Redelings Nachspielzeit

Redelings über ein Phänomen Fußball ist ein mieser Schweinezyklus

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Diese deprimierende Phase, in der, egal, was auch immer alle Beteiligten tun, nichts gelingen will - jeder Fußballfan kennt sie.

(Foto: imago images / Michael Weber)

Die Gewissheit, dass auf jede Schmach wieder Tage des Sonnenscheins folgen, lässt Fußballfans auch die trübsten Zeiten überstehen. Das beste Beispiel für eine triumphale Kehrtwende liefert gerade der FC Schalke 04. Doch das war im letzten Jahr noch ganz anders!

Das ganze Leben ist ein Schweinezyklus. Es geht auf und ab - immer wieder. Und nirgendwo fährt das Leben so schnell und heftig mit einem Achterbahn wie beim Fußball. Gerade noch warst du der Depp der Nation und im nächsten Moment schon bist du der König der Sportschau. Der Schalker Stambouli spürt noch den Druck der Kapitänsbinde, die ihm die Ultras im Frühlingschaos auf dem Platz vom Arm rissen. Es ist übrigens derselbe Arm, den er am Wochenende freudestrahlend nach dem Sieg in Leipzig vor der Kurve der S04-Anhanger in die Höhe schmiss.

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Schalke 04 kann auf einmal wieder jubeln.

(Foto: imago images/RHR-Foto)

Im Sommer prognostizierten selbst eingefleischte Königsblaue den Untergang ihres Vereins. Angst hatte sich rund um den Schalker Markt breit gemacht. Und heute? Da liest man vom kommenden Schalker Meister. Noch pflanzen die meisten S04-Anhänger hinter solche Zukunftsvisionen ein Smiley. Noch. Zu tief sitzt der Stachel des Schreckens vom letzten Jahr. Aber noch ein, zwei Siege weiter wird der Smiley langsam verblassen. Genau wie die Erinnerungen an die furchteinflößenden Leistungen der vergangenen Spielzeit. Fußballfans verfügen über die beeindruckende Fähigkeit im Schnelldurchlauf ihr Langzeitgedächtnis zu reseten. Der Moment überstrahlt alles.

Leider gilt das auch andersherum - und wer sollte das eigentlich besser wissen als die Schalker selbst. Doch die kann man im Augenblick fast schon nicht mehr fragen, wie sich das genau anfühlt. Noch befinden sie sich in dieser überaus spannenden Übergangsphase, in der Fans ihr eigenes Glück kaum fassen können. Es ist eigentlich die schönste Zeit, die man als Fußball-Anhänger erleben kann. Alles wirkt so frisch, so neu, so anders. Die Dinge fühlen sich plötzlich so leicht an und die Ansprüche an das eigene Team liegen nur knapp über der Grasnarbe. Der Erdung durch die Ereignisse der leidgeprüften Vorsaison zollen alle noch Tribut. Schon bald jedoch werden die Erwartungen wieder größer werden. Siege werden, wenn nicht zur Selbstverständlichkeit, so doch ein Stück weit normal. Doch das ist okay, denn die Welle ebbt nicht ab. Das Momentum ist dein Freund - und irgendwann kommt der Augenblick, da denken Fan und Mannschaft gleichermaßen: Uns kann diese Saison nichts passieren. Ein großartiges Gefühl.

Der elende Kampf gegen die Katastrophe

Aber noch einmal zurück zur gegenteiligen Situation. Zum negativen Lauf. Zur Schattenseite des Schweinzyklus. Zu dieser deprimierenden Phase, in der, egal, was auch immer alle Beteiligten tun, nichts gelingen will. Diese fatale Zeit der Angst - wenn bei jedem Spiel der Arsch Kirmes hat. Fans von durchschnittlich erfolgreichen Fußballklubs, den Fahrstuhlmannschaften zwischen Himmel und Hölle, fürchten diese Phase, wie das Versiegen der Biervorräte im Stadion bereits zur Halbzeit. Wenn man schon nach dem sechsten Spieltag weiß, dass es ein elender Kampf gegen die Katastrophe wird. Dass die größten Glücksmomente darin liegen, dass die Konkurrenten gegen den Abstieg ebenfalls zu blöd sind, um zu punkten. Jeder Blick auf die Tabelle wird zum Rechenexempel. Zu einem ganz einfachen Rechenexempel. Denn viele Finger braucht man nicht, um die Situation zu erfassen. Man will nur, dass es endlich aufhört. Dass die ganze Scheiße vorbei ist und das bleierne Trübsal ein Ende findet. Natürlich im Guten. Denn zum Schluss muss die Erlösung im Glück stehen. Der finale Moment der Feier. Und der Augenblick des Neubeginns.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist es doch, was jeden Fußballfan immer wieder zu seinem Verein treibt. Diese diffuse Gewissheit, dass auch nach der größten Schmach wieder Tage des Sonnenscheins folgen werden. In den Zeiten des Niedergangs und Unglücks ahnt man nur, dass es diese Momente irgendwann auch für einen selbst wieder geben wird. Doch die Fußballgeschichte ist voll von diesen Storys. Aktuell schreiben sie in Gelsenkirchen an einem weiteren Märchen aus 1001 Fußballgeschichte. In Kaiserslautern hingegen erleben sie das komplette Gegenteil. Doch auch hier wird eines (nicht zu fernen) Tages wieder die Sonne scheinen. Denn das ganze Leben ist ein Schweinezyklus. Außer man ist Fan des FC Bayern München. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Quelle: n-tv.de

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