Olympia

Thriller, Coup, Olympia-Wunder DEB-Helden machen Wahnsinn zur Methode

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Golden Goal: Patrick Reimer entschied den deutschen Eishockey-Krimi gegen Schweden.

(Foto: imago/Bildbyran)

Sie malochen, sie checken, sie werfen sich in jeden Schuss - und dann dürfen die deutschen Eishockey-Helden gegen Schweden tatsächlich den größten Olympia-Erfolg seit 42 Jahren feiern. Nun fühlen sie sich bereit für "alles".

Franz Reindl lehnte sich lässig an eine Absperrung in der Mixed Zone und hörte einfach nur zu. Immer wieder nickte er. Immer dann, wenn sein Bundestrainer Marco Sturm einen Satz beendet hatte. Der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes genoss einfach den Moment. Still und für sich. Gar nicht so leicht, denn nicht weit weg, nur wenige Meter entfernt, waren immer lauter werdende Schreie zu vernehmen. Das deutsche Eishockey-Glück musste einfach herausgebrüllt werden in immer kürzeren Intervallen, es war ja auch ein großes Glück. Mit 4:3 nach Verlängerung hatte das DEB-Team tatsächlich Weltmeister Schweden besiegt und in einer irren Viertelfinalschlacht den größten olympischen Erfolg seit 42 Jahren gefeiert.

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Den Jubel mit der Fahne müssen die DEB-Cracks noch üben.

(Foto: REUTERS)

Damals war's gewesen, 1976 im österreichischen Innsbruck, als Deutschland zuletzt eine Medaille bei Winterspielen gewonnen hatte, es war eine aus Bronze. Eine von bislang nur zwei Olympia-Medaillen überhaupt, die andere Bronzeplakette hatte es 1932 in Lake Placid gegeben. Es sind Zahlen, die den Sieg über Schweden als historischen Erfolg einzuordnen helfen, als Geburtsstunde neuer deutscher Eishockey-Helden. "Aus der Ferne betrachtet", so urteilte Reindl, 1976 übrigens als Aktiver dabei, " ist dieser Sieg gegen Schweden mehr als eine Sensation." Reindl reagierte trotzdem ähnlich enthusiastisch auf die Sensation wie ein Durchschnittskoreaner auf Skispringen. Ekstase beim Boss? Fehlanzeige.

Laut, wild, intensiv

Die hatten aber ohnehin schon die Spieler übernommen. Nach einem zähen Moment des Kauerns und Wartens, den der Hauptschiedsrichter Mark Lemelin am Videobildschirm brauchte, um das "Golden Goal" von Patrick Reimer anzuerkennen, brach es aus dem Team heraus. Laut, wild, intensiv. "Der Referee hat es sehr dramatisch gemacht", befand Bundestrainer Sturm zu den quälenden Sekunden bis zur olympischen Erlösung.

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Dieses Warten, diese Ungewissheit, es war der passende Höhepunkt eines Eishockeyspiels, an dessen Spannungsbogen auch Freunde der aristotelischen Dramentheorie ihre helle Freude gehabt hätten. Die Deutschen hatten sich nach dem "geordneten Gewaltakt" gegen die Schweiz die Chance zur Geschichtsschreibung gegen die Schweden erarbeitet. Und sie waren bester Stimmung, das historische Kapitel schreiben zu können - trotz der 0:1-Pleite gegen Schweden im zweiten Vorrundenspiel des olympischen Turniers. Denn diese Pleite hatte Mut gemacht - weil jeder im Team gemerkt hatte, da wäre mehr möglich gewesen.

Nur: Zu sehen war davon auf deutscher Seite zunächst gar nichts. Mit Beginn des Olympia-Viertelfinals taumelte das Sturm-Team in ein schwedisches Schlagschussgewitter. Von links, von rechts, von der blauen Linie, aus der Box - der Puck flog im wilden Akkord auf das Gehäuse von Goalie Danny aus den Birken. Der parierte mit allem, was er hatte, mit Schoner, Stock, Fanghand.

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Viel beschäftigt: DEB-Keeper Danny aus den Birken.

(Foto: imago/Bildbyran)

Die Null hielt aber nicht nur hinten, sondern ganz lange auch vorne. Bis zur - Obacht - elften Minute dauerte es, ehe der schwedische Keeper Viktor Fasth den ersten deutschen Schuss auf seinen Kasten bekam. Eine harmlose Torannäherung, der aber rasch ein zweiter Schuss folgte, dann ein dritter - der plötzlich drin war.

Ein Schlenzer von Christian Ehrhoff, der noch am Vortag vom Schweizer Cody Almond so brutal gegen den Kopf gecheckt worden war, schlug im schwedischen Tor ein. 1:0 für Deutschland - ein Überraschungsergebnis, das nur 29 Sekunden überdauerte. Denn dann schlug es wieder ein und wieder hinter Fasth. Diesmal hatte ihn Marcel Noebels überwunden und den deutschen Doppelschlag aus dem Eishockey-Nichts perfekt gemacht. "Diese Führung", fand Kapitän Marcel Goc hinterher, "war sicher einer der Schlüssel."

"Haben gefightet und gefightet"

Den zweiten fand der überragende DEB-Goalie aus den Birken: "Die Jungs haben Kopf und Kragen riskiert. Sie sind alle Heroes. Wie die sich in die Schüsse geworfen haben, unglaublich." Auch für die Schweden. Die spielten schnell, phasenweise auch richtig schön, wütend, aber sie waren genervt. Genervt von diesen blockenden, giftigen Deutschen, die einfach keinen Zentimeter Eis ohne Gegenwehr hergeben wollten und bis ins Schlussdrittel ihre 2:0-Führung verteidigten.

"Die Jungs haben gefightet und gefightet. Sie haben sich diesen Sieg absolut verdient", lobte Sturm. Denn im dritten Drittel bissen sich seine Spieler in eine plötzlich enthemmte Partie zurück, die zu kippen droht. In Minute 47 versenkte der Schwede Anton Lander einen Abpraller zum 1:2. Der Anfang vom Ende des deutschen Glücks? Die Antwort gab nicht mal eine Minute später Dominik Kahun, der nach einer feinen Einzelleistung den Zwei-Tore-Vorsprung wieder herstellte. Die Vollendung des deutschen Eishockey-Glücks?

Nein, denn erst verkürzte Patrik Hersley (51.), dann egalisierte Mikael Wikstrand (52.), aus dem deutschen 3:1 wurde binnen Sekunden ein 3:3. "Als ich nach dem Ausgleich auf den Videowürfel geguckt habe und gesehen hatte, dass noch knapp neun Minuten zu spielen waren, da ging's mir schlecht", erklärte Kahun. "Aber in der Overtime, da waren wir wieder eiskalt." Wie schon gegen die Schweizer, als die Entscheidung bereits nach 26 Sekunden gefallen war. Wie schon gegen Norwegen, als man im Penaltyschießen triumphiert hatte. Der Olympia-Wahnsinn wird für das DEB-Team zur Erfolgsmethode.

Warten auf das "Good goal"

Gegen Schweden dauerte es fast anderthalb Minuten. Patrick Reimer eroberte den Puck an der Bande, setzte sich mit einer feinen Finte vom Gegenspieler ab, fuhr vors Tor, traf, wartete, jubelte, wartete, bangte - und feierte dann nach dem Schiedsrichterentscheid auf "Good goal" tatsächlich mit seinen ekstatischen Teamkollegen den Einzug ins olympische Halbfinale.

"Das ist ein echt großes Wort", schwärmte Bundestrainer Sturm, "ich bin einfach nur stolz. Aber für uns ist nicht Schluss. Wir wollen unseren Weg weitergegen. Wir sind bereit." Bereit für Kanada, den Titelverteidiger und Gegner im Halbfinale am Freitag. Ein Sieg im Halbfinale, es wäre der größte Erfolg der Verbandsgeschichte. Und Franz Reindl dann vielleicht so emotional wie der Durchschnittskoreaner beim Shorttrack.

Quelle: n-tv.de

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