenteiliges Verhalten an den Tag legt. Wie zum Beispiel der Nationalkeeper Manuel Neuer. Sein "Reklamierarm" ist mittlerweile ja schon legendär. Kurz vor Weihnachten hat Neuer diese Pawlowsche Reaktion übrigens so erklärt: "Ich werde immer alles tun, damit unsere Mannschaft einen Vorteil hat." Ein interessanter Satz in diesem Zusammenhang, den man sich ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen sollte. Da hilft auch Neuers Nachsatz nicht mehr: "Es ist aber keine böswillige Aktion, wenn ich nach Gegentoren den Arm hebe." Nein? Was denn dann?

Aber, Profi, wie er ist, hat Manuel Neuer beim Spiel seines FC Bayern in Mainz am Samstag beim 1:3 des FSV seinen Arm zwar zuerst leicht nach oben gestreckt, dann aber sofort wieder eingezogen. Ganz offensichtlich hat die neue Regelauslegung beim Nationaltorwart bereits Wirkung gezeigt. Es wäre für den Fußball insgesamt nicht das Schlechteste, wenn Neuer in Zukunft – wenigstens bei eindeutig regulär erzielten Gegentoren – immer seinen Reklamierarm unten lassen würde. Denn man muss es noch einmal klipp und klar sagen: Solche Aktionen sind und bleiben unsportlich. Demzufolge wäre schon viel gewonnen, wenn die schärfere Sanktionierung durch die Schiedsrichter tatsächlich dazu führen würde, dass solche Dinge zukünftig ausblieben.

"Am besten, Sie verwarnen mich jetzt schon"

Damit das auch wirklich passiert, sind die Schiedsrichter und die Profis auf dem Feld gemeinsam gefordert. Nur wenn alsbald beide Parteien sich nicht mehr als Feinde, sondern, wie es eigentlich sein sollte, wieder mehr als Partner verstehen würden, kann auch das funktionieren, was sich alle Beteiligten von der neuen, schärferen Regelauslegung versprochen haben: Das Wahrnehmen der natürlichen Vorbildfunktion der Profis für den Jugend- und Amateurfußball!

Und dann kann am Ende hoffentlich auch wieder mehr auf dem Platz gelacht werden. Denn der Spaß sollte bei einem Spiel, trotz der vielen Millionen, um die es mittlerweile geht, immer noch im Vordergrund stehen. Wie bei dieser kleinen Geschichte des ehemaligen Nationalspielers Roy Keane: "Im Tunnel habe ich zu Schiri David Elleray gesagt: ‚Am besten, Sie verwarnen mich jetzt schon, und wir haben es hinter uns.’ Er hat es locker gesehen und mich trotzdem verwarnt." Gary Speed hätte an Stelle von Keane wohlwissend den Mund gehalten.

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Quelle: ntv.de