Redelings Nachspielzeit

Ben Redelings erinnert sich Manuel Neuer, mein Vater und ich

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Manuel Neuer wurde 2009 für den "Fußballspruch des Jahres" ausgezeichnet. Das hat er nur dem Vater von Ben Redelings zu verdanken.

(Foto: imago sportfotodienst)

Fußball kann lustig sein. Fußball kann aber auch Tränen hervorrufen und Erinnerungen wecken. Das muss ein Profi wie Manuel Neuer nicht beabsichtigen, trotzdem ist er für unseren Kolumnisten von nun ab untrennbar mit seinem Vater verbunden.

Manuel Neuer kann es nicht wissen und wahrscheinlich wird es ihn auch gar nicht interessieren - aber er verdankt eine seiner Auszeichnungen in seinem Leben einzig und allein meinem Vater. Damals, im Jahr 2009, spielte Neuer noch für den FC Schalke 04. Hinten hielt der heutige Keeper des FC Bayern München die Kiste meist recht ordentlich sauber, doch vorne gab es ein Problem bei den Königsblauen, wie er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sehr pointiert anvertraute: "Wir schießen so wenig Tore, vielleicht heißen wir deshalb auch die Knappen."

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Kolumnist Ben Redelings (r.) mit seinem Vater und seinem Bruder.

(Foto: Redelings)

Mein Vater hatte ein Ritual. Jeden Nachmittag ab 15 Uhr saß er zu Hause im Wohnzimmer und las bei einer Tasse Tee seine Zeitung. Über vierzig Jahre war er treuer Abonnement der "FAZ". Doch er las die Zeitung nicht nur, nein, er studierte sie. Er unterstrich Textpassagen, riss ganze Seiten raus und archivierte die schönsten und wertvollsten Artikel. Einmal in der Woche sollte auch ich von seiner Lesewut, seinem unerschöpflichen Wissensdurst profitieren. Wenn wir uns sahen, überreichte er mir stets einen Stapel der jüngsten Artikel, die er extra für mich ausgerissen, gesammelt und markiert hatte. In einem der Texte hatte er das Zitat von Manuel Neuer speziell hervorgehoben. Es hatte ihm, dem studierten Germanisten, besonders gut gefallen. So gut, dass er mir beim Überreichen des "FAZ"-Interviews diesen Spruch des Schalke-Keepers persönlich vorlas. Danach schlug er die Seite wieder feinsäuberlich zusammen und lächelte. Ich reichte das Zitat am nächsten Tag bei der "Deutschen Akademie für Fußballkultur" in Nürnberg ein. Einige Wochen später wurde Manuel Neuers feines Bonmot vom Publikum zum "Fußballspruch des Jahres" gekürt. Ich glaube, mein Vater hat sich darüber gefreut. Still. Gesprochen haben wir wohl nie darüber.

Plötzlich blieb die Uhr stehen

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Eines Tages präsentierte mir mein Vater stolz eine neue Uhr. Er hatte sich immer darüber aufgeregt, dass Neu-Abonnenten seiner Zeitung mit Prämien bedacht wurden. Aber er, der ein so langer, so treuer Leser war, wurde einfach vergessen. Niemand kam auf die Idee, ihm, der seit über vierzig Jahren mit seinen Gebühren einen kleinen, bescheidenen Beitrag leistete, dass tagtäglich diese tollen Artikel erscheinen konnten, etwas zu schenken. Irgendwann reichte es ihm und er rief bei der Hotline an. Nachdem mein Vater seinen Fall geschildert hatte, schickten sie ihm eine Uhr.

Das passte! Mein Vater trug immer eine Uhr. Ich habe ihn nie ohne gesehen. Als er im Dezember zum letzten Mal ins Krankenhaus kam, blieb auf einmal seine Uhr stehen. Es war auch der Tag, an dem mein Vater mit dem Zeitunglesen aufhörte. Als ich spätabends nach Hause kam, habe ich mich in seinen alten Lesesessel gesetzt und geweint. Ich wusste, dass von nun an etwas für immer vorbei war. Nie wieder würde ich von meinem Vater einen Stapel ausgerissener Zeitungsseiten bekommen. Seiten, die ihm etwas bedeuteten - die uns etwas bedeuteten. Artikel, die uns unsichtbar miteinander verbanden. Die er ausriss, weil er mir damit zeigen wollte, dass er meinen Weg unterstützte. Dass er an meiner Seite ist. Immer.

Gespräche über Kommentatoren-Sprache

In den Monaten seiner Krankheit hat sich mein Vater verändert. Der Mann, für den Kommunikation alles war, wurde immer stiller. Er haderte mit seinem Schicksal. Die täglichen Gespräche, die wir führten, so lange ich denken kann, die mich mein Leben lang begleitet haben, wurden schwieriger. Doch auf eine Sache konnten wir beide uns stets verlassen: Egal, in welcher Sackgasse wir auch gerade steckten, es rettete uns immer der Fußball. Die Gespräche über die Situation bei unserem VfL Bochum ("Beim VfL einige gute Ansätze, ohne Aussagekraft für die Zukunft in der 'Schweineliga'!?!"), das Rezitieren der letzten Radioreportage ("Er macht ihn, er macht ihn - der Wahnsinnige!") oder das Sezieren der modernen Kommentatoren-Sprache ("Er nimmt noch einmal Zeit von der Uhr") konnten wir stundenlang führen.

Noch im November las er mir am Telefon die Ansprache des Co-Trainers von Arminia Bielefeld vor, die Carsten Rump im Mai vor dem Spiel gegen Eintracht Braunschweig gehalten hatte: "Für eure Familien, für eure Kinder werdet ihr jetzt da draußen ackern vom Anfang bis zum Ende. Versprecht ihr mir das!" Mein Vater hatte sich das Video im Internet mehrmals angesehen und die filmreife Rede für mich feinsäuberlich mit dem Kuli aufgeschrieben. Es könnte ja vielleicht etwas für ein neues Buch von mir sein. Das sagte er nicht. Aber gedacht hat er es.

Als mein Vater im Dezember das letzte Mal ins Krankenhaus kam, versuchte ich ihn mit einem Gespräch über Fußball von seiner schlimmen Übelkeit abzulenken. Es gelang mir nicht. In all den Wochen danach haben wir nur noch in kurzen Halbsätzen, in verirrten Gedanken unser Thema gestreift. In dem Moment, in dem er endgültig aufhörte über Fußball zu sprechen, war alles vorbei. Die Krankheit hatte gesiegt. Als Letztes nahm er seine Uhr vom linken Handgelenk. Meine Mutter hatte ihm ihre geliehen. Mein Vater war nie ohne Uhr. Letzte Woche ist mein Vater gestorben. Ich weiß noch nicht, wie es ohne ihn weitergehen soll. Ich weiß nur: Immer, wenn ich von nun an Manuel Neuer sehe, werde ich an meinem Vater denken - und all die Dinge, die ich ihm verdanke. Danke, Papa!

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Quelle: n-tv.de

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