Redelings Nachspielzeit

Redelings über Ansgar Brinkmann "Wenn ich du wäre, wäre ich lieber ich"

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"Finger weg von der Freundin des Schiedsrichters - könnte Rot geben!" - Ansgar Brinkmann bei Arminia Bielefeld.

Geschichten aus dem Innersten des Profifußballs: Der „weiße Brasilianer“ Brinkmann packt in seinem neuen Buch richtig aus. Herrliche Storys über den lahmen Campino, feurigen Trash-Talk, Nacktfotos und Schokolade im Stutzen.

Der Mann ist und bleibt ein Phänomen. 15 Vereine in 20 Jahren - und überall ist Ansgar Brinkmann immer noch herzlich willkommen. Mehr noch: Er ist Kult. Und das, obwohl er nacheinander für Klubs wie Arminia Bielefeld, Preußen Münster und den VfL Osnabrück spielte - Vereine, deren Fans sich gegenseitig nicht unbedingt als Freunde fürs Leben bezeichnen würden. Und so sagt Reiner Calmund über Ansgars Stippvisiten-Karriere im Buch: "Fußballer, die in der Regel jährlich den Verein wechseln, nennt man etwas despektierlich Wandervogel."

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Jürgen Klopp hingegen, bekannt für seine Vereinstreue, war Brinkmanns Zimmerkollege in Mainzer Zeiten und verteidigt Brinkmann: "Der Unterschied zwischen Ansgar und mir ist relativ einfach zu erklären. Er bekam jede Saison Angebote von verschiedenen Klubs. Ich keins." Vermutlich war das ganz gut so. Denn Brinkmann zeichnet seitjeher, neben allen sportlichen Qualitäten, vor allem auch sein großes Mundwerk aus. Der Mann sagt, was er denkt. Über den "Toten Hosen"-Frontmann Campino meinte er einmal: "Als ich den dann auf dem Platz gesehen habe, musste ich vor Lachen schon fast weinen. Wenn Campino zum Ball sprintet, kannst du ihn beim Laufen malen."

Darüber hinaus scheint der "weiße Brasilianer" die Verrückten dieser Welt magisch anzuziehen - wie diese Geschichte über den Braunschweiger Stefan Holz zeigt: "Als wir uns im Punktspiel trafen, sagte er zu mir: Wenn ich jetzt ’ne Ritter-Sport im Stutzen hab, krieg ich nach dem Spiel 100 Euro von dir?
 Darauf hab ich gesagt: ‚Ja, und wenn nicht, krieg ich 200. Ich habe das für einen Scherz gehalten. Kurz vor Schluss gibt es Ecke für Braunschweig. Das Spiel war eng, und ich ging mit nach hinten, um zu verteidigen. Auf einmal steht Stefan Holz neben mir und drückt mir eine Ritter-Sport in die Hand. Die Ecke kommt rein, und ich steh da mit ’ner Ritter-Sport in der Hand. Die Ecke habe ich komplett verpasst, fast hätte es eingeschlagen. 100 Euro hat mich der Scheiß auch noch gekostet, und die Schokolade musste ich dann wegwerfen, weil das Spiel noch nicht zu Ende war."

"Finger weg von der Freundin des Schiedsrichters"

Auch eine andere Story beweist, dass das Schicksal Ansgar Brinkmann oft einfach einen Streich spielte: "Bei einem Spiel in Oberhausen verliere ich den Ball, setze nach, ein ganz normaler Zweikampf. Der Schiedsrichter pfeift und gibt mir glatt Rot. Nach dem Spiel sitze ich im Bus und kann immer noch nicht fassen. Bis ich plötzlich eine SMS von der Freundin des Schiedsrichters bekomme, die ich aus Bielefeld kenne - die ich gut kenne, die ich lange kenne. Sie schreibt mir: Mein Freund hat dich vom Platz gestellt! Und ich frage mich die ganze Zeit, was in den Schiedsrichter gefahren ist? Warum gibt der dir Rot für einen Zweikampf? Nach der SMS war es mir klar: Er hat mir Rot gegeben, weil ich seine Freundin kenne! Da kriegst du Rot aus Eifersucht, weil ein Schiedsrichter nicht damit einverstanden ist, dass du seine Freundin kennst! Was sagt uns das? Finger weg von der Freundin des Schiedsrichters - könnte Rot geben!"

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Auch mit einem anderen Unparteiischen gab es Probleme: "Manfred Führer war ein legendärer Schiedsrichter. Ich kann mich an ein Spiel mit Mainz erinnern - da hat der so einen Scheiß gepfiffen, von zehn Pfiffen waren neun falsch. Jürgen Klopp und ich haben den Schiedsrichter dann natürlich auch verbal befeuert. Wir haben ihn regelrecht beschimpft. Irgendwann bekamen wir einen Freistoß. Und als ich mir den Ball hinlege, kommt Schiedsrichter Führer zu mir und sagt: Ansgar, du, mal ganz ehrlich ... so schlecht wie du heute spielst - besser wäre es, ich schieße den Freistoß."

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Das sein dann ein Moment, berichtet Brinkmann, "wo du auf dem Platz stehst, den Schiedsrichter anguckst und dich fragst: Hat der das gerade wirklich gesagt?" Was sich durch Brinkmanns gesamte Karriere und das neue Buch, das der "weiße Brasilianer" zusammen mit seinem kongenialen Partner der Radio-Serie im WDR, Peter Schultz, herausgebracht hat, zieht, sind die herrlich-verrückten verbalen Auseinandersetzungen. Brinkmann erinnert sich: "Beim Derby Osnabrück gegen Meppen ging es auch immer hoch her. Meppen war für mich die hässlichste Mannschaft der zweiten Liga! Und das habe ich im Vorfeld auch gesagt, was die Meppener natürlich mitbekommen haben. Diese Aussage war richtig clever von mir, weil: So nimmt man das Feuer aus einem Derby. Die Rache der Meppener ist aber mal komplett danebengegangen. Ich hatte einen Gegenspieler, der mich 85 Minuten durchbeleidigt hat. Er hat behauptet, dass meine Freundin ständig bei ihm schläft, dass meine Freundin ihn permanent anruft und dass er sogar Nacktfotos von ihr habe. Erst am Ende des Spiels habe ich ihm gesagt, dass ich Single bin."

Bei einer anderen Partie legte sich Brinkmann mit dem Coach der Gastmannschaft an: "Einmal hat mich ein gegnerischer Trainer 20 Minuten am Stück beschimpft. Der hat mir jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeigelaufen bin, ein Gespräch aufgezwungen. Irgendwann bin ich geplatzt: ‚Mann, Trainer ... Hab ich ’ne Null gewählt, dass du andauernd mit mir sprichst? Nein? Also setz dich!’ Der war danach ziemlich perplex und auch wirklich ruhig. Zu einem anderen Gegenspieler, der mir auf den Wecker ging, habe ich mal gesagt: ‚Wenn ich du wäre, wäre ich lieber ich.’"

Brinkmann hat zwar einmal gesagt: "50 Länderspiele wären mir lieber als 50 Anekdoten." Doch dafür war er nicht der Typ - wie eine weitere Geschichte zeigt: "Meine Spielvorbereitung war immer optimal. Immer! Ich kann mich an ein Spiel mit Preußen Münster erinnern: Wir haben zuvor die ganze Nacht durchgemacht. Ich bin dann um neun Uhr direkt zur Mannschaftssitzung gegangen. Kurz darauf musste ich die Besprechung leider verlassen, weil ich mich übergeben musste. Das nennt man Gewichtsreduzierung im Dienste aller. Weil: Ich habe anschließend durchgespielt und ein Tor gemacht.
 Ich wäre immer optimal vorbereitet gewesen, wenn alle Spiele nachts um vier angepfiffen worden wären. Dann hätte ich auch bestimmt eine richtige Karriere gehabt. So waren es 20 Jahre Abstiegskampf.
 Mein ganzes Leben fühlt sich an wie Abstiegskampf."

Das neue Buch von Ansgar Brinkmann: "Wenn ich du wäre, wäre ich lieber ich: Das Beste aus "Der Weiße Brasilianer" " bei Amazon bestellen. Unser Kolumnist Ben Redelings ist gerade mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

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