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Peinliche Posse um Löw DFB hat nichts gelernt

Plötzlich geht es um Joachim Löw. Bisher dachten alle, die deutschen Fußballer spielen bei der Weltmeisterschaft um den Titel. Doch nun kämpft die Nationalmannschaft in Südafrika auch um die Zukunft ihres Trainers. Das ist wenig hilfreich. Und peinlich – vor allem für den Deutschen Fußball-Bund.

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Was nun? Das fragt sich nicht nur Joachim Löw.

(Foto: dpa)

Dabei hatte Präsident Theo Zwanziger die Vertragsverlängerung mit dem Bundestrainer und seinen Helfern eigentlich geregelt, wie er im Dezember stolz verkündete. Per Handschlag, so wie echte Männer wichtige Sachen regeln. Eigentlich. Was dieser Handschlag wert war, wissen wir jetzt. Statt die Verträge mit Löw und Teammanager Oliver Bierhoff auf einer eigens einberufenen Präsidiumssitzung zu verlängern, beschloss der Verband, vor der WM lieber doch nichts zu beschließen. Warum? Weil beide Parteien "in strukturellen Fragen, aber auch wirtschaftlich zu weit auseinander" lägen, wie Zwanziger zerknirscht mitteilte.

Damit sich trotzdem alle Beteiligten "ausschließlich auf die WM-Vorbereitung konzentrieren" können, wollen sie nun erst nach der Weltmeisterschaft in Südafrika weiter pokern. Das ist natürlich Quatsch, das weiß auch der Verband. Die ungestörte WM-Vorbereitung hat das DFB-Präsidium mit seinem Beschluss selbst torpediert. Von nun an wird es stets auch um die Zukunft von Joachim Löw gehen. In den Medien, bei den Fans, unter den Spielern. Die leidige Vertragsverlängerung bleibt ein Dauerthema - nach der WM, aber auch davor und während der Endrunde. Kommentar Bierhoff: "Wir haben das so hinzunehmen."

Die Außendarstellung ist desolat

Dass beide Seiten laut Zwanziger "grundsätzlich" an einer "Fortsetzung der guten Zusammenarbeit" interessiert sind, ändert nichts am grundsätzlichen Problem des größten Sportverbands der Welt: Gemessen an der Mitgliederstärke und der selbst empfundenen Wichtigkeit ist die Außendarstellung des DFB zu oft desolat. Als der DFB-Boss kurz vor Weihnachten die Vertragsverlängerung als perfekt vermeldete und Löw kurz darauf erklärte, man müsse sich schon noch in einigen wichtigen Details einigen, erntete Zwanziger für seine Voreiligkeit nur milden Spott. Schließlich sagte Löw auch: "Es gibt keine Zweifel, sondern von beiden Seiten die ganz klare Bereitschaft, das Arbeitsverhältnis fortzusetzen."

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Gemessen an der Mitgliederstärke und der selbst empfundenen Wichtigkeit ist die Außendarstellung des DFB zu oft desolat: Theo Zwanziger.

(Foto: dpa)

Der Weg zum Tor, so schien es, war frei. Noch ein gelungener Doppelpass mit Löw, dann könne der DFB-Chef lässig einschieben. Nun steht fest: Zwanziger hat den Ball nicht nur weit daneben gesetzt, sondern steht auch noch im Abseits. Das klägliche Scheitern der Verhandlungen ist ärgerlich für alle Beteiligten. Für den DFB, weil der Verband ohne Not für Negativschlagzeilen gesorgt hat und immer offensichtlicher wird, dass Zwanziger seinen Laden nicht im Griff hat. Für Löw und Bierhoff, weil sie zu ihren Bedingungen verlängern wollten, sich aber nicht durchgesetzt haben.

Gezielte Indiskretionen aus dem Präsidium

Und nicht nur das: Vor der Sitzung verbreitete Indiskretionen aus dem DFB-Präsidium über angebliche Gehaltsforderungen haben Löw und Bierhoff gezielt geschwächt, Sachfragen rückten in den Hintergrund - ein beim DFB durchaus übliches Vorgehen, für das Löws Vorgänger Jürgen Klinsmann einst den Begriff "Informationskorruption" geprägt hatte. Leidtragende dieser Entwicklung sind nicht zuletzt die Fans, die von den machtpolitischen Ränkespielen ausgerechnet im WM-Jahr vom für sie Wesentlichen abgelenkt werden: dem Fußball.

Unnötig ist das Scheitern der Verhandlungen ohnehin, weil der vom DFB in Sachen Vertragsverlängerung an den Tag gelegte Aktionismus vollkommen überflüssig war. Selbst Zwanziger sollte wissen, dass langfristige Arbeitspapiere bei einem schlechten Abschneiden bei einem Turnier soviel wert sind wie die zuvor errungenen Erfolge. Auf die Nachwirkung eben dieser haben sich Löw und Bierhoff aber verlassen, als sie nach der vermeintlichen Einigung per Handschlag mit einem neuen Forderungskatalog in die Nachverhandlungen gingen. Die drohten angesichts des Dauerstreits mit dem ebenso meinungsfreudigen wie machtbewussten Sportdirektor Matthias Sammer um die Zuständigkeit für die U21-Nationalmannschaft ohnehin nicht einfach zu werden.

Gutes Geld für gute Arbeit

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Gilt intern nicht als unverzichtbar: Oliver Bierhoff.

(Foto: APN)

Richtig ist: Gute Arbeit muss auch gut bezahlt werden. Deshalb fällt die Forderung nach Bonuszahlungen getrost als Grund für die Vertagung der Verhandlungen aus, zumal der DFB keineswegs knapp bei Kasse ist. Bekannt ist aber auch, dass der DFB bezogen auf strukturelle Veränderungen äußerst konservativ ist. Dass Nationalmannschaftsmanager Bierhoff sein Mitspracherecht bei der Ernennung des Bundestrainers künftig in ein Vetorecht umgewandelt wissen wollte, konnte zwangsläufig nur wenig Anklang im DFB-Präsidium finden. Auch, weil Bierhoff dort im Gegensatz zu Löw keineswegs als unverzichtbar gilt, dafür aber dem DFB-Sportdirektor Matthias Sammer in herzlicher Abneigung verbunden ist. Dumm für Bierhoff: Der jüngste Meistertrainer der Bundesliga ist wiederum ein ernsthafter Nachfolgekandidat, sollte Löw nach der WM nicht mehr zu halten sein.

Bislang durfte nur bei einem sportlich enttäuschenden Abschneiden von einem Ende der Ära Löw im Sommer 2010 ausgegangen werden. Nach dem öffentlichen Zerwürfnis zu Frankfurt scheint nun auch ein Abschied im Erfolgsfall denkbar, wie selbst DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach unbewusst andeutete. "Es ist auch unsere Absicht gewesen, zum jetzigen Zeitpunkt für klare Vertragsverhältnisse über die WM 2010 hinaus zu sorgen. Auf der anderen Seite ist die Situation jetzt vergleichbar mit der von 2006, als Jürgen Klinsmann Bundestrainer war." Damals wollte man Klinsmann im März noch feuern und ihn nach Platz drei bei der WM dann am liebsten auf Lebenszeit an den DFB binden. Klinsmann ging dennoch. Gelernt hat der DFB daraus nichts.

Quelle: ntv.de