Redelings Nachspielzeit

Alles, nur (noch) kein Netzer Wie Hoeneß als TV-Experte überrascht

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Uli Hoeneß und Florian König haben ihren eigenen Stil.

(Foto: dpa)

Der neue TV-Experte Uli Hoeneß möchte an der Seite von Florian König so beliebt werden wie einst das Duo Gerhard Delling und Günter Netzer. Das könnte klappen. Doch im Moment überzeugen die beiden noch weniger durch launige Parts als durch eine andere große Stärke!

"Mir hat immer gut gefallen, wie Günter Netzer und Gerhard Delling das gemacht haben. Sie müssen uns ja nicht gleich den Grimme-Preis geben, aber vielleicht mögen uns die Leute ja." Das waren die Worte von Uli Hoeneß kurz bevor er sein neues Engagement bei RTL als Experte bei den Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft an der Seite von Florian König angetreten hat. Nun sind die ersten zwei Einsätze rum - und es zeigt sich: preiswürdig sind Hoeneß und König im Moment sicherlich noch nicht, aber sie offenbaren ganz andere Qualitäten als damals Netzer und Delling. Und das ist nicht nur gut so, sondern lässt auch auf viele unterhaltsame und vor allem informative TV-Stunden mit den beiden hoffen.

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Zwölf Jahre, von 1998 bis 2010, revolutionierten der ARD-Moderator Gerhard Delling und der ehemalige Weltklassespieler Günter Netzer die obligatorischen Fußball-Fachgespräche rund um die Spiele. Mit viel Sachverstand, einer großen Portion Humor und herrlichen Neckereien begeisterten sie ihr Publikum. Ein typisches Beispiel aus dieser Zeit: Netzer hatte als Studiogast seinen alten Kameraden Franz Beckenbauer an seiner Seite und lästerte über Delling: "Franz, ich freu mich, dass du ihn auch nicht verstehst. Ich versteh ihn auch nicht, aber ich bin daran gewöhnt."

"Seelsorger, Kindermädchen, Aufpasser"

Die beiden Brüder im Geiste vermieden trotz ihrer Freundschaft konsequent das Duzen - so wirkten ihre sehr persönlichen Frotzeleien noch eine Spur grotesker. Netzer zu Delling: "Ich sag ja, Sie hören mir nie zu!" Delling: "In Ihrem Alter merken Sie gar nicht mehr, ob jemand Ihnen zuhört." Mit einem Augenzwinkern sagte Netzer einmal: "Was Delling angeht, muss ich vieles sein: Seelsorger, Kindermädchen, Aufpasser."

Das schaffte damals eine neue Qualität in die Fußball-Berichterstattung, die vor allem von der natürlichen Lockerheit der beiden herausragenden Protagonisten profitierte. Doch eines darf man dabei nicht vergessen: Diese Lockerheit mussten sich Delling und Netzer auch erst hart erarbeiten. Über seine Anfangstage im Fernsehen bei der WM 1998 in Frankreich sagte der Weltmeister von 1974 im Nachhinein einmal: "Ich konnte dort sprechen, wie ich sonst spreche, wirkte aber wie ein spröder, unlustiger Mensch."

Später wurden gerade diese "spröden", kurz gehaltenen Einwürfe Netzers auf die häufig genial angelegten verbalen Vorlagen Dellings zum gemeinsamen Markenzeichen. Ein Beispiel: Delling: "Tja. Das haben Rudi Völler und Günter Netzer gemeinsam: Beide wären gern noch einmal richtige Fußballer, nicht?" Netzer: "Ja. Er hat völlig Recht. Es war ein richtig schönes Leben. Aber ich hab' noch ein größeres Handicap. Ich muss das mit Ihnen ertragen."

Hoeneß und König haben andere Stärken

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Im Augenblick - wo man Hoeneß wie König noch das gegenseitige Beschnuppern und Abtasten anmerkt - liegt die Stärke des Gespanns sowieso auf einer anderen Ebene als damals bei Netzer und Delling. Es sind im Moment vor allem die beinahe beiläufig eingeworfenen Informationen des Uli Hoeneß aus dem Inneren des deutschen Fußballs, die aufhorchen lassen. Wo andere Protagonisten mehrere Tage am Stück reden könnten und am Ende bliebe ein einzelner Satz bei den Zuschauern im Kopf hängen, plaudert Hoeneß so natürlich über (vermeintliche) Interna daher, dass man nicht immer sofort bemerkt, welche Tragweite seine Äußerungen tatsächlich haben. Die Schlagzeilen am nächsten Tag zeigen jedoch bereits, welche mediale Power vom TV-Experten Uli Hoeneß nach wie vor ausgeht.

Doch eines ist selbstverständlich auch klar: Die größte Stärke des ehemaligen Bayern-Managers war und ist es immer gewesen, wenn er sich aufregt. Wenn er seine Sätze mit der Einleitung - "Es kann nicht sein, dass ..." - beginnt, weiß ein jeder Fußballfan in Deutschland ganz genau: Jetzt heißt es die Ohren spitzen und hinhören. Die berühmte "Abteilung Attacke" hat schon zu manch denkwürdiger Situation geführt. Und die Auslassungen Hoeneß' über den DFB im Rahmen des ersten Länderspiels als Experte gegen Island waren ein Vorgeschmack dafür, wie es sein könnte, wenn ihm irgendwelche Entwicklungen rund um die Nationalmannschaft partout zuwiderlaufen - auch wenn er natürlich eigentlich daran interessiert ist, "dass wir eine gute EM spielen" und den Erfolg nicht durch zu viel Gepolter gefährden möchte. Die "Abteilung Attacke" wird es dennoch weiter geben. Und das ist auch gut so. Sie ist nicht umsonst ein Markenzeichen des gebürtigen Ulmers.

Das Potenzial ist riesig

Doch Uli Hoeneß und Florian König haben durchaus auch das Potential die launige, unterhaltsame Schiene zu bedienen. Der Weltmeister von 1974 hat so viel in seiner langen Karriere als Spieler, Manager und Vereinsfunktionär erlebt, dass es für die Zuschauer eine wahre Freude sein dürfte, wenn sich hier und da die Gelegenheit für die eine oder andere Anekdote von früher ergeben sollte. Denn Hoeneß kann auch diese Schublade durchaus beherzt öffnen, wie er anderer Stelle schon bewiesen hat: "Ich kann eine nette Geschichte erzählen. Wir sind ja heute ein bisschen launig ...". Man muss ihn nur in die geeignete Situation dafür bringen.

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Und wer glaubt, dass Uli Hoeneß weniger schlagfertig als Günter Netzer sei, der muss sich nur einmal alte TV-Highlights des neuen RTL-Experten ansehen. Eine legendäre Szene ist beispielsweise die, als Udo Lattek einmal einen möglichen Abgang von Franck Ribery mit den Worten ankündigte: "Es heißt, er suche schon nach einem Haus in Madrid." Und Uli Hoeneß lächelnd konterte: "Du hast doch auch ein Haus in Spanien und lebst in Deutschland." Touché! Das hatte bereits was von Günter Netzer.

Man darf also gespannt sein, wie sich das neue Duo in den nächsten Wochen und Monaten gemeinsam entwickeln wird. Das Potential der beiden ist in jedem Fall riesig. Und nach den ersten zwei Einsätzen von Uli Hoeneß und Florian König hat sich bereits gezeigt, dass es an Schlagzeilen keinen Mangel geben wird. Wenn nun über die natürlicherweise entstehende Lockerheit auch noch die unterhaltsamen Schmunzel-Momente dazukommen, muss sich Uli Hoeneß auch über eine wachsende Beliebtheit des Duos keine Gedanken machen. Und wer weiß? Vielleicht heimst dann im Sommer nicht nur die deutsche Nationalmannschaft einen "Preis" ein.

Quelle: ntv.de

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