Redelings Nachspielzeit

"Aufruf zum Mord" Als Mehmet Scholl für Spruch vor Gericht landete

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Jung und flapsig trat Scholl auf - das sorgte für Ärger.

Saison 1994/95: Es ist eine seltsame Spielzeit. Andreas Möller fliegt seine legendäre "Schutzschwalbe", Stefan Effenberg sitzt mit einem Tiger im Haar bei Thomas Gottschalk in der Sendung und Mehmet Scholl sorgt mit einem verhängnisvollen Spruch für einen echten Skandal!

Mehmet Scholl war in seiner aktiven Karriere einer der Großmeister der Wortkunst. Von ihm stammen Sätze wie dieser: "Ich hatte noch nie Streit mit meiner Frau. Bis auf das eine Mal, als sie mit aufs Hochzeitsfoto wollte." Oder auch: "Die schönsten Tore sind diejenigen, bei denen der Ball schön flach oben reingeht." Schenkelklopfer, mit denen man Leute zum Lachen bringt. Doch dass seine Sprüche auch richtig in die Hose gehen können, musste Mehmet Scholl in der Saison 1994/95 als Nachwuchsstar des FC Bayern München erfahren. Damals wurde der spätere Europameister von 1996 für ein offizielles Vereinsmagazin des FC Bayern nach seinem Lebensmotto gefragt und Scholl antwortete jugendlich-verspielt: "Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt!"

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Mit einigen Jahren Verzug sagte Scholl einmal über diese Aktion: "Ein alter Spontispruch, den ich mir ausgeliehen habe. Und ich hatte Mordsärger ..." Das kann man wohl sagen. Ein Abgeordneter der Grünen erkannte in dem lockeren Spruch von Scholl einen "Aufruf zum Mord" und erstattete Anzeige wegen Verunglimpfung und Volksverhetzung. Was folgte, war ein Prozess, der den Bayern-Spieler einerseits irritierte und andererseits an die Grenzen der seelischen wie körperlichen Belastung führte.

Gott sei Dank gab es in diesen Tagen auch andere Vertreter der Grünen, die entspannter und vor allem gewitzter auf Scholls Zitat reagierten. "Zieht dem Scholl die Vorderzähne, solange es noch Nagetiere gibt!", war eine der Reaktionen, die die angespannte Lage langsam wieder in ein ruhigeres Fahrwasser brachte. Es ist Mehmet Scholl hoch anzurechnen, dass er nach einem strapaziösen Jahr kurz vor der Bundestagswahl auf die Frage eines Reporters, wen er denn nun wählen würde, auf diese erstaunliche Art und Weise antwortete: "Grün natürlich. Ich kann sie ja nun nicht hängenlassen!"

"Schön, dass der Mario so auf den Putz gehauen hat"

In der Liga kam es in dieser Spielzeit zu einem echten Zweikampf zwischen dem BVB und Werder. Und so sagte vor dem Duell am 29. Spieltag im proppenvollen Bremer Weserstadion (O-Ton Willi Lemke: "Ich hätte über 100.000 Tickets verkaufen können") gegen Borussia Dortmund Werders Mario Basler zuversichtlich: "Wer heute gewinnt, wird auch Meister!" Bremen schlug den BVB mit 3:1 - und hatte am Ende doch das Nachsehen. Die Wochen vor dem Titelgewinn waren geprägt von einem Kleinkrieg zwischen "Großmaul" Mario Basler und der Borussia. Immer wieder stichelte der Bremer gegen seine Dortmunder Kollegen und versuchte, die nervöse Anspannung beim BVB noch zu steigern. Auch Trainer Ottmar Hitzfeld wurde zur Zielscheibe von Baslers Attacken.

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Besonders gewagt war die Prophezeiung des Werder-Profis, dass man sich aufgrund eines beruhigenden Vorsprungs im letzten Spiel bei den Bayern sogar eine Niederlage leisten könne: "Der Herr Hitzfeld weiß gar nicht, dass wir die zwei Punkte in München am letzten Spieltag wahrscheinlich gar nicht brauchen." Als die Anspannung nach dem Gewinn der Meisterschaft bei den Dortmundern wich, flossen bei Coach Ottmar Hitzfeld die Tränen, und bei den Spielern sprudelten die Worte. Knut Reinhardt: "Schön, dass der Mario so auf den Putz gehauen hat. Das hat uns wachgerüttelt. Nun wird er wohl die Retourkutsche von seinen Bremer Mannschaftskameraden bekommen."

In Dortmund feierte man den Titelgewinn ausgelassen. Nachdem man drei Jahre zuvor noch auf den Nürnberger Wück geschimpft hatte, der durch seine Schwalbe maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass der BVB hinter dem VfB Stuttgart nur Zweiter in der Tabelle wurde, profitierte man in dieser Saison von dem weit unsportlicheren Vergehen eines eigenen Mannes. Andreas Möller flog am 26. Spieltag seine berühmte "Schutzschwalbe" im Spiel des BVB gegen den Karlsruher SC. Es stand 0:1 an diesem Tag, als der Dortmunder Möller im Strafraum des KSC spektakulär abhob. Sein Gegenspieler Dirk Schuster war meterweit entfernt, dennoch zeigte Schiri Habermann auf den Strafstoßpunkt. Zorc verwandelte, und in der 86. Minute schoss Sammer den BVB sogar noch zum Sieg.

Wenige Wochen später wurde die Borussia dann Meister - mit einem Punkt Vorsprung vor Werder Bremen. Die Aufregung in Fußball-Deutschland war riesig. Möller wurde für zwei Spiele gesperrt ("Ich bin auch nur ein Mensch") und musste 10.000 Mark Geldstrafe zahlen. Dirk Schuster meinte abschließend: "Als Schwalbe würde ich es mir verbitten, mit Möller verglichen zu werden."

"Ich mache nur bum-bum"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem aktuellen Buch ("60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Für reichlich Furore sorgte ein Mann in Mönchengladbach. Stefan Effenberg war zurück aus Italien und gleich wieder der umjubelte Star der Bundesliga. Nach einer verlorenen Wette in Thomas Gottschalks "Wetten, dass …?"-Sendung ließ sich der Neu-Gladbacher in der RTL-Late-Night-Show "Gottschalk" im September eine aufsehenerregende Frisur im Tigerlook verpassen. Der englische Punk-Coiffeur Collin Watkins durfte den Hinterkopf des Fußballstars scheren und einen Tigerkopf aufmalen. Ehefrau Martina wurde mit einem Rosen-Tattoo im Haar beglückt. Natürlich war ihr Mann am kommenden Spieltag der Star in der Manege Bundesliga.

Einer freute sich besonders über die Rückkehr des "Tigers". In Gladbach saß in diesen Jahren stets ein Mann auf dem Zaun. Es war der Türke Ethem Özerenter, den aber alle nur "Manolo" riefen. Er hatte ein buntes Käppi auf dem Kopf und eine große Trommel vor sich. Bei jedem Heimspiel war er dabei, auch wenn er zugab: "Von Fußball ich aber nix verstehen. Ich mache nur bum-bum, um die Mannschaft anzufeuern!" Als einmal seine Trommel kaputtging, griff Stefan Effenberg spontan in die Tasche und spendierte für 300 Mark eine neue. Manolo kreierte daraufhin den legendären "Effenberg-Rhythmus".

(Dieser Artikel wurde am Samstag, 24. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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