Olympia

Vier fragwürdige FälleBericht weckt Zweifel an Neutralität russischer Olympioniken

05.02.2026, 17:12 Uhr
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Gumennik tanzte auch in den besetzten Gebieten übers Eis. (Foto: REUTERS)

Russische Sportler dürfen nur bei den Winterspielen als "Neutrale" starten, wenn sie den Krieg in der Ukraine nicht unterstützen. Ein BBC-Bericht stellt dies nun bei einigen von ihnen infrage.

Unterstützen russische Olympioniken den Krieg in der Ukraine? Unmittelbar vor der feierlichen Eröffnung der Winterspiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo sorgt ein brisanter Bericht der BBC für Aufruhr. Demnach sollen sich vier Athleten kriegsunterstützend betätigt haben. Dies widerspräche den Teilnahmevorgaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Der Ringeorden um die neue Präsidentin Kirsty Coventry hat 13 Sportlerinnen und Sportler aus Russland als neutrale Einzelathleten für die Spiele zugelassen - ohne Hymne, ohne Fahne, ohne Eintrag im Medaillenspiegel. Als Voraussetzung für den Olympia-Start dürfen jene Athleten unter anderem in keiner Verbindung zum Militär stehen oder den Krieg unterstützen, beispielsweise in den sozialen Medien.

Recherchematerial des ukrainischen Molfar Intelligence Institute und des ukrainischen Journalisten Artem Chudoljejew, das der BBC vorliegt, nährt nun Zweifel daran, ob vier nominierte Sportler den IOC-Kriterien entsprechen. Namentlich handelt es sich um den Eiskunstläufer Pjotr Gumennik, die Langläufer Saweli Korostelew und Darja Neprjajewa sowie die Eisschnellläuferin Xenia Korschowa.

Auftritte in besetzten Gebieten

Laut dem Bericht soll Gumennik unter anderem an Events in besetzten Gebieten teilgenommen haben und für Familien russischer Soldaten aufgetreten sein. Korostelew soll auf Social Media putin- und militärfreundliche Inhalte gelikt haben, bei Korschowa sollen es kriegsbefürwortende Posts gewesen sein. Neprjajewa soll 2022 an einem Trainingslager auf der annektierten Krim teilgenommen haben.

Die ukrainischen Athleten beobachten die Berichte indessen mit Sorge. "Sich auf Wettkämpfe in besetzten Gebieten vorzubereiten oder den Krieg in den sozialen Medien unterstützen: Es ist definitiv nicht richtig, sie als neutral zu bezeichnen, denn das sind sie nicht", sagte Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch, der bei der Eröffnungsfeier am Freitag (20 Uhr, ARD und Eurosport/HBO Max) die ukrainische Fahne tragen wird.

Das IOC teilte der BBC mit, dass es individuelle Fälle nicht kommentiere. Das zuständige IOC-Panel habe "die Athleten gemäß der Entscheidung des Exekutivkomitees und den von ihm festgelegten Grundsätzen überprüft". Jenes Gremium besteht aus den IOC-Mitgliedern Nicole Hoevertsz, Pau Gasol und Morinari Watanabe und hatte das letzte Wort bei der Zulassung für die anstehenden Spiele.

"Wirklich traurig"

Ferner bringt der Bericht Watanabe in Verbindung mit dem russischen Turn-Olympiasieger und Kriegsbefürworter Nikita Nagorny, den er laut Videoaufnahmen bei einem Treffen im März 2025 in Moskau umarmt haben soll. Der Weltturnverband (FIG), dessen Präsident Watanabe ist, teilte diesbezüglich mit, dass dessen Besuch in Russland "wenige Tage nach seinem Besuch in der Ukraine stattgefunden" habe. Dies habe dem Zweck gedient, "den von dem Krieg betroffenen Sportlern auf beiden Seiten Unterstützung zu bekunden".

All diese Erkenntnisse treten zutage, während Russland zurück auf die sportliche Weltbühne drängt. Als Nation war das Riesenreich wegen des nun knapp vier Jahre währenden Angriffskrieges schon bei den Sommerspielen 2024 in Paris ausgeschlossen. So, wie auch jetzt in Italien. Es verdichten sich jedoch die Anzeichen, dass nach den Winterspielen eine Russen-Rückkehr auf die olympische Bühne bevorsteht. Womöglich gar schon für die Sommerspiele 2028 in Los Angeles.

Das Internationale Olympische Komitee müsse "den Sport als neutralen Ort bewahren, an dem jeder Athlet frei antreten kann, ohne durch die Politik oder die Spaltungen seiner Regierungen behindert zu werden", sagte Coventry in Mailand, auch wenn es konkret in der Russland-Frage "keinen Zeitplan" gebe.

In Anbetracht dieser Gemengelage warnt Heraskewytsch vor einer Normalisierung des Krieges. "Es ist wirklich traurig", sagte er der "Süddeutschen Zeitung": "Ich habe das Gefühl, dass das IOC und vor allem kleinere Verbände sich immer mehr dem Druck der russischen Seite beugen, dass es nicht um Kriterien oder die Sache geht, sondern nur darum, diese Länder und ihre Athleten zurückzubringen."

Quelle: ntv.de, ses/sid

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