Fußball-WM 2018

Das Ende einer Ära Chile stürzt Fußballweltmacht Spanien

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(Foto: imago/Xinhua)

Wie Frankreich 2002 und Italien 2010 ist nun auch Spanien als Weltmeister in der Vorrunde gescheitert. Schon oft wurde das Ende des "Tiki-Taka" ausgerufen, aber nun ist die Zeit einer der besten Mannschaften der Geschichte wohl wirklich vorbei. Die Selección muss sich erneuern.

Als Diego Costa endlich etwas gelang, war es vorbei. Mit seiner besten Aktion spielte der wuchtige Stürmer in der 53. Minute den Ball per Fallrückzieher quer durch den Fünfmeterraum. Auf der anderen Seite musste Sergio Busquets nur noch den Fuß hinhalten. Doch vom Schienbeinschoner sprang der Ball neben das Tor. In diesem Moment war klar: Spanien würde kein Tor mehr schießen, scheitern und ein Kapitel schließen.

So kam es. Der Weltmeister verlor am Mittwoch im historischen Maracanã auch sein zweites Gruppenspiel, gegen Chile 0:2. Im letzten Gruppenspiel geht es gegen die ebenfalls zweimal geschlagenen Australier nur noch darum, sich nicht komplett zu blamieren. Aber eigentlich ist das jetzt auch egal. Die Zeit einer der größten Fußball-Mannschaften aller Zeiten ist zu Ende. Sie wird sich auflösen, nachdem sie acht Jahre lang die Welt erobert hat.

Die Abnutzungserscheinungen waren am Ende zu stark. Manager Vicente del Bosque muss sich fragen lassen, ob er die Zeichen zu spät erkannt hat. Oder ob er je von der Erfolgsformel abweichen wollte. Jedenfalls setzte er auf sein bewährtes Ensemble, wohl ein Turnier zu lang. Die Hälfte der Spieler war schon 2008 beim Gewinn der Europameisterschaft dabei, zwei Drittel vor vier Jahren beim Triumph bei der Weltmeisterschaft in Südafrika - und nur vier nicht vor zwei Jahren bei der erfolgreichen Titelverteidigung in Europa. Damit die Welt noch länger Zeit hatte, dem Abschiedskonzert beizuwohnen, ließ der ansonsten gute Schiedsrichter Mark Geiger gleich sechs Minuten nachspielen.

Del Bosque sah das Unglück nicht kommen

Die Mannschaft wirkte satt, fand selbst die Mannschaft: "Wir waren nicht in der Lage, hungrig zu bleiben, unsere Überzeugung aufrechtzuerhalten, das Turnier zu gewinnen", sagte Xabi Alonso stellvertretend. Was passt, da er zuvor auch ein bemerkenswert schlechtes Spiel abgeliefert hatte. Es stand für das Spiel der gesamten Selección. Mit einem leichtfertigen Fehlpass leitete Alonso den rasanten Spielzug ein, an dessen Ende Spaniens Abwehr noch ihre chilenischen Gegenspieler suchte, als Torschütze Eduardo Vargas und sein Team bereits vor dem euphorischen roten Zuschauermeer im Maracanã feierten.

Spanien war vor allem in der ersten Halbzeit unfassbar langsam. Am Ende wies die Statistik die Iberer zwar in vielen Kategorien führend aus, aber Chile war sieben Kilometer mehr gelaufen. Auf diesem Niveau ein gigantischer Unterschied. Es fällt schwer, zu sagen, an wem es letztlich scheiterte. Verlässliche Stützen wie Iker Casillas, Sergio Ramos oder Xabi Alonso, die vor wenigen Wochen mit Real Madrid noch die Champions League gewannen, patzten schwer. Die Spieler des FC Barcelona wirken schon länger seltsam uninspiriert. In Brasilien erfasste die Unsicherheit nun als letzten Katalanen auch Andres Iniesta. Und Diego Costa, der Angst einflößende Stürmer von Atlético Madrid, wirkte in beiden Spielen, als würden sich seine Mitspieler vor ihm fürchten, so sehr wurde er gemieden. Ehrlich gesagt gab es keinen einzigen Spanier, der gut spielte.

Del Bosque zeigte sich davon genauso überrascht wie die Zuschauer des Spektakels: "Wir dachten, dass wir fit und bereit sind, wir hatten gut trainiert. Ich hätte niemals gedacht, dass wir nach der Vorrunde ausscheiden." So ging es auch den zig tausend Chilenen, die ihr Glück kaum fassen konnten.

Es ist Zeit für den Generationswechsel

Dabei war es, als hätten die chilenischen Fans schon vorher etwas geahnt. Enthusiastisch hatten sie das Maracanã seit dem frühen Morgen belagert. Irgendwann ging es mit ihnen vollkommen durch. Etwa hundert von ihnen versuchten schließlich, über das Pressezentrum ins Stadion zu stürmen. Sie hatten keine Tickets bekommen. Später mussten sie einen der größten Siege des chilenischen Fußballs in Gewahrsam erleben.

Andererseits wird das Turnier für die Südamerikaner weitergehen. Spanien dagegen muss sich neu erfinden. Del Bosque gab auf Nachfragen vielsagend zu: "Es ist klar, dass wenn solche Sachen passieren, das Konsequenzen haben wird." Auch für ihn.

Sein Kapitän und Torhüter Iker Casillas mahnte, jeder müsse sich selbst hinterfragen, "bei mir angefangen". Obwohl erst 32 Jahre alt, dürfte es auch sein Abschied aus der Mannschaft nah sein, ebenso das vom eigentlichen Spielmacher Xavi, den del Bosque gegen Chile gar nicht erst aufstellte. Der treue Ersatztorhüter Pepe Reina, der alternde Rekordtorjäger David Villa, der chronisch formschwache Fernando Torres und vielleicht auch Stratege Alonso. Sie alle müssen sich überlegen, ob sie weitermachen.

Spaniens Fußball ist nicht am Ende

Platz muss geschaffen werden für die neue Generation, die die Jugendturniere dominiert. Für Isco, Koke und Thiago Alcántara. Denn ein Abgesang auf den spanischen Fußball als Ganzes ist völlig verfehlt. Nur diese eine Mannschaft hat irgendwann aufgehört, die Welt im Sturm zu erobern. Das geduldige und prägende Ballbesitzspiel "Tiki-Taka" lahmte und lähmte.

Bei den vergangenen drei großen Turnieren kassierte Spanien insgesamt nur sechs Gegentore. Nun ist es schon nach zwei Spielen eins mehr. Spanien ist förmlich implodiert. Just in den Tagen, an denen auch König Juan Carlos abdankte.

Der arme Stürmer Diego Costa, der in Brasilien durchgängig von einem gnadenlosen Pfeifkonzert begleitet wurde und dem nicht wirklich etwas gelingen wollte, dürfte derweil besonders stark grübeln. Denn er entschied sich erst vor einem Jahr, für die spanische Selección zu spielen. Davor hatte er im Frühjahr 2013 bereits zwei Länderspiele absolviert - für die brasilianische Seleção.

Quelle: ntv.de