Drittes Gold für von Allmen "Der absolute Wahnsinn" stellt Ski-Superstar in den Schatten
Von Anja Rau
Wo Franjo von Allmen antritt, wird ihm am Ende die Goldmedaille umgehängt. Bei den Olympischen Winterspielen räumt der Schweizer auf der Skipiste alles ab. Damit degradiert er den eigentlichen Dominator Marco Odermatt zur Nebenfigur. Der weiß nicht so recht, ob er trauern oder sich doch freuen soll.
Franjo von Allmen lebt dieser Tage auf der Sonnenseite des Lebens. Sinnbildlich gesprochen, an diesem Mittwoch aber auch ganz wortwörtlich. Der Schweizer sitzt beim Super-G schon seit einer kleinen Ewigkeit neben dem Zielauslauf in der Sonne und wartet. Wieder einmal. Es ist das beste Warten, das es für einen Sportler geben kann. Denn von Allmen sitzt auf dem Stuhl des Führenden.
Nach einiger Zeit greift er zur Sonnencreme und schmiert sein Gesicht ein. Sicher ist sicher, er wird noch einige Zeit weiter dort sitzen. Wenn die Kamera auf ihn gerichtet ist, hebt er die Hände, zuckt mit den Schultern. Fast entschuldigend, mindestens selbst überrascht von seiner Leistung. Diese Winterspiele, die für die Skirennfahrer in Bormio stattfinden, formt er immer mehr zu den Von-Allmen-Spielen, zu seinen Spielen. Und lässt dafür seinen Landsmann Marco Odermatt, dem diese Rolle eigentlich zugedacht war, zum Nebendarsteller werden.
Von Allmen gewinnt seine dritte Goldmedaille dieser Winterspiele. In drei Wettbewerben. Etwas anderes außer Gold kann der 24-Jährige offensichtlich nicht, was er anpackt, wird einfach zu Gold. Wie im Märchen. "Diese Medaille ist nicht nur für mich, sondern auch für die Leute, die hinter mir stehen. Meine Familie, das Team, Physio, Konditionstrainer, meine Freunde, die mich fast immer im Rennen unterstützen kommen", sagt er in der ARD.
"Es fühlt sich an wie ein Traum"
Es begann alles mit der Abfahrt, es war die erste Medaillenentscheidung überhaupt dieser Spiele. Odermatt war angetreten, um Gold zu gewinnen. Sein Teamkollege aber pulverisierte seine Laufzeit, nahm ihm 0,7 Sekunden ab. Eine kleine Ewigkeit im Hochgeschwindigkeitssport. Odermatt blieb nur der vierte Platz. Neben dem Podium.
Es folgte die Team-Kombination. Zwar war Odermatt dort auf der Abfahrt 0,14 Sekunden schneller als von Allmen. Weil aber dessen Teamkollege Tanguy Nef die schnellste Slalom-Zeit der Konkurrenz auf die Piste zauberte und Odermatts Partner Loic Meillard heftig patzte, bekam von Allmen zum zweiten Mal Gold umgehängt. Er kann es kaum glauben: "Es fühlt sich an wie im Traum. Wenn ich in der Kombination nicht liefere, liefert der Slalom-Typ für mich. Dreimal Gold, das ist der absolute Wahnsinn", erinnert er sich nach seinem jüngsten Coup an die Entstehung des Kombi-Golds.
Für Odermatt blieb im Teamwettbewerb immerhin Bronze. So wie ihm nun auch im Super-G Bronze bleibt. Nur Bronze für den Überflieger, den Gesamtweltcupführenden dieser Saison, den Abfahrts-Weltcupführenden dieser Saison, den Super-G-Weltcupführenden dieser Saison, den Riesenslalom-Weltcupführenden dieser Saison. Auf dem Weg zu den Olympischen Winterspielen ist der 28-jährige Odermatt das Maß der Dinge. In Italien aber, ausgerechnet beim Saisonhöhepunkt, drängelt sich sein Teamkollege vor.
Odermatt schrammt am zweiten Mal Blech vorbei
Es scheint, als läuft es für von Allmen von selbst. Als er im Super-G mit Startnummer sieben auf die Piste geht und nach 1:25,32 Minuten die Führung übernimmt, steht Odermatt noch oben. Er ist drei Fahrer später dran. Klar ist schon vorher, die Piste wird nicht besser. Odermatts Lauf zeigt das: Ohne ersichtliche Fehler ist er 0,28 Sekunden langsamer als sein Landsmann. "Umso früher, umso besser war es heute", sagt Odermatt nach dem Rennen in der ARD.
Er will das aber nicht als Ausrede gelten lassen. "Ich wollte schon Gold heute, das ist klar. Aber wenn man schlussendlich drei Hundertstel vor dem Vierten ist, muss man sehr glücklich und zufrieden sein. Bronze ist eine Medaille bei Olympischen Spielen, da muss immer viel zusammenpassen." Lange müssen von Allmen, Odermatt und auch der Zweitplatzierte Ryan Cochran-Siegle aus den USA warten, ob nicht bei einem Fahrer doch noch alles besser zusammenpasst. Ob noch jemand schneller ist und ihnen die Medaillen klaut.
Einzig, es kommt niemand. Niemand aus der starken österreichischen Phalanx um den Super-G-Weltcup-Zweiten Vincent Kriechmayr, keiner der italienischen Lokalmatadoren. Erst recht nicht der Deutsche Simon Jocher, der 17. wird oder dessen Teamkollege Anton Grammel, für den dessen Hauptwettbewerb, der Riesenslalom, erst am Samstag ansteht.
Und so schafft von Allmen mit dreimal Gold aus drei Wettbewerben Historisches. Noch nie ist dies einem Schweizer Winter-Olympioniken gelungen. Das Triple bei ein und denselben Spielen hatten bislang nur der Österreicher Toni Sailer 1956 und der Franzosen Jean-Claude Killy 1968 gewonnen. Zudem ist von Allmen der erste Schweizer Super-G-Olympiasieger. Es sind Einträge in die Geschichtsbücher, die Odermatt angestrebt hatte. Er steht mit einem fairen, aber verständlicherweise etwas schiefen Lächeln daneben, wenn sein Teamkollege ein ums andere Mal brilliert.