Redelings Nachspielzeit

Gefahr der Gehirnerschütterung Zwei Warnungen an Mark Uth

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Mark Uth musste vom Feld getragen werden.

(Foto: Tim Rehbein/RHR-FOTO/Pool)

Der Schalker Mark Uth hat wohl noch einmal Glück im Unglück gehabt. Doch es gibt auch Gegenbeispiele in der langen Bundesliga-Geschichte, in der Zusammenstöße mit Schädelbasisbrüchen endeten. In den USA wurde sogar schon gegen das Kopfballspiel an sich geklagt.

Das waren echte Schreckminuten am Samstag bei der Bundesliga-Partie des FC Augsburg gegen den FC Schalke 04 für alle unmittelbar Beteiligten auf und am Rasen der WWK-Arena und zu Hause an den TV-Bildschirmen. Die ungewissen Minuten, als der S04-Profi Mark Uth bewusstlos nach dem Zusammenprall mit seinem Gegenspieler Felix Uduokhai am Boden liegen blieb, zerrten an den Nerven.

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Mark Uth wurde nach seiner Gehirnerschütterung mittlerweile wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Doch Vorsicht ist geboten, wie ein Beispiel aus der Saison 1973/74 zeigt. Damals schrieb der Kölner Keeper Gerd Welz ein sehr schmerzhaftes Kapitel Bundesligageschichte. Der Torhüter des FC lag in diesen qualvollen Monaten häufiger im Krankenhausbett als zu Hause neben seiner Ehefrau. Und ähnlich wie bei Mark Uth begann es bei Welz mit einem Zusammenprall.

Am 24. Spieltag stieß der Kölner Keeper in der Partie gegen den Hamburger SV mit Peter Hidien zusammen. Kurz vorher hatte Welz einen Nierenriss erlitten, und nun zog er sich eine schwere Gehirnerschütterung zu. Doch er spielte zuerst benommen weiter. Dann prallte er im Training mit dem Kopf gegen den Pfosten. Plötzlich klagte Welz über eine Stirnhöhlenentzündung.

Welz kam nie wieder richtig auf die Beine

Als ein Arzt ihn noch einmal gründlich untersuchte, drückte eine Schwellung bereits so stark auf das Gehirn, dass er tagelang auf der Intensivstation in Lebensgefahr lag. Welz hatte einen Schädelbasisbruch. Die "Bild" schrieb damals: "Deutschlands mutigster Torhüter für immer gelähmt!" "Mutig"? Das ist Ansichtssache. Doch viel wesentlicher war: Welz stand wieder auf. Allerdings zu früh, wie sich herausstellen sollte. Der Torhüter wollte unbedingt mit zur Weltmeisterschaft und sagte: "Man darf nicht einrosten. Man muss als Torwart geschmeidig bleiben."

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Und als er einen schweren Rückfall erlitt, meinte Welz nur: "Nur die drei Balken will ich um mich spüren, dann ginge es mir schon wesentlich besser." Als er sich 1974 endlich wieder an die Mannschaft herangetastet hatte, passierte das nächste Unglück: "Ein harmloses Trainingsspielchen. Ich bin in eine Mulde getreten, und da war am rechten Fuß das Sprunggelenk gebrochen." Er kam nie mehr wieder richtig auf die Beine. Nach 89 Bundesligaeinsätzen war seine Karriere beim FC 1975 beendet. Sein Nachfolger in Köln wurde übrigens ein gewisser Harald Schumacher - der einige Jahre später bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien einen schweren wie legendären Zusammenprall mit dem Franzosen Patrick Battiston hatte.

Torhüter und ihre direkten Gegenspieler sind natürlich eh stets besonders gefährdet. Als in der Spielzeit 1979/80 der 1. FC Kaiserslautern 1:0 in Braunschweig gewann, bekam der FCK-Keeper Ronnie Hellström von der kompletten zweiten Halbzeit nach einem Zusammenprall nichts mehr mit. Eine Gehirnerschütterung zwang ihn dazu, den Unfallhergang nach der Partie nur zu vermuten: "Ich glaube, einen Schlag gegen den Unterkiefer bekommen zu haben. Ich habe mir wohl auf die Zunge gebissen." Als Hellström diese Version des Zusammenpralls erzählte, stand der Vereinsarzt Dr. Harms neben dem Torhüter - und schüttelte nur verzweifelt mit dem Kopf. Die Erinnerungen des FCK-Torhüters an den Unfallhergang waren noch nicht einmal knapp daneben.

Keine Kopfbälle für Kinder
Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Am Samstag in Augsburg war der Gegenspieler von Mark Uth vollkommen unschuldig an dessen Verletzung. Felix Uduokhai und der Schalker waren normal zum Kopfball hochgestiegen. Dass Kopfbälle allerdings auch ohne einen Gegenspieler-Kontakt nicht ganz ungefährlich sind, zeigt das Beispiel des "Turban"-Mannes Dieter Hoeneß. Der Bruder von Uli war beim Pokalfinale 1982 mit dem Clubberer Alois Reinhardt zusammengeprallt, hatte anschließend mit einem weißen Kopfverband weitergespielt und noch ein Tor erzielt. Doch Hoeneß, der in diesem Spiel seine Gesundheit aufs Spiel setzte, wusste um die Gefährlichkeit von Kopfbällen. Einmal im Jahr fuhr er in seiner aktiven Karriere nach Freiburg, um seine Gehirnströme messen zu lassen. Professor Klümper sollte sicherstellen, dass die vielen, vielen Kopfbälle, die Hoeneß in seinem Leben schon gemacht hatte, seine geistige Vitalität nicht infrage stellten.

In den USA gelten übrigens seit 2015 neue Bestimmungen für Kinder und Jugendliche. Sie besagen, dass Fußballspieler unter zehn Jahren den Ball überhaupt nicht mehr mit dem Kopf spielen dürfen und in der Altersklasse zwischen elf und dreizehn nicht im Training. Vorangegangen war eine Sammelklage einer Initiative gegen die Fifa, die die weitreichenden Gesundheitsrisiken des Kopfballspiels - bis hin zu Gehirnerschütterungen - anmahnte und eine Limitierung von Kopfbällen forderte.

Quelle: ntv.de