Redelings Nachspielzeit

Redelings tröstet Giefer Wenn der Torhüter der einsamste Mensch ist

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Der einsamste Mensch weit und breit: Augsburgs Torhüter Fabian Giefer, dem im Spiel gegen Mainz ein fataler Fehler unterlief.

(Foto: imago/DeFodi)

Das ist nicht nur für Augsburgs Torhüter Fabian Giefer, sondern für den ganzen Verein ein ganz spezielles Gefühlschaos. Unser Kolumnist hat eine ähnliche Situation vor einigen Jahren mit seinem Klub und Peter Neururer schon einmal erlebt.

Als ich am Wochenende Fabian Giefer beim Spiel seines FC Augsburg gegen den SV Werder Bremen patzen sah, musste ich sofort an den 30. April 2005 zurückdenken. Damals trat mein VfL Bochum am 31. Spieltag zu Hause gegen den FSV Mainz 05 an. Es war ein so genanntes Endspiel um den Klassenerhalt - oder anders ausgedrückt: Wer diese Partie verlor, war quasi abgestiegen. Vor dem Spiel hatte Trainer Peter Neururer, wahrscheinlich mit dem Mute der Verzweiflung, die Parole ausgegeben, dass diese Begegnung nie und nimmer verloren werden könne. Im Stadionmagazin hatte man ihm sogar in den Mund gelegt, dass diese Partie mit 6:2 für die Mannschaft von der Castroper Straße ausgehen würde.

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"Von den sechs Toren, die wir uns gefangen haben, waren im Endeffekt fünf mehr als haltbar": Peter Neururer.

(Foto: imago sportfotodienst)

Und als wäre das alles nicht schon genug gewesen, setzte Neururer die Limbo-Stange noch einen Tacken tiefer und verkündete trotz einer dreijährigen Rest-Laufzeit seines Vertrags: Wenn wir absteigen, trete ich freiwillig von meinem Posten zurück. Da war es fast nur zu verständlich, dass in all diesem Optimismus-Wahn überhaupt kein Platz mehr für den kleinsten Zweifel blieb. Dabei wäre der eigentlich sogar ganz natürlich gewesen, da aufgrund einer Rotsperre der etatmäßige Torhüter Rein van Duijnhoven ausfiel und für ihn der wenig erprobte Ersatzkeeper Christian Vander zwischen den Pfosten stehen sollte.

Was sich dann in den 90 Minuten auf dem Rasen und auf den Rängen des Ruhrstadions abspielte, wird nie jemand vergessen, der damals im Stadion dabei war. Im Rückblick kann ich sagen: Es war einer der deprimierendsten Momente, die ich je in der Kurve erlebt habe. Das Spiel verloren wir gegen die von Jürgen Klopp trainierten Mainzer mit 2:6 (!) - doch das war nur die eine Seite der Medaille. Viel schlimmer war das, was wir alle zusammen an diesem Nachmittag mitansehen und leider auch mitanhören mussten. Neururer hat einmal in einem Interview mit dem "11Freunde"-Magazin gesagt: "Von den sechs Toren, die wir uns gefangen haben, waren im Endeffekt fünf mehr als haltbar." Vander, schrieben die Medien, sei "völlig indisponiert" gewesen und seine Reaktionen "suggerierten bestenfalls Bahnschrankenähnlichkeit".

"Schuss - Treffer"

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Und das waren noch die harmloseren Kommentare zu diesem völlig gebrauchten Nachmittag des Bochumer Torhüters. In der zweiten Halbzeit gelang Vander nichts, keine einzige Aktion. Und so brach der VfL nach einem 1:1 zu Pause vor den Augen der eigenen Fans und seines völlig fassungslosen Trainers in sich zusammen. Neururer fasste diese zweiten 45 Minuten später so zusammen: "Schuss - Treffer". Und obwohl jedem im Stadion klar gewesen sein muss, dass Hohn und Spott für den armen Menschen zwischen den Pfosten, die Situation für diesen und für den eigenen Verein nur verschlechtern würde können, wurde jede Aktion von Vander lautstark begleitet. Hielt er einen einfachen Ball, brandete übertriebener Jubel auf. Ließ er einen völlig harmlosen Schuss durch seine Finger ins Tor flutschen, hallte Lachen durch das Rund. Am Ende skandierten nicht wenige Fans: "Vander raus!"

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Nicht sein Nachmittag: Christian Vander.

(Foto: imago sportfotodienst)

Es müssen schlimme Minuten für den Keeper des VfL Bochum gewesen, doch das Mitleid hielt sich in Grenzen. Leider. Denn allen war klar: Durch diese absolut nicht bundesligataugliche Leistung war der eigene Verein soeben abgestiegen. Und obwohl die Zuschauer wussten, wer an diesem Nachmittag zu großen Teilen für die Niederlage verantwortlich war und obwohl sich viele Fans dazu entschlossen hatten, ihrem Unmut freien Lauf zu lassen, fühlte sich niemand wohl in seiner Haut. Denn wie drückte es am Samstag Augsburgs Trainer Manuel Baum nach dem folgenschweren Patzer seines Torhüters Giefer aus: "Wenn man als Trainer in der Verantwortung steht, hat man es zum einen mit einem Menschen zu tun, aber zum anderen hat der Mensch auch seine Leistung zu bringen und seine Arbeit gut zu machen. Die hat er jetzt zweimal nicht gut gemacht. Mit dem Mensch fühle ich natürlich mit."

Als Zuschauer und Fan wünscht man sich in diesen Augenblicken die nötige Distanz zum Geschehen. Die Fähigkeit, unterscheiden zu können zwischen dem Spieler, der nicht absichtlich so schlecht agiert, und dem Menschen, der sich in diesen Minuten so einsam wie nur eben möglich fühlen muss. Doch das gelingt nur in den seltensten Fällen, es ist für alle Beteiligten eine schwierige Situation. Und genau dieses Gefühlschaos hat wohl auch dazu geführt, dass Baum nach dem Spiel vor laufender Kamera feuchte Augen bekam und zeigte, wie sehr ihn diese ganz spezielle Lage mitnahm. Eine nachvollziehbare und sympathische Reaktion. Eins darf man nicht vergessen: Der Druck, der auf dem Klub und seinem Trainer lastet, ist enorm.

Übrigens: Peter Neururer tauschte in der Woche nach dem Debakel gegen Mainz den Torwart. Der VfL stieg trotzdem ab. Neururer musste den Verein verlassen und Vander hat nie wieder für Bochum gespielt. Augsburg bleibt in dieser Situation nur zu wünschen: Egal, wer heute (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) am fünften Spieltag der Fußball-Bundesliga bei der Partie in München gegen den FC Bayern im Tor steht - er möge bitte eine Partie frei von Patzern erleben.

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Quelle: n-tv.de

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