Redelings Nachspielzeit

Redelings ist ernüchtert Die schwächste Zweite Liga aller Zeiten

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Maßlos enttäuschte HSV-Fans verkünden ihr Saisonurteil.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Was für eine Vorfreude vor der Saison: 1. FC Köln, Hamburger SV und Co. zusammen in einer Spielklasse. Kaum einer, der nicht von der "stärksten Zweiten Liga aller Zeiten" spricht. Doch nun ist die Ernüchterung groß: Wie schwach war das, was die allermeisten Vereine zeigten.

Damit wir uns nicht missverstehen: Der Aufstieg des SC Paderborn in die Bundesliga ist großartig. Es ist ein kleines Fußball-Märchen, das Hoffnung macht und Ansporn für viele Vereine sein sollte. Es ist die deutsche Variante des amerikanischen Traums. Die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär bzw. die Story vom Fast-Viertligisten zum Erstligisten. Genau wegen solcher "Wunder" wird der Fußball niemals seine Ursprünglichkeit und seine Faszination verlieren.

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Der SC Paderborn schaffte den Durchmarsch - kein gutes Zeichen für die 2. Liga.

(Foto: dpa)

Doch diese einzigartige Erfolgsgeschichte entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Mogelpackung. Das eigentliche Wunder ist nämlich, dass die Paderborner mit dieser mickrigen Punkteausbeute überhaupt aufsteigen konnten. Ihnen reichten am Ende 57 Zähler. Und genau diese einfache Zahl spiegelt diese komplette Zweitligasaison wider. Eine Spielzeit, die davon geprägt war, dass im Grunde außer dem 1. FC Köln scheinbar niemand wirklich aufsteigen wollte.

Oder um es anders zu sagen: Außer den Kölnern war eigentlich kein Team richtig fähig, den Sprung in die erste Liga aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Hört sich hart an - und das ist es auch. Der Verlauf des letzten Spieltags sagt alles. Paderborn verliert in Dresden und Union Berlin kommt beim VfL Bochum nicht über ein 2:2 hinaus. Besser kann man das Dilemma dieser Zweitligasaison nicht auf den Punkt bringen. Aufsteigen trotz Niederlage - nur weil der Konkurrent es auch nicht schafft zu siegen.

Absteiger lassen Dominanz vermissen

Dabei schien im letzten Sommer schon alles klar zu sein. Die ersten beiden Plätze, so hieß es allerorten, seien bereits fest vergeben. Die beiden Aufsteiger im Mai 2019 würden Hamburger SV und 1. FC Köln heißen. Zu groß sei der finanzielle Abstand der Erstliga-Absteiger zum Rest der Liga. Doch es kam anders, als (fast) alle dachten. Weder die Kölner noch der HSV vermochten es in dieser Saison, die erwartete Dominanz auf den Platz zu bringen. Vermutlich hätte es auch der FC noch schwerer gehabt, wenn nicht die allermeisten Klubs im vorauseilenden Gehorsam die Punkte freiwillig herschenkten. Von dieser selbsterfüllenden Prophezeiung profitierten sehr lange auch die Hamburger, doch irgendwann realisierten die anderen Vereine, dass der HSV eher zufällig ganz oben in der Tabelle stand - und gingen fortan mit Hoffnung in die Partien gegen die Rothosen.

Zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Und dennoch hat HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann natürlich ebenfalls recht, wenn er vom "überflüssigsten Nicht-Aufstieg der Fußball-Geschichte" spricht. Das allerdings gilt auch noch für mindestens fünf, sechs weitere Teams in der Liga, die sich allesamt in den Allerwertesten beißen sollten, weil sie die Riesenchance verpassten, in diesem Jahr aufzusteigen. Vermutlich wird es für lange Jahre nicht mehr so einfach gewesen sein wie in dieser Saison.

Immerhin: Relegation mit fantastischen Fans

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Die rote Wand wird auch nach Stuttgart reisen.

(Foto: imago images / Moritz Müller)

Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich Union Berlin in den beiden Relegationsspielen gegen den VfB Stuttgart schlägt. Denn auch die Vereine in der unteren Tabellenhälfte der ersten Liga gaben ja vielfach ein deprimierendes Bild ab. Mit seinem fantastischen Anhang im Rücken darf sich Union deshalb dennoch Hoffnung machen, dass es am Ende mit dem Aufstieg klappt.

Für die Zweite Liga hingegen gibt es wenig Hoffnung im Moment, dass es in der kommenden Spielzeit nachhaltig besser wird. Denn auch die beiden Absteiger versprechen nicht unbedingt eine Anhebung der Qualität. Aber lassen wir uns überraschen. Wie in dieser Saison vom großartigen Aufsteiger SC Paderborn. Herzlichen Glückwunsch nach Ostwestfalen und alles Gute für die Erste Liga!

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Quelle: n-tv.de

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