Redelings Nachspielzeit

Begegnungen im Leben und Fußball Der Tag, als der Tod kam

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Am 10. Dezember 2017 horchte die Fußballwelt auf. Peter Stöger wurde als neuer Trainer des BVB vorgestellt - nur acht Tage nachdem er beim 1. FC Köln entlassen worden war. Doch unser Kolumnist kann sich aus einem anderen Grund genau an diesen Tag erinnern.

Ich weiß noch genau, wo ich war, als Peter Stöger neuer Trainer bei Borussia Dortmund wurde – und ich wünschte, es hätte diesen Tag nie gegeben. Es ist schon komisch, dass man sich an manche Dinge ein Leben lang erinnern kann und an andere, häufig viel schönere, überhaupt nicht. Dass ich noch weiß, was ich getan habe, als Peter Stöger nur acht Tage nach seiner Entlassung beim 1. FC Köln als neuer Übungsleiter beim BVB vorgestellt wurde, hat an sich nichts mit dem Umstand dieser durchaus kuriosen Geschichte zu tun.

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Watzke, Stöger, Zorc.

(Foto: imago/Christoph Reichwein)

Ich kann mich nur deshalb so gut erinnern, weil mein Bruder und ich am Morgen dieses 10. Dezember 2017 von unserer Mutter zu meinem Vater gerufen wurden. Es gehe ihm nicht gut, hatte sie leise am Telefon gesagt. Damals wussten wir noch nicht, dass wir an diesem Tag zum letzten Mal für einen kurzen Augenblick zu viert um den Wohnzimmertisch, an dem wir so viele gemeinsame Stunden verbracht hatten, sitzen sollten. Obwohl ich sah, wie schlecht es ihm ging, habe ich meinen Vater an diesem Vormittag mehrmals gefragt, ob er es nicht doch noch einmal probieren wolle. Ich hatte Angst vor seinem nächsten Aufenthalt im Krankenhaus. Heute denke ich, dass ich damals wohl gespürt habe, dass er nicht mehr nach Hause zurückkehren werde.

Kurz bevor mein Vater die Wohnung verließ, hatte es draußen begonnen zu schneien. Ich liebe Schnee. Schon als Kind stand ich, sobald die ersten Flocken vom Himmel fielen, am Fenster und schaute faszinierend in das Licht der Straßenlaternen, um nur ja keine dieser kleinen, lustig tanzenden Eiskristalle zu verpassen. Ich hatte damals die Angewohnheit, jeden Wetterbericht aufzusaugen und meinen Eltern anhand der gesammelten Informationen die Schneewahrscheinlichkeit für die nächsten Tage auszurechnen. Heute weiß ich: Meine Aufgeregtheit konnte nerven. Wenn das ganze Theater meinen Eltern mal wieder zu viel wurde, zog mein Vater mich deshalb gerne mit ein paar spitzen Bemerkungen auf – und dennoch oder vielleicht gerade deshalb war Schnee auch unser gemeinsames Ding.

Alles wirkt wie im Film

Als wir nun am Vormittag dieses 10. Dezember im dichten Schneefall die Wohnung verließen, wirkte alles wie in einem Film. Ich stand neben mir und beobachtete uns dabei, wie wir vorsichtig zum Auto liefen, die Scheiben vom nassen Matsch befreiten und nur Minuten später am Krankenhaus vorfuhren. In Zeitlupe kann ich noch jeden unserer Schritte, alle unserer Gesten und meine Gedanken vor- und zurücklaufen lassen. Und deshalb weiß ich auch noch genau, wie ich nach endlos langen Minuten der Warterei vor der Tür der Notaufnahme wieder kurz Hoffnung schöpfte. Als wir draußen im Wartesaal auf den kalten Stühlen saßen und mein Vater meinte, es gehe ihm schon wieder etwas besser, sagte ich mit einem traurigen Lächeln: "Na, dann können wir ja wieder gehen!". Innerlich hoffte in diesem Moment nichts sehnlicher, als dass er aufstehen und die Treppe zum Ausgang gehen würde. Er tat es nicht. Er schaute stattdessen mit leeren Augen auf die Tür der Notaufnahme.

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Eine Stunde später lag mein Vater neben mir auf einer Liege. Meine Mutter und mein Bruder waren nach Hause gefahren, um die nötigsten Dinge zu holen. Immer wieder würgte mein Vater. Mittlerweile hatte er davon Schluckauf bekommen. Ich wollte ihn von seiner Übelkeit ablenken und begann über die Fußballgeschichten des Wochenendes zu reden. So lange ich denken kann, haben wir über Fußball gesprochen. Ein ganzes Leben lang. Und so fragte ich ihn, ob er gestern gesehen habe, wie der VfL in Regensburg gewonnen hatte. Er schloss die Augen und schüttelte zaghaft den Kopf. Ich sprach noch über dies und das und dann erzählte ich ihm von der Sache mit Stöger. Er hörte zu. Jedoch nur kurz. Dann beugte er sich leicht nach vorne, räusperte sich und fragte leise: "Ist das noch unser Fußball?" Es war der Moment, als mir klar wurde, dass für meinen Vater unser gemeinsames Thema vorbei war. Endgültig.

Am Tag, als Peter Stöger Trainer bei Borussia Dortmund wurde, ist mein Vater ein letztes Mal ins Krankenhaus gekommen. Einen Monat später starb er. Am Abend seiner Beerdigung bin ich ins Stadion gegangen. Es hat geregnet und unser VfL Bochum hat verloren. Gegen den MSV Duisburg. Auch das werde ich nie vergessen.

Quelle: ntv.de