Redelings Nachspielzeit

Franz Beckenbauer zum 75. Wie aus einem "Strohhalm" der Kaiser wurde

Für viele ist er der größte deutsche Fußballer, den es je gegeben hat. Aber egal, wie man sportlich zu Franz Beckenbauer steht, eins ist klar: Der "Kaiser" hat das Leben vieler Fußballfans in den letzten 55 Jahren mitgeprägt. Nun feiert er seinen 75. Geburtstag.

Philipp Lahm hat einmal sehr schön gesagt: "Es muss zwei Beckenbauers geben, einen, der in der Zeitung schreibt, und den Präsidenten des FC Bayern. Der Präsident ist zufrieden mit mir." Heute würde sich der Mann, den alle nur "Kaiser" nennen, wohl tatsächlich wünschen, es würde ihn zweimal geben. Denn seitdem die Geschichte um die WM-2006-Affäre in der Welt ist, hat sich das Leben und Ansehen des Franz Beckenbauer in der Öffentlichkeit gewandelt. Den eindimensionalen Blick auf ihn gibt es nicht mehr. Zu seinem 75. Geburtstag soll dies jedoch ein Text sein, der den "alten" Franz Beckenbauer beleuchtet. So, wie ihn Millionen Fußballfans über 50 Jahre erlebt haben. Als einen Mann, der schon immer polarisierte - aber stets auf eine lässige Art über allem zu stehen schien.

Dass alles so kam, wie es kommen musste, hat selbst sein erster Trainer im Profifußball, Tschik Cajkovski, zu Beginn nicht wirklich geglaubt: "Sie Bohnenstange, unten nichts, Mitte nichts, oben nichts. Sie mehr essen. Nix Frauen, nix Rauchen, nix Saufen. Sie aus Schlagsahne. Sie kein Kämpfer. Sie wie Strohhalm. Sie lieber gehen Schuhe putzen als spielen Fußball." Doch plötzlich war alles auf einmal ganz anders: "Franz. Sie größtes Fußballer seit Tschik. Ich mache Weltmeister aus Ihnen. Tschik und Beckenbauer bald größtes Fußballer-Gespann in Europa und in Welt." Wobei die große weite (Fußball-)Welt in jungen Jahren für den jungen Franz noch sehr weit weg schien, schließlich sagte er damals im Brustton der Überzeugung: "Ich bin kein Deutscher. Ich bin ein Bayer. Das ist ein ganz großer Unterschied nach meiner Meinung."

"Er hat ja Ahnung - manchmal"

Sein sportliches Ansehen wuchs sprunghaft, doch immer wieder musste Franz Beckenbauer in seiner Karriere damit leben, dass die Leute in ihm eine ambivalente Persönlichkeit sahen. Münchens Nationaltorwart Oliver Kahn über den damaligen Präsidenten der Bayern: "Er hat ja Ahnung - manchmal." Oder der Brasilianer Carlos Alberto Parreira, dem Beckenbauer als Übersetzer zur Seite stand: "Ich habe kein Wort verstanden. Aber er hat zu 100 Prozent recht." Selbst der knochige Niederbayer Klaus Augenthaler konnte sich einen humorigen Seitenhieb nicht verkneifen: "Von Beckenbauer habe ich sehr viel gelernt. Vor allem, dass es eigentlich egal ist, was ich gestern gesagt habe".

Im Grunde aber konnte sich der Kaiser nie wirklich beschweren. Sein Ansehen war zwar häufig zwiespältig, aber stets von großem Respekt geprägt. So sagte Max Merkel bereits im Jahre 1970: "Dem Franz Beckenbauer hat's der Himmelvater gegeben wie dem Mozart." Und viele, viele Jahre später meinte Otto Rehhagel: "Franz ist wie Marlene Dietrich. Ein alternder Star, den man nach wie vor bewundern muss." Beckenbauer schien tatsächlich immer über allem zu stehen, wie HSV-Profi Marinus Bester einmal anerkennend feststellte: "Man kann sich in diesem Geschäft nur wenige Ausrutscher leisten - bis auf Beckenbauer, der kann sagen, was er will. Und wenn er sagt, die Wand ist blau statt grün, glauben ihm die Leute auch das."

Nicht jeder konnte mit diesem Sonderstatus des Kaisers gut umgehen. So meinte Berti Vogts einmal sichtlich konsterniert: "Der kommt in einen Raum und das Licht geht an. Bei mir aber passiert erst mal gar nichts." Beckenbauer die "Lichtgestalt". Für den damaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder durchaus eine plausible Erklärung für Beckenbauers Popularität im Allgemeinen: "Mit dem Licht, das er ausstrahlt, blendet er die Journalisten."

"Ja, leck mich doch am Arsch, der Beckenbauer!"

Doch das ist offenbar nur eine der besonderen Fähigkeiten, die Franz Beckenbauer besitzt. Es existiert tatsächlich eine Geschichte aus den 1980er-Jahren, bei der der Weltmeister von 1974 und 1990 als eine Art "Wunderheiler" auftritt. Damals soll der Vater von Beckenbauers Lebensgefährtin Diane Sandmann im Krankenhaus gelegen haben. Neben ihm ein Bett mit einem Koma-Patienten drin. Überliefert ist folgende Szene. Beckenbauer spricht gerade die ersten Worte mit Dianes Vater, als plötzlich im Bett nebenan der Koma-Patient erwacht, sich senkrecht aufrichtet und sagt: "Ja, leck mich doch am Arsch, der Beckenbauer!"

Eine ähnliche Begegnung mit dem "Kaiser" hat übrigens auch der Brasilianer Ansgar Brinkmann im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF gemacht: "Ich war ganz baff. Der kannte sogar meinen Namen. Da habe ich direkt nach der Sendung erst einmal stolz zu Hause angerufen und erzählt: Ich habe mit Gott gesprochen!" Selbst Uli Hoeneß berichtet heute noch mit strahlenden Augen von einem der schönsten Momente seiner Karriere: "Ich durfte die Schuhe von Franz auftragen."

"Ich bin Keizer, du bist Beckenbauer!"

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Die Medien liebten den Kaiser von der ersten Stunde an. Hausbesuche mit langen, sehr privaten Fotostrecken gehörten seit den frühen Tagen dazu. Ein Fußballmagazin berichtete einmal in seiner Serie "Zu Gast bei … Franz Beckenbauer" aus den heimischen Stuben. Und dabei kamen Dinge ans Tageslicht, die so sicherlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren: "Mit dem Telefon ist das so eine Sache. Die eine Nummer, 798651, steht nicht im Telefonbuch, und die andere ist absolut geheim. 'Nur drei Leute kennen die andere Nummer.' Einer dieser drei sei Herr Schwan, versichert Franz. Schwan ist Berater in allen Lebenslagen. Nicht einmal die Eltern wissen die zweite Telefonnummer. Die Mutter bat sogar darum: 'Bitte, sag mir die Nummer nicht, ich verrate sie dann doch!'"

Um die aktive Spielerkarriere des Franz Beckenbauer ranken sich viele amüsante Geschichten. Eine davon spielt in den früheren Jahren seiner Laufbahn. Mitten im kalten Dezember stellte sich der feine Herr Beckenbauer damals im Niedersachsen-Stadion vor die Fans von Hannover 96 und zeigte mit einer "Manneken Pis"-Bewegung "dem verehrten Publikum" (O-Ton Beckenbauer) seine innere Gemütsverfassung. Der Bayern-Star fühlte sich an diesem Tage zu Unrecht ausgepfiffen.

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Lustig ist auch die Anekdote aus dem Jahre 1972. Ajax Amsterdam gastierte für ein Freundschaftsspiel in München und schlug die Bayern mit 5:0. Piet Keizer war an diesem Tage eifrig bemüht, dem Kaiser einen Ball durch die Beine zu spielen. Warum? Weil er hinterher gerne zu ihm sagen wollte: "Ich bin Keizer, du bist Beckenbauer!"

USA-Rückkehr als voller Erfolg

Nach seinem USA-Ausflug zu Cosmos New York kehrte Kaiser Franz 1980 nach Deutschland zurück. Für den Hamburger SV kickte er wieder in der Bundesliga. Die Fans freuten sich. Beckenbauer wurde beim ersten Training von 5000 Kiebitzen empfangen. Mitspieler Manni Kaltz war tief beeindruckt vom Auflauf der Zaungucker: "Sonst gehen sie zu dieser Zeit immer zu Hagenbeck in den Zoo!"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Als Teamchef war der "Kaiser" für sein Temperament bekannt. Zwei Spiele vor dem WM-Finale 1990 (O-Ton Beckenbauer: "Damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher gestanden") traf man in der Viertelfinalpartie auf die Tschechoslowakei. Schnell führte die deutsche Elf bereits nach 24 Minuten mit 1:0 und als nach 70 Minuten auch noch Lubomir Moravcik mit Gelb-Rot vom Platz musste, schien die Sache gelaufen. Doch die deutsche Mannschaft verkrampfte und am Spielfeldrand sah man einen wütenden "Kaiser", der fassungslos das Ende der Begegnung herbeisehnte. Immer wieder warf er seine Hände in die Luft und winkte ab. Als wieder einmal Jürgen Klinsmann übereifrig einen Ball an der Mittellinie vertändelte, schaute sich Franz Beckenbauer um, sah mit wegwerfender Handbewegung auf die Ersatzbank mit den deutschen Spielern und sprach dann ein vor der Bandenwerbung hockendes Kind an. "Willst spielen?", fragte der Teamchef den Balljungen, "komm, ich wechsel dich ein!" Der junge Mann schaute ihn verdutzt an und zuckte mit den Schultern. "Der war ja ein Italiener. Der hat mich natürlich nicht verstanden. Aber ich hätte den damals gebracht", erinnert sich Beckenbauer gerne an diese schöne Szene aus dem Horror-Viertelfinalspiel gegen die Tschechoslowakei zurück.

Und ganz zum Schluss noch schnell der Lieblingswitz von Franz Beckenbauer: "Fragt der eine Spanner den anderen: 'Du, was machen wir heute Nachmittag?' Sagt der Kollege: 'Schaun mer mal.'" Zum 75. Geburtstag, lieber Franz Beckenbauer, alles Gute. Und in der Hoffnung, dass Sie mittlerweile eine Antwort auf Ihre Frage - "Ich möchte wissen, wer ich wirklich bin" - gefunden haben, zudem ein herzliches Glück auf!

Quelle: ntv.de