Ski-Dominatorin wirft Gold wegDas olympische Drama lässt US-Superstar Mikaela Shiffrin nicht los

Emma Aicher verpasst erneut nur minimal Gold bei den Olympischen Spielen. In der Team-Kombination scheint der Titel schon vor dem Wettbewerb vergeben. Doch wieder einmal erlebt US-Superstar Mikaela Shiffrin ein olympisches Drama.
Mikaela Shiffrin hatte nicht viel Vorsprung. Nur 0,06 Sekunden waren es für die beste Slalomfahrerin der Welt. Ihre Teamkollegin, die Abfahrts-Olympiasiegerin Breezy Johnson, hatte vorgelegt. Wie schon am Sonntag war sie auf der "Olimpia delle Tofana" die Schnellste gewesen. Johnson hatte Shiffrin diesen Hauch für die zweite Disziplin der Team-Kombination am Vormittag herausgefahren. Für eine Shiffrin, für die wieder einmal mit gigantischem Abstand beste Fahrerin der Saison, sollte das keine Hypothek in ihrer Lieblingsdisziplin sein. Doch Weltcup ist Weltcup, Olympische Spiele sind Olympische Spiele. Und der Schatten von Peking, von den Drama-Spielen, lastet weiter schwer auf den Schultern der erfolgreichsten Skifahrerin aller Zeiten.
108. Weltcups hat sie gewonnen. Sie ist achtfache Weltmeisterin und zweimal auch schon Olympiasiegerin. Wenn sie Slalom fährt, dann teilt sich die Konkurrenz meistens in zwei Wettbewerbe auf. In Shiffrin und in den Rest der Welt. Nun stand sie in Cortina am Start. Eigentlich hatte sie diese Kombination mit Lindsey Vonn fahren wollen. Es wäre das denkbar spektakulärste Duo gewesen. Doch Vonns Karriere war am Sonntag zu Ende gegangen. Nach einem schrecklichen Sturz, der eine schwere Beinverletzung zur Folge hatte. Shiffrin, elf Jahre jünger als die 41-jährige Vonn, ist noch nicht am Ende ihrer Karriere. Aber sie scheint tief gefangen in ihrem olympischen Drama. In Peking ging sie sechsmal an den Start, dreimal schied sie aus, dreimal verpasste sie eine Medaille.
Sie fällt immer weiter zurück
In Cortina wollte sie diesen Schatten abschütteln. Shiffrin stieß sich in den Kurs, aber die Slalom-Göttin wirkte seltsam gehemmt. Schon nach 13 Fahrsekunden hatte sie 0,11 Sekunden Rückstand. Im Hundertsel-Krimi um die Medaille lag sie da schon auf Rang drei, hinter den führenden Österreicherinnen und hinter dem abermals sensationell gefahrenen Ski-Juwel Emma Aicher mit ihrer Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann. Shiffrin fand keine enge Linie, keinen Flow. Hundertstel um Hundertstel verlor sie. 0,31 Sekunden standen im Ziel als Rückstand. Es war nicht Gold, nicht Silber, nicht Bronze.
Es war Blech, um 0,06 Sekunden. Im siebten Olympia-Rennen in Serie blieb die wohl größte Dominatorin, die dieser Sport je gesehen hat, ohne Medaille. Die Zuschauer im Zielraum der Tofana, überwiegend US-Amerikaner, staunten fassungslos. Shiffrin war es auch. "Breezy hatte es so sehr verdient, mit der nächsten Medaille hier rauszugehen", sagte sie. "Ich muss jetzt analysieren, wie ich mich auf der Piste wohler fühle. Mehr kann ich nicht machen. Die Leute werden ohnehin ihre Einschätzungen abliefern."
Was war Shiffrin da nur wieder widerfahren?
Der geschlagene Superstar drehte sich fassungslos zur Anzeigetafel um. Als wollte sie bestätigt bekommen, dass die kleine Anzeige vor ihr irrte. Das tat sie nicht. Das haushoch favorisierte Duo lag sogar noch hinter ihren US-Kolleginnen Jaqueline Wiles und Paula Moltzan. Sofort kam Breezy Johnson zu Shiffrin geeilt. Sie spendete ihr Trost. Der Superstar schloss die Augen und drückte sich ein "Sorry" über die Lippen. Sie war in diese Saison gestartet, "um Frieden mit Olympia" zu schließen. Das hatte sie vor dem ersten Rennen der Saison gesagt. Die psychisch verwundbare Shiffrin, die noch immer mit dem Tod von Vater Jeff im Februar 2020 zu kämpfen hatte, verließ China damals als seelisch tief erschütterte Frau.
Peking nicht als Angstfaktor
Mit den Winterspielen, in der Wahrnehmung ihrer US-amerikanischen Öffentlichkeit das wichtigste Ereignis für Wintersportler, verband die 30-Jährige seitdem eher eine Art Hassliebe. Sehr zu ihrem Missfallen, nun, da im Februar die Spiele von Mailand und Cortina d'Ampezzo näherrücken. "Ich möchte nicht, dass Peking der Grund ist, warum ich Angst vor Olympia habe. Und in den letzten Jahren war es ein bisschen so", bekannte sie noch im November.
Immerhin: Die Angst war ein kleiner geworden. In den Tagen vor ihrem ersten Rennen strahlte sie eine bemerkenswerte Selbstsicherheit aus. Es war die Selbstsicherheit, mit der sie in dieser Saison die Skiszene in zwei Welten geteilt hatte. Und jetzt das. Ihr Lauf war, gemessen am eigenen Anspruch, ein Desaster. Sie fuhr nur die 15. Zeit im Slalom. Sie wurde von Fahrerinnen geschlagen, deren Namen nur Experten kennen. Auf Aicher hatte sie über eine Sekunde Rückstand, bei einer Fahrzeit von nicht mal 45 Sekunden.
Als sie dann an diesem Dienstag da unten im Auslauf stand, geschlagen und auf den Blechrang verwiesen, sagte sie über die Erinnerung an Peking: "Es ist unmöglich, vergangene Dinge einfach zu ignorieren." Doch dann blickte sie nach vorn: "Aber heute war ich so glücklich, im Hier und Jetzt zu sein, an diesem Ort zu sein und mein Bestes zu geben. Es geht um die Aufgaben, die jetzt oder in unmittelbarer Zukunft zu bewältigen sind. Ich weiß, dass ich mich auf diesem Kurs unter diesen Gegebenheiten verbessern kann. Das kann ich für die nächsten Rennen mitnehmen."
Die nächste Chance auf eine Medaille für Shiffrin bietet sich am Sonntag, dem 15. Februar 2026, im Riesenslalom. Auf den Tag genau acht Jahre nach ihrer letzten Goldmedaille bei den Winterspielen in Pyeongchang 2018, damals ausgerechnet im Riesenslalom. Emma Aicher, ihre aufstrebende deutsche Widersacherin, war damals gerade einmal 14 Jahre alt.