Redelings Nachspielzeit

Großer Kehraus beim DFB? Doppel-Lösung Rangnick-Kuntz statt Flick

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(Foto: imago images/Sven Simon)

Der DFB muss handeln. Vermutlich nicht nur auf der Trainerposition. 17 Jahre nach dem großen Schnitt mit der Verpflichtung von Oliver Bierhoff und Jürgen Klinsmann steht der deutsche Fußball vor einem radikalen Umbruch. Und tatsächlich gäbe es da wohl eine gute Lösung.

Oliver Bierhoff wird die Idee nicht gefallen - doch nach dem jüngsten Ergebnis gegen Nordmazedonien sollte der DFB nicht alleine mehr über den Posten des Nationaltrainers reden. Auch über den langjährigen Manager des Deutschen Fußball-Bundes muss dringend nachgedacht werden. Ein großer Kehraus ist in dieser Situation eigentlich unvermeidlich - und durchaus machbar. Wenn denn Ralf Rangnick mitspielt.

Eines hat die letzte Woche gezeigt: Die für den Sommer schon fest vereinbarte Scheidung von Bundestrainer Jogi Löw und dem DFB sollte dringend vorgezogen werden. Wenn als einziger Grund für ein Weitermachen ein "würdiger Abgang" des verdienten Nationalcoachs steht, dann sollte man sich einmal vor Augen führen, dass genau das weder im Moment geschieht, noch in Zukunft garantiert werden kann. Man stelle sich nur einmal vor, wenn die deutsche Elf wie in Russland 2018 auch bei der EM 2021 bereits in der Vorrunde ausscheiden sollte. Ein Abschied in Würde für Jogi Löw sähe wahrhaft anders aus. Und genau so ein Szenario hat der Weltmeister-Trainer von 2014 nach dem Debakel bei der WM 2018 auch unter keinen Umständen verdient. Aber im Augenblick spricht nicht viel dafür, dass es anders kommt.

Löw kann es niemandem recht machen

Doch neben den teils niederschmetternden Ergebnissen auf dem grünen Rasen in den letzten Wochen und Monaten kommt noch etwas Gravierendes hinzu: Der DFB präsentiert sich in Gänze schon seit langer Zeit in einem erschreckenden Zustand. Es erinnert viel an das Jahr 2004, als der Deutsche Fußball-Bund zwei Jahre vor der WM im eigenen Land am Boden lag und mit dem Duo Oliver Bierhoff und Jürgen Klinsmann einen genialen Schachzug aus dem Ärmel zauberte. Siebzehn Jahre später wäre es wieder einmal an der Zeit, den Verband auf ein neues Fundament zu setzen, um ihm einen kompletten Neustart zu ermöglichen. Und zwar am besten sofort!

Denn egal, was Jogi Löw in den nächsten Wochen und Monaten auch tun wird, er hat kaum mehr eine echte Chance, es jemandem recht zu machen. Bleibt man nur bei der möglichen Rückkehr von Thomas Müller und Mats Hummels, dann sieht man, wie ausweglos die Lage für ihn im Grunde ist. Bis zuletzt hat er offensichtlich gehofft, dieses Comeback mit guten Ergebnissen des DFB-Teams noch verhindern zu können. Doch dieser Plan ist nun gescheitert. Und damit eigentlich auch Jogi Löw. Denn holt er sie zurück, ist sein bisheriger Weg nicht der richtige gewesen. Holt er sie nicht zurück, kann er sich auf ein öffentliches Donnerwetter einstellen. Ein auswegloses Dilemma - das man weder dem Bundestrainer noch dem deutschen Fußball insgesamt gönnt. Doch leider ist die Lage genau so.

Nun sollen nach Ostern erste Gespräche mit Kandidaten für die Nachfolge von Löw anstehen. Der DFB wäre gut beraten, wenn er noch einmal für einen (kurzen) Moment innehalten und sich die aktuelle Situation in seiner Gänze vor Augen führen würde. Der Verband müsste sich schnell eingestehen, dass es nicht nur auf dem grünen Rasen hakt. Schon seit längerem steht auch Oliver Bierhoff in der Kritik. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch bei ihm mittlerweile viel zu viele Dinge festgefahren und irreparabel sind. Die Kommunikation des "Direktor Nationalmannschaften und Akademie" in der letzten Zeit als unglücklich zu bezeichnen, wäre eine euphemistische Verharmlosung des teils katastrophalen Bildes, das "Die Mannschaft" und des ganzen Drumherums in der jüngeren Vergangenheit nach außen präsentierte. Ginge man die Sache offen und schonungslos an, wäre sie eindeutig: Bei allen Verdiensten von Bierhoff um den deutschen Fußball ist eine Trennung eigentlich unausweichlich.

Kuntz als emotionaler "Menschenfänger"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Und da im Grunde keine Zeit zu verlieren ist, gerät nun eine äußerst spannende Doppel-Lösung in den Fokus: Ralf Rangnick für Bierhoff als Manager und Stefan Kuntz für Löw als Trainer. Es wäre für den DFB und den deutschen Fußball insgesamt die optimale Lösung für eine grundsätzliche Neuausrichtung, die nicht nur für die Zukunft viel verspricht, sondern auch aktuell sofort greifen könnte. Einzige Frage hierbei ist nur: Kann sich Rangnick vorstellen, auf den Trainerposten zu verzichten und dafür die Chance zu erhalten, den deutschen Fußball insgesamt auf ein neues Niveau zu heben? Dass er genau solch eine Mission erfolgreich gestalten kann, hat er bei seinen früheren Stationen immer wieder bewiesen.

Und dass Kuntz als emotionaler "Menschenfänger" und als Europameister von 1996 durchaus in der Lage ist, mit der momentanen Spielergeneration Erfolge zu feiern, hat er in den letzten Jahren als Trainer der U21 bereits gezeigt. Sein Vorteil zudem: Anders als Hansi Flick wäre er sofort verfügbar.

So oder so: Der DFB und die deutsche Nationalmannschaft stehen aktuell am Scheideweg. Und leider scheint es fraglich, ob die momentane Führungsriege die Kraft und die Weitsicht hat, Entscheidungen über den Tellerrand hinaus zu fällen. Doch in der gegenwärtigen Situation ist vor allem auch viel Mut gefragt - nicht zuletzt, um die Würde und das Ansehen der aktuell Handelnden und des deutschen Fußballs insgesamt zu wahren. Und genau darum sollte es allen Beteiligten in den nächsten wichtigen und zukunftsweisenden Tagen stets gehen.

Quelle: ntv.de

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