Redelings Nachspielzeit

Tragisch wie Kevin Pannewitz Der tiefe Absturz früherer Shootingstars

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Mit dem FC Bayern gewann Wegmann 1989 die deutsche Meisterschaft. Links übrigens der junge Hansi Flick.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Nachricht sorgte für Furore: Der ehemalige Nachwuchsstar Kevin Pannewitz arbeitet mittlerweile als Straßenfeger. Ein Gehaltsabsturz, den auch andere große Shootingstars der Bundesliga mitmachen mussten. Zwei fielen sogar noch tiefer.

Und dann hatte Jürgen Wegmann mal wieder eine irre Idee. 2013 erzählte er einem Reporter von seinem neusten Traum. Er möchte jetzt als Privatdetektiv arbeiten - so wie "Columbo früher": "Wie der in aller Ruhe seine Fälle gelöst hat, hat mir immer gefallen." Aus diesem Plan ist leider nichts geworden. Wie so häufig im Leben des Jürgen Wegmann.

Der Mann, der über sich selbst sagte, er sei "giftiger als die giftigste Kobra", war eigentlich nur auf dem Fußballplatz immer komplett bei sich. Abseits des grünen Rasens sorgte er schon immer für manch unglaubliche Geschichte. So wie diese. Als er im Juli 1986 noch keine zwei Wochen auf Schalke war, bekam er auf der Geschäftsstelle wie jeder andere Spieler auch 3.000 Autogrammkarten zum Unterschreiben mit auf den Nachhauseweg.

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Am nächsten Tag stand er wieder vor der Sekretärin und forderte weitere 3.000 Autogrammkarten. Wo er denn die ersten 3.000 gelassen habe, fragte ihn die Sekretärin: "Verloren?" Wegmann antwortete cool: "Nö, hab' ich in meinem Viertel verteilt." Irgendwie sympathisch, aber leider auch abseits der Norm.

Als Wegmann Ende der 80er-Jahre mit Roland Wohlfarth beim FC Bayern im Sturmzentrum für Furore sorgte und ihm plötzlich die Welt zu Füßen lag, genoss der gebürtige Essener nicht etwa den schönen Moment, sondern brachte sich selbst wieder unnötig in Schwierigkeiten. Und so verkündete er nach einem wichtigen 1:0-Sieg in Hamburg: "Das Schicksal will, dass ich künftig die Nummer neun trage!" Doch das Schicksal hatte einen Namen und überlegte noch: Jupp Heynckes.

Die großen Träume des Günter Breitzke

Ein paar Spieltage später - Wegmann hatte gerade mit einem Seitfallzieher gegen Nürnberg ein Traumtor, viele meinen ein "Jahrhunderttor", erzielt (O-Ton Hoeneß: "Um solch ein Tor zu schießen, muss man schon schlangenhaft Fußball spielen") - hatte Heynckes eine prima Idee: Die "Kobra" könne ja ein Trikot mit der 9 unter der 11 tragen. Denn die 9 werde weiter für Wohlfarth reserviert sein. Ein Schlag ins Gesicht von Wegmann - den er sich leider selbst zugefügt hatte.

Das Jahr 2013 sollte schließlich einen letzten endgültigen Wendepunkt im tragischen Leben des ehemals großen Torjägers Jürgen Wegmann bedeuten. Nachdem ihn der BVB und schließlich der FC Bayern mit Jobs sozial abgefedert hatten, bedeutete die Entscheidung, von nun an lieber freiberuflich als Privatdetektiv zu arbeiten, einen weiteren Rückschritt. Beruflich kam Wegmann seitdem nicht mehr richtig auf die Beine.

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Ein Schicksal, das ein anderer Shootingstar der End-80er teilt: Günter Breitzke. Den gebürtigen Kölner hatte damals FC-Trainer Christoph Daum auf Herz und Nieren geprüft und dann für zu leicht befunden. Nach einem zweimonatigen Probetraining schickte ihn der damalige Kölner Coach wieder nach Hause. Er war sich sicher, dieser Mann wird sich in der ersten Liga nicht durchsetzen. Doch er sollte sich irren. Wenigstens in Teilen.

Denn zuerst wurde Günter Breitzke zum Hoffnungsträger des BVB, zu dem er 1988 für nur 30.000 Mark vom SC Brück in die Bundesliga gewechselt war. Gleich in seiner ersten Saison schoss er zehn Tore in 31 Begegnungen und holte am Ende der Spielzeit den DFB-Pokal. Damals träumte Breitzke von einem eigenen Rennpferd, einem BMW 325i und von den oberen Tabellenregionen und dem Gedanken daran, was dann in Dortmund passieren würde: "Auf Monate wäre jedes Spiel ausverkauft. Gegen Bayern, Bremen und Hamburg würden die das Stadion abreißen. Und die Rote Erde noch dazu."

"Keine Stelle, kein Geld, kein Auto, keine Freundin"

Nur zwei Jahre später war von dieser Euphorie schon nicht mehr viel zu spüren. Der Presse erzählte er damals freimütig den Grund für die Trennung von seiner Freundin: "Sie hat immer gefragt: Wann spielst du wieder? Das ging mir schließlich auf die Nerven!" Und leider wurde es auch nicht mehr viel besser. Bereits 1995 sollte die Karriere des Günter Breitzke im bezahlten Fußball schon wieder vorbei sein. Außer Erinnerungen an die schöne Zeit und die Kameradschaft zu den ehemaligen Mitspielern ist dem "Kölsche Jong" nach seiner Laufbahn nicht viel geblieben.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Zu den Problemen auf dem Platz waren damals die Probleme abseits des grünen Rasens gekommen. Sein Leben und seine Finanzen, um es vorsichtig auszudrücken, waren irgendwann komplett aus den Fugen geraten. Leider bemerkten selbst die engsten Vertrauten nicht, was mit Breitzke los war. Und so schoss der BVB sogar noch einen Kredit hinterher, als dem ehemaligen Shootingstar seine Probleme längst über den Kopf gewachsen waren.

Seit einigen Jahren ist Günter Breitzke dorthin zurückgekehrt, wo für ihn einmal alles begann. In Köln-Stammheim lebt er in einer Zweizimmerwohnung weit vom bunten Bundesligatreiben entfernt: "Ich sitze den ganzen Tag vor dem Fernseher. Was soll ich auch sonst machen? Ich habe keine Stelle, kein Geld, kein Auto, keine Freundin, muss mit ein paar Euro Hartz IV auskommen."

Als die Welt von Günter Breitzke noch in Ordnung war und eine große Karriere vor ihm lag, da sagte der Kölner einmal: "Ich bin vom Training oft so kaputt, dass ich vor der Kiste einschlafe und erst wieder aufwache, wenn das Programm vorbei ist." Es war dennoch eine schöne Zeit. Eine Zeit der Hoffnung und der Zukunft. Denn damals waren auch die Träume noch so nahe, dass man sie nur greifen musste, um sie zu verwirklichen.

Quelle: ntv.de

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