Redelings Nachspielzeit

Redelings über Fußball-Wahnsinn Die Sehnsucht nach dem großen Knall

imago07236264h (2).jpg

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Funktionäre fahren das System Profifußball immer konsequenter und zielgerichteter gegen die Wand. Unser Kolumnist kann nicht leugnen, dass er sich mittlerweile auf den Tag des großen Knalls freut - möge er lieber früher als später kommen.

Manchmal muss ich mich in diesen Tagen selbst daran erinnern, warum ich mich als Kind in den Fußball verliebte. Im Alltag wird der Blick auf das Wesentliche durch die nimmersatten Geldsäcke, die momentan medial das Bild dieses herrlichen Sports prägen, leider allzu häufig verstellt. Doch dann lese ich eine kleine Randnotiz aus dem "Kicker", frühe 80er-Jahre vermutlich, und weiß wieder, dass nicht wir Fußballfans verrückt sind, sondern die Welt da draußen.

In diesem Mini-Ausschnitt wird von einer F-Jugend-Mannschaft erzählt, die ein Turnier gewonnen hat. Doch als es zur Siegerehrung geht, wird dem Kapitän des Teams nur ein Briefumschlag mit 50 Mark überreicht. Den Pokal bekommt der unterlegene Finalgegner. Die Siebenjährigen beginnen daraufhin zu weinen. Viel lieber wären sie mit dem goldenen Kelch auf eine Ehrenrunde gegangen. "Erfolg gleich Geld. Diesem Kurzschluss waren die Kinder noch nicht erlegen", schreibt der Redakteur so wunderbar weise.

Es wird vielleicht nicht fröhlich, aber feucht

Als ich die Tage von Infantinos Milliarden-Plänen las, überkam mich spontan ein Gedanke: Ich kann nicht leugnen, dass ich mittlerweile eine kindliche Freude daran entwickele, wie die Funktionäre der Verbände und Vereine das Ding konsequent und zielgerichtet an die Wand fahren. Bei Twitter versprach ich: "Wenn es dann irgendwann richtig BUMM macht, lade ich groß auf eine Runde Fiege Pils ein!" Aus dem ganzen Land kamen Rückmeldungen. Fans aller Farben und Vereine sicherten Bier aus Gelsenkirchen, Bayern, Norddeutschland und auch Kölsch zu. So viel ist jetzt schon sicher: Der Tag, an dem das System Profifußball zusammenbricht, wird kein nüchterner!

ANZEIGE
Fußball. Die Liebe meines Lebens
EUR 14,00
*Datenschutz

Wenn in einer Welt, die eigentlich von Liebe und Leidenschaft geprägt ist, nur noch das Geld regiert, verkümmert etwas, das uns Fußballfans seit jeher mit einem unsichtbaren Band zusammengehalten hat: Es ist die menschliche Seite des Spiels. Was das bedeutet, zeige ich in meinem aktuellen Buch "Fußball. Die Liebe meines Lebens" anhand einer Story, die ich bestimmt schon 1000 Mal auf der Bühne erzählt habe - doch noch nie auf diese Weise. Es ist meine Lieblingsgeschichte aus 55 Jahren Bundesliga, weil sie so viel von dem enthält, was ich an diesem Sport liebe. Damals fuhren die Männer in Schwarz für eine Tagespauschale von 72 Mark einmal quer durch die Republik. Auch wenn es sicherlich nicht immer der Fall war, weil es die Unparteiischen noch nie leicht hatten, regierte damals auch bei ihnen nicht das Geld sondern der Spaß an der Sache. Doch nun zur Story an sich.

Die legendäre Geschichte vom 8. November 1975, als Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder nach 32 Minuten die Partie zwischen Werder Bremen und Hannover 96 in die Halbzeitpause pfiff, kennt mittlerweile fast jeder. Auch, dass Ahli, wie er sich selbst gerne nannte, zum Zeitpunkt dieser kuriosen Aktion den einen oder anderen Schnaps und ein paar Pils intus hatte, weil die fettige Martinsgans, die Klöße und das Rotkohl noch nicht ganz verdaut waren, wissen die allermeisten Fußballfans.

Jetzt wird's Zeit!

Doch kaum einem ist bekannt, dass das Spiel im Bremer Weserstadion damals erst die dritte Bundesliga-Begegnung des Mannes aus Oberhausen war und Wolf-Dieter Ahlenfelder trotz dieses schweren Fehlers - da muss man nicht drum herumreden - noch 103 weitere Partien pfeifen durfte. Man kann sich lebhaft vorstellen, was mit Ahli in den heutigen Zeiten geschehen würde. Damals bekam er die zweite Chance - und wurde nicht nur zu einem der beliebtesten Unparteiischen der Bundesliga-Geschichte, sondern in der Saison 1983/84 auch als Schiedsrichter des Jahres ausgezeichnet.

Nostalgie und der Blick zurück sind nicht immer gute Ratgeber - doch in diesem Fall schon. Was würde man drum geben, einmal noch Ahli mit seiner italienischen Polizeipfeife in der Hand erleben zu dürfen. Wie er Infantino, Rummenigge, den Verbänden und Vereinen die Stirn zeigt und ihnen, wie damals den Spielern auf dem Platz, zuruft: "So, mein Jung, wird jetzt langsam Zeit, dass du dich verabschiedest. Sonst tue ich das für dich, und zwar mit Pauken und Trompeten. Dann kriegst du sogar noch ein Solo geblasen." Doch vermutlich könnte selbst Ahli nichts ausrichten. Und so sehnen wir Fußballfans lieber gemeinsam den Tag des großen Knalls herbei. Möge er doch bitte früher als später kommen!

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema