Redelings Nachspielzeit

Redelings über einen Kultkicker Torsten Mattuschka - der Ribéry des Ostens

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Keine Serviette zur Hand? Torsten Mattuschka hat Verwendung für seine Krawatte.

(Foto: imago sportfotodienst)

Torsten Mattuschka ist der Kultkicker mit Herz und Plauze - und für jeden Schabernack zu haben. Wie er als Union-Spieler bei einem Gewinnspiel einen Elektromarkt leerräumte und warum Weltmeister Christoph Kramer sein Fan ist, offenbart ein Buch.

Im Jahre 2009 sorgte Bayern-Starspieler Franck Ribéry höchstpersönlich für einen speziellen Streich. Weil er gehört hatte, dass Bastian Schweinsteiger einen neuen Werbevertrag mit einem Salami-Hersteller unterschrieben hatte, orderte Ribéry umgehend eine Großbestellung und ließ diese in die Bayern-Kabine schaffen. Als Schweinsteiger morgens seinen Spind öffnete, rasselten Hunderte kleine Salami-Verpackungen auf ihn nieder. Ribéry bog sich hinter ihm vor Lachen.

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Fast in jeder Mannschaft gibt es einen Scherzkeks, der die Teamkollegen mit seinen Streichen um den Verstand bringt. Als Großmeister auf diesem Gebiet darf sich neben dem französischen Nationalspieler auch ein Mann zählen, der ebenso für seine Torgefahr wie für seinen Hang zum Übergewicht bekannt war: Torsten Mattuschka, Spitzname "Tusche". Als Profi in Cottbus und bei Union Berlin räumte er ganze Trainingslager-Zimmer seiner Kameraden leer, versteckte Autos vollständig unter Schneebergen und zog auf Mannschaftsfotos unten herum blank. Zum Repertoire Mattuschkas gehörte es auch, nach Flügen Nachwuchsspieler zu beauftragen, die Bordkarten des gesamten Kaders einzusammeln. Eine völlig sinnlose Gaga-Aktion natürlich - die vermutlich deshalb dem restlichen Team auch so viel Spaß bereitete.

Vorliebe für ein kühles Blondes

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Ähnlich wie bei Ribéry, der neben dem Fußballspielen zuerst als Bauarbeiter sein Geld verdienen musste, verlief auch die Karriere des Torsten Mattuschka nicht kerzengerade nach oben. Anders als beim französischen Ausnahmekönner lag es bei dem Mann aus Cottbus allerdings komplett an ihm selbst. Sein Gewicht disqualifizierte ihn lange Zeit für höhere Aufgaben, auch wenn er selbst über sich sagt: "Ich sehe zwar so aus, als ob ich alles fresse, aber es ist nicht so. Ich mag keine Leberwurst und keine Bockwurst. Auch Ananas kann ich nicht mehr sehen, seitdem mir einmal davon richtig schlecht geworden ist. Wenn ich mich vom Essen übergeben muss, bekomme ich das nie mehr herunter. Das ist anders als beim Saufen."

Die Vorliebe für ein kühles Blondes tat im Jahre 2002 allerdings nur ihr Übriges. Seine Figur hatte sich Mattuschka schon vorher durch häufige Besuche von amerikanischen Schnellrestaurants ehrlich "erarbeitet". Nachdem er in einem Testspiel für Energie Cottbus gegen Stahl Eisenhüttenstadt jedoch den Trainer der Profi-Abteilung, Ede Geyer, auf sich aufmerksam gemacht hatte, versprach dieser ihm eine Chance, wenn er innerhalb weniger Wochen zehn Kilogramm Gewicht lassen würde. Den Moment, als Geyer ihm diese Nachricht übermittelte, wird Mattuschka nie vergessen: "Der Trainer hat mich in die Kabine gerufen. Auf ein Stück Papier malte er ein Viereck und einen Kopf. Er meinte, dass ich genau so aussehen würde."

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"Tusche" kann auch wunderbar über sich selbst lachen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Mit eisernem Willen schaffte es "Tusche" tatsächlich, zum Trainingsauftakt nur noch 82,3 Kilo auf die Waage zu bringen. Er selbst fühlte sich endlich fit und wettkampfbereit - doch das sahen beileibe nicht alle so. Sein Mitspieler, Neuzugang Marco Gebhardt, traf auf den gebürtigen Cottbusser an diesem Tag zum ersten Mal und erinnert sich: "Ich habe mich gewundert. Ich wusste nicht, wer Torsten Mattuschka ist. Ich sah nur, dass er relativ groß war und links und rechts Seitenaufprallschutz hatte."

Auch wenn ihm erst 2005 bei Union Berlin der Durchbruch gelang, sagt Mattuschka in der Rückschau: "Ich bin in sportlicher Hinsicht erst ein anderer Mensch geworden, als ich 2002 wieder bei Energie war. Vorher war ich immer ein dicker und stets vollgefressener Typ mit Glatze."

Mattuschka trifft und trifft - auch beim Torwandschießen

An der Alten Försterei blühte Mattuschka dann richtig auf und wuchs in seinen neun Jahren zur Klublegende heran. Der gelernte Maler und Lackierer erzielte für die Köpenicker 42 Tore in der Zweiten Liga - ein Vereinsrekord. Doch neben dem sportlichen Aufstieg spielte sich "Tusche" auch abseits des Platzes in die Herzen der Unioner. Seine verrückte Art kam an.

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Bei Union Berlin wird Mattuschka zur Legende.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Und wer den Fußballer Mattuschka bis zum 11. Juni 2013 noch nicht kannte, der lernte ihn spätestens an diesem Tage mal so richtig kennen. Zusammen mit seinem Mannschaftskameraden Christoph Menz fuhr der Köpenicker zu einem großen Elektromarkt im südöstlichen Berlin. Dort fand an diesem Tag ein besonderes Torwandschießen statt. Ein Treffer bedeutete, dass der zuvor getätigte Einkauf kostenlos war. Und so verfolgten die beiden eine klare Mission, wie sich "Tusche" erinnert: "Christoph und ich sind jeweils mit 3000 Euro hingegangen. Wir wollten uns beide einen Fernseher für knapp 2000 Euro und eine Soundanlage für rund 600 Euro schießen." Der Plan geht auf - und noch darüber hinaus. Das Jagd-Fieber steigt: "Ich habe dann Susanne angerufen, was wir noch brauchen."

Wie Autor Matthias Koch in seinem überaus lesenswerten Buch "Torsten Mattuschka. Kultkicker mit Herz und Plauze" schildert, räumte der Union-Spieler nach und nach den Elektromarkt leer: "Bei 16 Versuchen ist Mattuschka elfmal erfolgreich. Neben zwei großen Fernsehern und zwei Soundanlagen holen die Profis am Ende noch zwei Drucker, eine Kaffeemaschine, vier iPads, eine Wii mit mehreren Lenkrädern für das Videospiel Mario Kart, eine Videokamera und ein Handy heraus." Der Elektromarkt muss schließlich auch noch tatenlos zusehen, wie "Tusche" für Union-Fans auf Schnäppchen-Jagd geht. Einen Spaß, den sich der Ribéry des Ostens natürlich nicht nehmen lässt.

Weltmeister Christoph Kramer ist seit seinen Anfangstagen als Zweitliga-Profi beim VfL Bochum ein Fan des gebürtigen Cottbussers. Im Vorwort des Mattuschka-Buchs schreibt er: "Wir fingen alle mit dem Fußballspielen an, weil es uns Spaß gemacht hat. Verkörpert wird dieser Spaß bei den Profis sehr selten. 'Tusche' hat man immer angesehen, dass er Spaß am Fußball hat, und deswegen hat er mich am Fernseher stets begeistert. Danke dafür." Da kann man sich nach der Lektüre des Buchs nur anschließen!

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Quelle: ntv.de