Redelings Nachspielzeit

Arroganz-Anfälle beim Abschluss Rummenigge wird für Spott-Tor sogar geehrt

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Rummenigge gab sich im Juli 1981 sehr lässig - und schoss das "Tor des Monats".

(Foto: imago sportfotodienst)

In Bremen haben sie am Sonntag noch lange über eine Szene aus der Nachspielzeit ihrer Partie gegen den VfB Stuttgart diskutiert. Das aufreizend lässig erzielte Tor von Silas Wamangituka empfanden viele als unsportlich. Doch da lohnt ein Blick zurück, um diese Aktion richtig einzuordnen.

Es war der Aufreger des Wochenendes: Das Tor des Stuttgarters Silas Wamangituka zum zwischenzeitlichen 2:0 beim SV Werder Bremen empfanden viele Fußballfans als grob unsportlich, weil sich Wamangituka, nachdem er den Ball dem Werder-Keeper Jiri Pavlenka vom Fuß gespitzelt hatte und frei aufs Tor laufen konnte, mit dem Einnetzen aufreizend viel Zeit ließ. Auch die Spieler des SV Werder Bremen, allen voran Stürmer Davie Selke, echauffierten sich über die arrogant wirkende Art des VfB-Torjägers.

Ob die Aktion von Silas Wamangituka jedoch tatsächlich so unsportlich war, wie sie auf den ersten Blick wirkte (wirken musste), ist fraglich. Der Argumentation des Stuttgarters, er habe nur möglichst viel Zeit schinden wollen, was angesichts der Sturm- und Drangphase des SV Werder zuvor und dem Anschlusstreffer der Bremer noch in der 93. Spielminute für jeden offensichtlich nicht ganz unsinnig war, kann man folgen. Und Zeitschinden ist, auch wenn es nie schön ist, eher ein Bagatelldelikt im Profifußball-Alltag.

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Interessant ist übrigens, dass man ein ähnliches Vorgehen vor knapp vierzig Jahren noch komplett anders bewertet hat. Okay, es handelte sich damals um ein Freundschaftsspiel im Rahmen eines internationalen Sommerturniers in Aachen und Karl-Heinz Rummenigge, der damals den Treffer zum 4:0 in der 57. Minute für den FC Bayern München gegen den FC Brügge erzielte, hatte sich noch etwas Spezielles einfallen lassen - aber genau das setzte seiner Aktion sogar noch die Krone auf.

Rummenigges unsportliches Tor des Monats

Denn der gebürtige Lippstädter machte, nachdem er den Keeper des FC Brügge fein hatte aussteigen lassen, in dieser Szene, die mit dem "Tor des Monats" im Juli 1981 ausgezeichnet wurde, nicht nur kurz vor der Linie noch ausgiebig Rast, nein, er schaufelte den Ball sogar noch in die Höhe und köpfte lässig ein. Von einer groben Unsportlichkeit war damals nicht die Rede.

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Anders übrigens als 13 Jahre später, als am 23. April 1994 Bayerns Thomas Helmer gegen den 1. FC Nürnberg beim 2:1-Sieg den Ball legendär am Gehäuse des Clubs vorbeistocherte. Helmer sagte an diesem Tage nichts, als Schiedsrichter Osmers auf wundersame Weise einen der kuriosesten Treffer der Bundesliga-Geschichte anschließend gab. Der damalige Vizepräsident des FC Bayern war übrigens Karl-Heinz Rummenigge. Und der meinte nach dem Schauen von zig Wiederholungen des Phantomtors süffisant: "Wir werden den Ball nicht reinkriegen." Der DFB musste im Nachhinein die Farce auflösen und entschied, dass es zu einem Wiederholungsspiel kommen musste.

"Wenn der mir eine gescheuert hätte ..."

Eine andere unvergessliche Situation der Bundesliga-Historie hilft vielleicht zusätzlich dabei, das Thema Unsportlichkeit aus einer weiteren Perspektive zu beleuchten. Das Tor, das der im letzten Jahr verstorbene Manni Burgsmüller in der Spielzeit 1985/86 für seinen SV Werder Bremen gegen den 1. FC Kaiserslautern erzielte, muss man unbedingt in diesem Zusammenhang erwähnen.

Burgsmüller schilderte seinen Treffer aus der 55. Minute selbst so: "Der Ehrmann hält den Ball, ich liege so neben dem Tor, rappel mich auf und will zur Mitte. Da seh' ich, wie der Gerry vor sich hinpennt. Ich geh zu ihm hin und schubse dem mit der Hand die Pille aus dem Arm. Fällt der Ball auf den Boden und ich schieb' ihn rein." Der Lauterer Torwart war alles andere als erfreut und drohte Burgsmüller mit der Faust. Burgsmüller: "Der Ehrmann machte ja Bodybuilding und konnte kaum laufen vor Kraft. Wenn der mir eine gescheuert hätte …"

Es wäre wohl noch aus einem anderen Grund durchaus verdient gewesen, denn Burgsmüller flüsterte dem erregten Keeper zu allem Überfluss noch ins Ohr: "Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift." Eine Aktion in seiner kompletten Gänze, die man wohl unzweifelhaft nicht als schlitzohrig, sondern eindeutig als unsportlich bezeichnen muss.

Und noch eine weitere Geschichte zur Einordnung von Wamangitukas Szene an diesem Wochenende. Viele werden sich erinnern: die berühmte "Schutzschwalbe" des Andreas Möller am 26. Spieltag der Saison 1994/95 gegen den Karlsruher SC. Damals hob Möller, obwohl sein Gegenspieler Dirk Schuster meterweit von ihm entfernt stand, spektakulär im KSC-Strafraum ab. Möller in einer ersten Reaktion hinterher: "Das war eine Schutzschwalbe. Ich dachte, dass Dirk Schuster mich voll umhauen würde."

Die Aufregung, nach diesem für den Titel, den der BVB später holte, nicht unwichtigen Partie, war anschließend in Fußball-Deutschland riesig. Doch Möller war, nachdem einige Zeit ins Land gegangen war, so schlau, seinen Fehler zuzugeben: "Ich bin auch nur ein Mensch." Die grobe Unsportlichkeit und das neu geschaffene Wort "Schutzschwalbe" blieben - doch die Entschuldigung wurde akzeptiert.

Schlechtes Vorbild aus Frankreich

So, und zum Schluss noch ein Beispiel aus Frankreich - und dann wird wohl auch klar, dass die Aktion von Silas Wamangituka am letzten Sonntag nicht ganz fair und nicht ganz fein war, aber in jedem Fall nicht strafwürdig im Sinne einer ahndungsfähigen Unsportlichkeit.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Vor genau fünf Jahre war es, als Herman Koné im Pokalspiel seines US Concarneau gegen den Amateurklub Voltigeurs de Chateaubriant einen Treffer erzielte, der so nicht hätte zählen dürfen - denn Koné stoppte den Ball damals nicht nur auf der Linie, nein, er beförderte die Kugel anschließend auch noch per Kopf in den Kasten des Gegners. DFL-Schiedsrichtermanager Hellmut Krug erklärte hinterher, dass der Spieler des US Concarneau eine gelbe Karte wegen unsportlichen Verhaltens hätte sehen müssen. Und außerdem hätte der Schiedsrichter dies tun müssen: "Der Treffer hätte zudem annulliert und das Spiel mit indirektem Freistoß an der Stelle der Unsportlichkeit fortgesetzt werden müssen." Doch das Tor zählte und war hinterher aufgrund der Tatsachenentscheidung auch nicht mehr anfechtbar.

Ein Fehler der Unparteiischen lag am Sonntag in Bremen allerdings nicht vor. Silas Wamangituka hat im Sinne der Regeln nicht falsch gehandelt. Und dennoch wird sich der junge Stuttgarter wohl beim nächsten Mal genau überlegen, ob die drei oder vier geschundenen Sekunden eine solche Aktion wirklich nötig machen.

Quelle: ntv.de