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"Die Schweine von gestern sind die Würstchen von morgen! Scheiß FCK" - das hat nix mehr mit Frotzeleien im Fußball zu tun.
"Die Schweine von gestern sind die Würstchen von morgen! Scheiß FCK" - das hat nix mehr mit Frotzeleien im Fußball zu tun.(Foto: imago/Eibner)
Dienstag, 08. Mai 2018

Redelings gegen den Hass: Ihr werdet den Fußball nie verstehen!

Von Ben Redelings

Der 1. FC Kaiserslautern steigt in die dritte Liga ab. Das kann man gut finden oder auch nicht. Aber es ist sicherlich kein Grund, wieder einmal die Rivalität mit dumpfen verbalen Aussetzern zu feiern. Zwischen Frotzeleien und Hass liegen Welten.

Vor vielen Jahren mussten die Schalker einmal nach Unterhaching reisen. Zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte. Die dortige Spielvereinigung hatte es tatsächlich geschafft, in die Bundesliga aufzusteigen. Nun standen die königsblauen Fans vor einer echten Herausforderung: Wo um Himmelswillen lag denn nun bloß dieses ominöse Unterhaching - und was zum Teufel machen die in unserer schönen Bundesliga?

Als das Auswärtsspiel kam, verpackten die S04-Anhänger genau diese beiden Fragen mit einer feinen Ironie in einen Spruch, den sie auf ein großes, nicht zu übersehendes Banner pinselten. Und als sie sich nun zum ersten Mal in Unterhaching im Stadion tummelten, drückten sie ihre eigene Verwunderung darüber, was sie hier eigentlich genau zu suchen hatten, auf eine solch großartige Art und Weise aus. Auf dem Banner stand: "Hurra, wir haben es gefunden!"

"Euer Stammbaum ist ein Kreis!"

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Die Rivalität zwischen den Fans der SpVgg (Bayern) Hof und denen der SpVgg (Oberfranken) Bayreuth hat Tradition. Man neckt sich, wenn man sich trifft und verteilt hier oder da auch schon einmal deutlichere Breitseiten. Vereinzelt werden Treffer auch unter der Gürtellinie angesetzt, aber im Großen und Ganzen verzichten beide Parteien auf die komplett hohlen Parolen. Und eines der Plakate, die bei einem Spiel zwischen beiden Mannschaften hochgehalten wurde, zählt zu den feinsinnigsten Sprüchen, die je zwischen zwei rivalisierenden Gruppierungen ausgetauscht wurden. Das Banner mit dem Spruch "Euer Stammbaum ist ein Kreis!", das die Bayreuther den Fans aus Hof präsentierten, ist legendär. Tatsächlich dauerte es wohl eine ganze Weile, bis der Sinngehalt des Satzes von den Hofer Anhängern intensiv durchdrungen wurde.

Dass die Sache mit den eigenen Missbilligungs-Bekundungen unter Fans im Grunde keine einfache Kiste ist, zeigten vor ein paar Jahren die Wolfsburger. Die von Seiten der Braunschweiger eher belächelte Lokal-Rivalität liegt den VfL-Anhängern hingegen bleischwer auf der Seele. Und so nutzten die Wölfe die Gunst der Stunde, als die Eintracht endlich einmal wieder zusammen mit ihnen in der ersten Liga spielte, um eine Sache ein für allemal klar zu stellen: "Blau gelbe Schweine seht es ein. Wir werden auf ewig hinter uns bleiben." Ja, richtig gelesen: "WIR werden ... hinter UNS bleiben." Das ging also leider im Eifer des Gefechts komplett in die Hose, aber sorgte wenigstens für unverfängliche Lacher und war im Grunde ja auch nicht wirklich böse formuliert.

Eintracht-Ultras mit hassverseuchten Parolen

Letzte Woche ist der 1. FC Kaiserslautern aus der Zweiten Bundesliga abgestiegen. Die Pfalz trauert, einige Fußballfans in Deutschland meinen jedoch, dass dies längst überfällig war. Viel zu viele Verfehlungen, indirekte Subventionen und andere Dinge wären schon lange nicht mehr zu akzeptieren gewesen. Das mag sein, aber am Ende können die Fans für all diese Dinge mal wieder am wenigsten. Wie das in diesen Tagen erscheinende Buch "Betze leaks" detailliert offenbart, wurden sie über viele Jahre hinweg über die wahren Hintergründe nicht aufgeklärt. Um es einmal harmlos zu formulieren.

Am letzten Wochenende nun feierten Anhänger der Frankfurter Eintracht beim Spiel gegen den HSV den Abstieg des FCK. Auf eine Art und Weise allerdings, die mit den oben beschriebenen Frotzeleien, die das Salz in der Suppe des Fußballs sind, nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat. Das Banner "Die Schweine von gestern sind die Würstchen von morgen! Scheiß FCK" erinnerte an die Auseinandersetzungen von vor acht Jahren, als die Eintracht-Ultras vor dem Auswärtsspiel auf dem Betzenberg zum "Pfalzüberfall 2010 - Schlachtfest in Kaiserslautern" aufriefen. Motto damals: "Spiel gegen die Inzucht".

Wenn die dumpfen, hassverseuchten und alles andere als intelligenten Parolen nicht so bitterernst wären, könnte man über ein weiteres damaliges Motto herzhaft lachen: "Zivilisation gegen primitive Bauern" hieß es. Und mit "primitiven Bauern" waren tatsächlich die Lauterer Fans und nicht die Frankfurter Urheber des Mottos gemeint. Was für eine großartige ironische Volte!

Liverpool-Ikone propagiert feine Ironie

Wer ernsthaft meint, diese Art der Rivalität gehöre dazu und man solle die Kirche mal schön im Dorf lassen, hat den Fußball im Kern nie verstanden. Dieser Sport verbindet uns seit jeher über alle Grenzen hinweg und wird von dem wunderbaren Motto getragen: "In den Farben getrennt, in der Sache vereint!"

Ach, eins noch: Der große Bill Shankly, die Ikone des FC Liverpool, der den Lokalrivalen FC Everton so überhaupt nicht ausstehen konnte und die Rivalität in allen Facetten mit jeder Faser seines Körpers gelebt hat, vergaß in seinen Äußerungen nie den kleinen ironischen Schlenker: "Wenn Everton bei mir im Garten spielen würde, dann würde ich die Vorhänge zuziehen." Besser kann man es fast nicht machen - ganz ohne Hass und dumpf-blöde Parolen.

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Quelle: n-tv.de