Winterspiele sind ganz weit wegDeutsche Olympiasiegerin rennt sich im Doping-Albtraum fest

Von der strahlenden Gold-Heldin zur gefallenen Dopingsünderin: Victoria Carl erlebt die Extreme einer Karriere als Spitzensportlerin. Der positive Dopingtest wegen eines Hustensafts hält sie noch immer in Atem. Und könnte sie sogar ihre Karriere kosten.
Victoria Carls Instagram-Auftritt zeigt ganz vorn die allerhöchsten Höhen und gleich danach den klaffenden Abgrund. Wie sie 2022 auf dem Olympia-Podest von Peking als strahlende Gold-Heldin ihrer Teamkollegin Katharina Hennig Dotzler um den Hals fällt. Und wie sie 2026 als Paria des Skilanglaufs mutterseelenallein Kilometer um Kilometer im Thüringer Wald abspult. "Es ist ein Traum in Weiß", schreibt Carl dazu. Einer, der sie den Albtraum ihrer Dopingaffäre manchmal vergessen lässt.
Wenn am Samstag in Val di Fiemme die olympischen Loipen-Wettbewerbe beginnen, fehlt Deutschlands beste Skilangläuferin. Statt dem Trubel von Tesero wartet wieder die Einsamkeit des Schneekopfs bei Suhl auf Carl, die bis Ende März eine strahlende Wintersport-Heldin zu sein schien, ehe ihr - oder besser einem schlecht informierten Bundeswehrarzt, wie es Carl und der Deutsche Skiverband anführen - dieser verhängnisvolle Fehler unterlief, der sie nun sogar die Karriere kosten könnte.
Sportlerin ist selbst verantwortlich
Luzern, Ende März 2025: Carl ist kurz nach dem Ende der Weltcup-Saison, die sie als Gesamtzweite so gut wie keine deutsche Läuferin zuvor abgeschlossen hatte, bei der Militär-WM am Start. Sie klagt über Husten, ein Bundeswehrarzt verabreicht ihr ein Mittel. Aber, so erklärt es der DSV später: "Statt des ursprünglich bestellten Hustensafts Mucosolvan (Ambroxol) wurde durch die Bundeswehrapotheke irrtümlich das Kombinationspräparat Spasmo Mucosolvan (Ambroxol + Clenbuterol) geliefert."
Kurz nach der WM wird Carl in einer Kontrolle jenes Clenbuterol nachgewiesen - ein Mittel, das auch in der Kälbermast eingesetzt wird und das einst Katrin Krabbe zum Verhängnis wurde. "Die Sportlerin trifft keinerlei Schuld", teilt der DSV Ende Juni 2025 mit, die am Boden zerstörte Carl hofft auf "eine faire Bewertung". Und auf den Olympia-Start 2026.
Nun gilt aber: Eine Sportlerin ist dafür verantwortlich, was in ihren Körper gerät. Die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA, die ein Verfahren gegen die vom Trainings- und Wettkampfbetrieb ausgeschlossene Carl eingeleitet hat, erstellt deshalb einen Sanktionsbescheid über zwei Jahre Sperre. Schon damals ist klar: Olympia 2026 wird ohne Carl stattfinden, die NADA-Sanktion bedeutet aber, dass die 30-Jährige auch die WM 2027 verpassen wird.
"Wir halten die in diesem Sanktionsbescheid beantragte Sperre von zwei Jahren weiterhin für nicht gerechtfertigt", sagte DSV-Vorstand Stefan Schwarzbach vor dem Olympiaauftakt. Deshalb haben Carl und der DSV den Fall vor das Deutsche Sportschiedsgericht gebracht. Ziel: eine kürzere Sperre, womöglich 18 Monate, wie einst bei der Norwegerin Therese Johaug.
Es könnte auch ganz bitter enden
Aber auch das Gegenteil ist möglich: Sollte das Schiedsgericht der NADA-Linie folgen und zwei Jahre Sperre verhindern, könnte die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA eingreifen. Diese bewertet Clenbuterol als "nicht spezifische Substanz", der Nachweis führt in der Regel zu einer Sperre von vier Jahren.
Olympia 2026 ist für Carl futsch. Ist es auch ihre gesamte Karriere? "Wir müssen die Entscheidung nun abwarten - in der Hoffnung, dass es zeitnah zu einer Klärung kommt", sagt Schwarzbach zumindest mit Blick auf die deutsche Schiedsentscheidung. Jedenfalls: "Die Situation ist für alle Beteiligten nach wie vor nicht einfach. Insbesondere für Vici." Da hilft auch der Traum in Weiß nur kurz.