Redelings Nachspielzeit

Die hohe Kunst der Vollblamage Sergio Ramos und die neuen Elfer-Deppen

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Sein 177. Länderspiel wird Sergio Ramos eher nicht in guter Erinnerung behalten.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Ramos, Lookman, Weghorst. In den letzten Tagen und Wochen gibt es nicht nur eine Menge Strafstöße, sondern auch unfassbar viele klägliche Fehlversuche. Was ist da los? Und warum ist es fast schon eine Unverschämtheit, dass dabei immer wieder ein bestimmter Name fällt?

Panenka, Panenka, Panenka. Wer je den Elfmeter des tschechoslowakischen Nationalspielers Antonin Panenka im EM-Finale 1976 gegen Sepp Maier im Tor der DFB-Elf gesehen hat, wird sich tunlichst hüten, die kläglichen Versuche eines Sergio Ramos gegen die Schweiz oder eines Ademola Lookman gegen West Ham United mit dem grandiosen Strafstoß des Mannes aus Prag in einen Kontext zu bringen. Vor allem dann nicht, wenn man zusätzlich noch weiß, unter welchem Druck Panenka in diesen legendären Sekunden stand.

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"Ich wusste damals, dass unsere kommunistische Regierung bei einem Fehlschuss gedacht hätte, es wäre ein politisches Statement von mir gewesen. Dann wäre ich wohl in einer Uranmine geendet", meinte der gefeierte Schütze des entscheidenden Tores, das er mit viel Gefühl und Effet in der Mitte des deutschen Kastens per Lupfer versenkt hatte.

Nachdem am vorletzten Wochenende der Fulham-Spieler Ademola Lookman überaus kläglich am Keeper von West Ham, Lukasz Fabianski, gescheitert war, zeigte sich nicht nur sein Trainer Scott Parker hinterher entsetzt: "So kannst du keinen Elfmeter schießen. Ich bin enttäuscht und wütend." Zu Recht. Denn das, was Lookman da präsentierte, kann nur unter dem Motto laufen: "Wenn man es nicht kann, sollte man es besser lassen."

"Da wusste ich Bescheid!"

Etwas anders sieht es da natürlich beim Länderspiel-Rekordmann Sergio Ramos aus. Der 34-jährige Weltmeister von Real Madrid hatte vor seinen zwei Fehlschüssen am Wochenende in der Partie der Spanier gegen die Schweiz 25 Mal hintereinander vom Elfmeterpunkt aus getroffen. Wer sich seine beiden Versuche gegen den Schweizer Torhüter Yann Sommer vom Samstag allerdings anschaut, der wird sich ob dieser beeindruckenden Statistik nur die Augen reiben können. Denn es stellt sich die Frage: Was in Teufels Namen ging dem Spanier gerade bei seinem zweiten Versuch durch den Kopf?

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War es nach seinem ersten Fehlschuss in die linke untere Ecke vielleicht tatsächlich so, dass Ramos zu viel nachgedacht hat? Ähnlich wie Michael Nushöhr, der bis heute einen Bundesligarekord hält? Der Stuttgarter sagte damals, nachdem er am 8. Februar 1986 drei Strafstöße in einer Partie verwandelt hatte: "Beim dritten Elfmeter war ich verdammt nervös - ich wusste nicht mehr, wohin ich schießen sollte."

Schließlich hat auch Yann Sommer nach der Begegnung gemeint: "Wir sind in der Champions League mit Real in der Gruppe. Deshalb habe ich mich schon ein paar Mal mit Ramos beschäftigt, auch wegen der Elfmeter." Und der Gladbacher Keeper hat mit einer Erfolgsquote von jedem vierten Strafstoß, den er pariert, auch keine ganz so üble Statistik.

Einer seiner Vorgänger im Tor der Fohlenelf, Wolfgang Kleff, hat übrigens mal etwas sehr Interessantes direkt nach einer Partie gesagt: "Ich wusste, dass der Remark immer in die rechte Ecke schießt. Nur: Weiß der Remark, dass ich weiß, welches seine Ecke ist? Und wenn er weiß, dass ich es weiß, schießt er dennoch in seine Ecke? Aber als er sich den Ball hingelegt hatte und zurückging, um anzulaufen, schaute er ganz kurz in die rechte Ecke. Da wusste ich Bescheid!"

"Wenn ich denke, dass der Torwart denkt ..."

Das hört sich doch tatsächlich ein wenig nach den berühmten Worten des ehemaligen Bayern-Torjägers Roy Makaay an, der dieses Phänomen einmal sehr anschaulich so beschrieben hat: "Wenn ich denke, dass der Torwart denkt, und der Torwart denkt, dass ich denke - dann kann ich auch einfach schießen. Es macht keinen Unterschied."

Egal, wie auch immer. Sergio Ramos scheiterte jedenfalls abenteuerlich schlecht an Sommer. Und man wird insgesamt das Gefühl nicht los, dass in diesem Herbst die Fußballer die zahlreich dargebotenen Chancen, ob der vielen Elfmeter, die ihnen zugesprochen werden, fast schon nachlässig kläglich vergeben.

Bestes Beispiel aus der Bundesliga: Wie der Niederländer in Diensten des VfL Wolfsburg, Wout Weghorst, seinen Strafstoß beim 2:1-Sieg der Wölfe gegen die TSG Hoffenheim links am Kasten vorbeizimmerte - das hat man so lange schon nicht mehr gesehen. Es wirkte auf eine seltsame Art völlig unmotiviert.

Soriano - unvorstellbar

Der einzige Trost für ihn wie für viele andere Fußballer, die in diesen Tagen - aus welchen Gründen auch immer - den Ball einfach nicht vom Elfmeterpunkt im Kasten des gegnerischen Keepers unterbringen können: Es wird vermutlich in der Geschichte des Profifußballs nie wieder einen Strafstoß geben, wie ihn der damalige Spieler von RB Salzburg, Jonathan Soriano, in der Partie gegen Rapid Wien ansetzte.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

"Johnny", der auch schon für den FC Barcelona spielte, und dreimal Torschützenkönig in Österreich und einmal in der Europa League wurde, ballerte an diesem Tag - man muss es gesehen haben, um es zu glauben und zu verstehen - die Kugel quasi senkrecht in den Himmel. Unvorstellbar.

Dieser legendäre Fehlversuch vom 12. August 2012 war übrigens nur einer von vier Elfmetern, die Jonathan Soriano in seiner langen Karriere nicht verwandelte. Insgesamt 37 Mal war er hingegen vom Strafstoßpunkt aus erfolgreich. Und wahrscheinlich hat er sich auch bei diesem Schuss in den Salzburger Himmel einfach nur an die Worte von Hans-Jörg Butt, der als Torwart zahlreiche Strafstöße sicher im Kasten des gegnerischen Keepers unterbrachte, gehalten: "Elfmeterschießen ist wie Zähneputzen, da denkt man nicht nach." Wahrscheinlich war genau das der Fehler von Ramos, Lookman, Weghorst und anderen in den letzten Tagen.

Quelle: ntv.de