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Olympia-Drama für Ski-SuperstarMarco Odermatt kann sich die ganze "Scheiße" nicht erklären

07.02.2026, 15:26 Uhr
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Marco Odermatt verlässt die Abfahrtsstrecke ohne olympische Medaille. (Foto: IMAGO/ABACAPRESS)

Nächste Enttäuschung für Marco Odermatt: Der Schweizer Ski-Gigant verpasst nach dem Sieg in Kitzbühel auch das ausgerufene Olympia-Gold. Ein Teamkollege rast ihm auf und davon. Zwei Italiener schubsen den Superstar gar vom Podest.

Um 11.51 Uhr hatte das Schicksal gnadenlos zugeschlagen. Um 11.51 Uhr flog Franjo von Allmen ins Ziel und zerstörte den Gold-Traum von Marco Odermatt. Der Schweizer Ski-Gigant hatte die Gold-Medaille ausgerufen. "Um nichts anderes geht’s", hatte der beste Skifahrer der Welt vor dem wilden Abfahrtsritt auf der Monster-Piste "Stelvio" in Bormio gesagt. Von Allmen drückte die womöglich beste Fahrt seines Lebens in den Schnee. Sieben Zehntel lag er vor seinem Nationalmannschaftskollegen. Das war eine Watschn, die richtig weh tat. Odermatt krampfte seinen Schmerz über die Niederlage in höflichen Applaus, mit geschlagenem Blick.

Doch das Schicksal war um 11.51 Uhr noch nicht fertig mit Odermatt. Ein paar Minuten später raste der Italiener Giovanni Franzoni ins Ziel. Er hatte ihn bereits in Kitzbühel vor wenigen Wochen geschlagen. Auch da war ein Traum des Dominators geplatzt. Doch so richtig bitter wurde es für den 28-Jährigen an diesem Samstag um 12.02 Uhr. Der italienische Bulle Dominik Paris schob sich auch noch an ihm vorbei. Odermatt, der Gold wollte, verpasste alle Medaillen. Er konnte es nicht fassen. Saß mit leerem Blick da, klatschte vor sich hin. Ein fairer Sportsmann ist er. Im Ski Alpin gibt es keine anfechtbaren Urteile. Wer schneller ist, war besser.

Von Allmen bangte um seine Karriere

An diesem Tag waren es drei. "Das ist schon Scheiße", sagte der beste Alpin-Sportler der Gegenwart danach. Rang vier sei "der blödeste Platz, den man bei Olympischen Spielen haben kann. Aber ich weiß nicht, wo ich hätte noch schneller fahren können." Er habe alles genauso gemacht, wie geplant, sagte er. Er war ratlos, richtig ratlos. "Wenn Franjo einen perfekten Lauf erwischt, dann ist es aber eben auch richtig schwer, ihn zu schlagen." Nahezu unmöglich sogar.

Da waren sie also, die drei, die den Dominator von Gold zu Schrott schubsten. Der verrückte von Allem, der im vergangenen Jahr Weltmeister war, dessen Karriere-Fortsetzung nach dem Tod des Vaters vor einigen Jahren am seidenen Faden hing. Erst eine Crowd-Funding-Aktion sicherte ihn finanziell so ab, dass er mit dem Skifahren weitermachen konnte. Schneller als Odermatt war auch das herausragende italienische Skitalent Franzoni, das seit Wochen die Last seines verstorbenen Teamkollegen Matteo Franzoso schultert. Und Paris, der Rekordsieger in Bormio (sechs Mal), der sich auf den letzten Metern seiner großen Karriere tatsächlich noch seine erste Olympia-Medaille sichert. In seiner Heimat. Was für eine emotionale Geschichte für den 36-Jährigen.

Die Medaillengewinner konnten ihr Glück allesamt nicht fassen, Odermatt sein Drama nicht erklären. "Das fühlt sich an wie im Film", stammelte von Allmen nach seinem Coup. "Das fühlt sich nicht echt an." Er könne "gar nicht sagen, was mir das bedeutet." Franzoni spürte ebenfalls einfach nur "unglaubliche Gefühle". Sein Winter hatte mit dem tödlichen Sturz seines Trainingskollegen und Kumpels Matteo auf die denkbar schlimmste Weise begonnen - sportlich aber könnte es in dieser Saison kaum besser laufen. Paris, der womöglich nach dem Winter Schluss macht, wollte diesen "ganz besonderen" Moment nur genießen.

Der Österreicher Daniel Hemetsberger hatte die Abfahrt eröffnet. Mit einer starken Fahrt, mit einer starken Zeit. Was für eine kaum zu fassende Leistung des Hünen, der im Training hart gestürzt war. Er war gegen ein Tor geknallt und hat seinen Helm verloren. Sein linkes Auge war dunkelblau angelaufen, Pflaster klebten auf Nase und Backe, zudem hatte er noch einige Zähne verloren. Nun tat er, als sei nichts gewesen. Auf der "Stelvio" besteht man eben nur, wenn man alles vergisst. Stürze und den Gedanken daran, was anderen Fahrern hier schon passiert ist. Cyprien Sarrazin etwa, der kurzzeitig um sein Leben fürchten musste. Der Norweger Adrian Smith Sejersted hatte vor dem Rennen gesagt, dass man in Bormio nur erfolgreich sein könne, wenn man um sein Leben fährt.

Überraschungssieger? Ausgeschlossen

Es sind martialische Sätze, die aber die Realität der Fahrer sind. Nur wer Kraft, Mut und Technik perfekt zusammenbringt, der ist vorne. So war auch von vorneherein klar, dass es auf einer der schwersten Strecken der Welt keinen Überraschungssieger geben könne. Von Allmen war's nicht. Der Erste, der Hemetsberger schlagen konnte, war Alexis Monney, der Schweizer mit der Nummer sechs. Mit ihm war das Spektakel eröffnet. Es folgte Odermatt. Ihm gelang im oberen Bereich eine überragende Fahrt, die ersten Schlüsselstellen Salto della Rocca, den Felsensprung, die Sertorelli-Rinne, eine Diagonale, in der hohe Geschwindigkeiten erreicht werden, und dann die Ermellini-Kurven, erwischte er nahezu perfekt. Er lag klar von seinem Teamkollegen, doch dann verlor er. Im Ziel lag er trotzdem vorne. Aber Odermatt merkte sofort: Das wird nicht gereicht haben für seinen Traum.

Und wie schnell alles platzte, von Allmen kam direkt nach ihm. In vier von sechs Sektoren lag er vorne, zweimal nur minimal hinten. Das reichte, um sich die sieben Zehntel herauszufahren. Er lächelte. Er jubelte. Er wusste, häufig wird er nicht mehr zittern müssen. Vincent Kriechmayr hatte gute Moment, lag am Ende aber deutlich zurück. Dann kamen die Italiener, Franzoni und Paris, es wurde knapp, aber kein Hundertstel-Krimi. Am Ende trennten Gold und Silber zwei Zehntel.

In Bormio waren nur 36 Fahrer an den Start gegangen. So wenige wie noch nie bei einer olympischen Fahrt. Das hatte im Vorfeld für Ärger gesorgt, besonders im deutschem Team. Ihnen stehen nur fünf Männer-Startplätze bei den Winterspielen zu - weil die Platzierungen in diesem Winter zu schlecht waren, aber auch wegen vieler Startplätze für kleine Nationen. Der Versuch, den in Kitzbühel plötzlich überraschend starken Luis Vogt (8.) nachzunominieren, wurde vom IOC abgelehnt. Kritiker sehen darin eine Unterhöhlung des Leistungsprinzips. So ging mit Simon Jocher nur ein DSV-Fahrer an den Start, er fuhr auf Platz 21 ein.

Quelle: ntv.de, tno

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