Redelings Nachspielzeit

Redelings macht nur Spaß Wenn bei der Fußball-Erziehung alles klappt

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Gut, das hat jetzt nichts mit dem VfL Bochum zu tun. Aber vielleicht sollte der Sohn unseres Kolumnisten mal diese Partie ausspielen. Am 6. November 1982 besiegte der BVB die Bielfelder Arminia mit 11:1.

(Foto: imago sportfotodienst)

Der VfL Bochum schlägt den BVB mit 10:2? Entweder stimmt da etwas nicht. Oder es handelt es um das Legospiel eines Siebenjährigen. Der Sohn unseres Kolumnisten beglückt seinen Vater tagtäglich mit aberwitzigen Ergebnissen. Fazit: alles richtig gemacht.

Die Tage kam der Kleine mit einem Strahlen im Gesicht, wie es nur Siebenjährige auf ihre Wangen zaubern können, hoch ins Büro und berichtete stolz, dass der VfL Bochum soeben Borussia Dortmund mit 10:4 besiegt habe. Was für eine wunderschöne, für Außenstehende aber doch recht überraschende Nachricht. Ich bin allerdings sofort aufgesprungen, habe den Kleinen abgeklatscht und wir haben wir ein Jubeltänzchen vor dem Schreibtisch aufgeführt. Ich muss gestehen, dass wir das in den letzten Tagen so einige Male zelebriert haben.

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Denn der VfL hat den BVB gleich mehrfach übel auseinandergenommen; meist zweistellig. Dass mein Sohn diese unglaublichen Ergebnisse alleine auf seinem Lego-Fußballspiel, das er zum Geburtstag bekam, ausgefochten hat, ist nur am Rande erwähnenswert. Wichtiger ist: Das Team, das da gegen die Blau-Weißen gespielt hat, trug keineswegs Schwarz-gelbe Trikots, nein, die Jerseys der Spieler, die da so böse gegen den VfL unter die Räder gekommen sind, waren rot-weiß.

Nun könnte man ja meinen, der Kleine würde das in seiner Spielewelt einfach "umdichten", weil die Schwarz-Gelben unsere Revierrivalen sind, aber die Wahrheit ist noch viel simpler: Es ist ihm offensichtlich schlicht egal, wer der FC Bayern und wer Borussia Dortmund ist. Nun könnte man mir unterstellen, ich hätte meinen Bildungsauftrag nicht erfüllt und dem Kind die wesentlichen Grundzüge der Bundesliga nicht nahe gebracht. Doch das wäre deutlich zu kurz gegriffen. Denn, wenn ich ehrlich bin, bin ich im Grunde meines Herzens begeistert, dass die Erziehung offenkundig sehr erfolgreich verlaufen ist. Wieso? Lasst es mich so sagen; der Kleine hat den Grundsatz aller Wahrheiten bereits verinnerlicht: Alles außer Bochum ist Scheiße!

Der Onkel macht doch nur Spaß

Doch Obacht und einen Moment innegehalten. Für die Freunde, die mit Fußball-Frotzeleien nichts anfangen können und die dann im Netz aber anonym gerne den Pöbel-Mob anführen: Malt euch bitte hinter den letzten Satz ein Grinse-Smiley. Der Onkel macht doch nur Spaß. Natürlich ist auch dein Verein der geilste der Welt - aber am Ende nun einmal nicht so großartig wie der VfL Bochum. Aber wo waren wir noch einmal stehen geblieben? Genau, Erziehungsauftrag. Eltern, die ihre Kinder nicht an die Brust eierlegender Wollmilchsäue, die wenigstens alle paar Jahre einen Titel nach Hause bringen, abgeben wollen, wissen, von welch schwerem Kampf ich rede. Kinder lieben Erfolg. Gewinnen ist gerade in jungen Jahren alles. Und da gibt es eben dort draußen Vereine, die deutlich mehr Pokale holen als der VfL Bochum, Waldhof Mannheim oder Erzgebirge Aue.

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Jetzt aber schnell die Rollladen runter.

(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Was dann wiederum heißt: Die Attraktivität dieser Klubs erschließt sich zumeist nicht auf den ersten Blick. Wenn man ehrlich ist: In der Regel bedarf es sogar einer ganzen Reihe von Blicken. Und manchmal reicht auch das nicht aus. In so einem Fall muss man dann schon einmal ein wenig nachhelfen, um zum Ziel zu kommen. Ich erinnere mich da an ein Vorbereitungsspiel gegen Borussia Dortmund bei uns im Ruhrstadion vor ein paar Jahren. Eigentlich ein schöner Anlass für einen Familienausflug - wenn man denn seine Kinder als Bochumer ins offene Messer laufen lassen möchte. Nun begab es sich aber, dass das Spiel erstens live im Fernsehen übertragen wurde und zweitens, dass unser VfL wie durch ein Wunder mit 2:0 in Führung ging. Und? Was habe ich in diesem Moment gemacht? Genau. Zügig alle Rollladen im Haus runtergefahren, also quasi am frühen Sommerabend eine unnatürliche Sonnenfinsternis herbeigeführt, und die Kinder dann - wegen der fortgeschrittenen Dunkelheit - sofort ins Bett geschickt. Gerade noch rechtzeitig, wie sich alsbald herausstellen sollte. Denn der BVB schoss doch tatsächlich noch das 2:2.

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Alles außer Bochum ist Scheiße!

(Foto: imago images / Jürgen Schwarz)

Am nächsten Morgen wollten die Kleinen natürlich wissen, wie denn das Spiel ausgegangen sei. Ich habe einmal kurz Luft geholt und tief in die Trickkiste gegriffen. "Boah", habe ich gesagt, "ihr hättet mal sehen sollen, wie traurig die Dortmunder nach dem 2:0 geguckt haben. Da haben die Bochumer zu sich gesagt: Das wollen wir nicht, dass die so unglücklich ins Bett gehen. Und dann haben wir denen noch zwei Tore geschenkt. Gut, oder?!" Die Jungs haben mich lange angeschaut, nachgedacht, dann aber doch genickt. Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich damals war. Aber jetzt freue ich mich, ganz ehrlich, auch darüber, wenn die Dortmunder mal tüchtig einen auf den Sack kriegen. Ist zwar nur beim Lego-Fußball - aber immerhin. So können wir, der Kleine und ich, uns wenigstens jubelnd in den Armen liegen. Und das genieße ich in vollen Zügen. Ich schaue übrigens immer einmal kurz zur Tür herüber, während ich diese Zeilen schreibe, denn ich bin schon ganz gespannt, wie es heute wohl ausgehen wird.

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Quelle: n-tv.de

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