So sieht die Zukunft ausDie spektakulären Olympia-Stars, die niemand kennt

Sie sind die unbekannten Stars der Olympischen Winterspiele: Drohnenpiloten und ihre Teams liefern den TV-Zuschauern spektakuläre Bilder. Vor allem die Geschwindigkeit wird erlebbar. Doch wie arbeitet ein Drohnen-Pilot?
Am höchsten Punkt der olympischen Biathlon-Strecke beginnt der Flug der Drohne. Von einem kleinen Spot mit Sonnenschirm und Campingstuhl fliegt das kleine Hightechgerät los. Gerade mal so schwer wie ein Paket Butter, gerade mal groß wie ein Camcorder - Ältere werden sich erinnern. Angetrieben von vier Propellern saust die Drohne hinter den Athleten her.
Drei Minuten hat Pilot Alex Andy Zeit, in denen er eine "gute Story" erzählen will. Danach muss die Drohne wieder an seinem Spot gelandet werden. Akkuwechsel, kurz durchschnaufen, dann wieder bereit machen: Echtzeit-Kamerabrille auf, Steuerung in die Hand, nächste Story erzählen.
Was ist im Biathlon eine gute Story? Das muss Alex Andy in jeder Runde, vor jedem Flug neu herausfinden. Er tut das nicht alleine - das geht gar nicht. Als Pilot kann er zwar kreativ fliegen, kann die Athletinnen und Athleten die rasanten Abfahrten hinunter in die stimmungsvolle Arena begleiten, mit ihnen auch zwei kleine Anstiege hinaufflitzen. Aber um wen er sich dabei im Bild kümmern soll, filtert Andy aus dem "Chaos" auf seinem Ohr heraus.
Filterarbeit im Funk-"Chaos"
Auf zwei Kanälen empfängt er alle relevanten Informationen. Die wichtigsten Männer an seiner Seite sind der Chef der Weltregie, des World Feed, und sein Spotter. "Für einen Außenstehenden würde sich der Funkverkehr wie Chaos pur anhören", sagt der professionelle Drohnenpilot aus Freiburg im Gespräch mit ntv.de. Aber mit ein bisschen Übung filtert er alles Relevante für sich heraus. Relevant sind Informationen von seinem Spotter, der nicht nur mögliche Hindernisse und Gefahren für die Drohne im Blick hat, sondern auch das Renngeschehen. Aus der Regie hört Pilot Alex Andy, was er dem "Weltbild" liefern soll.
Erstmals werden bei den Olympischen Spielen First-Person-View-Drohnen eingesetzt. Sie liefern einmalige Bilder, die die einzelnen Sportarten viel nahbarer machen. Es ist ein Blick in Zukunft, eine kleine Vision von dem, was kommen wird. Bis auf die Wettkämpfe im Eishockey, Eiskunstlauf und Curling kommen die Drohnen überall zum Einsatz. Insgesamt sind es 15 an allen Standorten.
An der Biathlon-Strecke sind es zwei, die der 34-Jährige und sein Team fliegen. Die kleine, leichte Flugdrohne und eine deutlich größere, schwerere. Diese liefert andere Bilder und fliegt nicht hinter den Athletinnen und Athleten her. Sie zeigt die Abstände der Sportlerinnen und Sportler auf der Strecke oder die imposante Schönheit der riesigen Arena, die in diesen olympischen Tagen nach tüchtigen Schneefällen winterlich weiß daherkommt. "Das sieht schon cooler aus als grüne Hänge drumherum", sagt der Pilot.
Kein Flug über Zuschauer oder Athleten
Alle Flugrouten sind zentimetergenau geplant, sodass kein Flug über Zuschauer oder Athleten führt. Während die kleine Drohne auf der Strecke unterwegs ist, fliegt die große neben der Arena entlang. Sie wird von zwei Leuten bedient: von einem Piloten und einem Kameramann, der sich um die bewegliche Optik kümmert.
Die Olympischen Spiele sind nicht nur in den Arenen ein ständiges "Höher, schneller, weiter". Auch technisch bringen die Spiele eine ständige Weiterentwicklung, ein Vordringen in Bereiche, die noch vor Jahren unvorstellbar waren. Wie bei einem Computerspiel wird der Zuschauer aktiv in den Wettkampf hineingezogen. Das schafft Couch-Adrenalin.
Für die Drohnen gibt es strenge Protokolle. Vor dem schönen Bild steht die Sicherheit. Noch immer ist vielen der Absturz des gigantischen Apparats im Kopf, der vor gut zehn Jahren in einem Nachtslalom beinahe auf Ski-Superstar Marcel Hirscher gekracht wäre. Aber mit diesem "Monster" von damals hat die aktuelle Drohnengeneration nichts mehr zu tun. Sie sind leicht, wendig, schnell. "Ein Limit für Geschwindigkeiten gibt es eigentlich nicht", sagt Andy. Bis zu 170 Kilometer pro Stunde sind kein Problem.
Exakte Streckenkenntnisse dringend nötig
Er selbst ist diese Highspeed-Drohnen schon geflogen. "Ich habe mal ein paar Jungs beim Wingsuit-Fliegen begleitet, das war schon ganz schön schnell und wild." Auch beim alpinen Skifahren und beim Rodeln war er schon im Einsatz - nicht bei den Olympischen Spielen, sondern bei anderen Wettkämpfen und Testevents im Eiskanal.
Im Eiskanal zu fliegen, das sei schon eine riesige Herausforderung. "Da musst du die Strecke in- und auswendig kennen, jede Kurve, jede Exitmöglichkeit." Wie ein Skifahrer vor den Rennen muss man den Weg blind nachvollziehen können. Die Schwierigkeit neben der Highspeed-Verfolgung der Sportlerinnen und Sportler ist die Architektur der Bahnen. An der einen Seite ist die Bahn, oben ist oft ein Dach, dazu kommen Streckenbegrenzungen. Für den Fall, dass etwas passiert, muss man jeden erdenklichen Ausweg kennen. Für die perfekten Streckenkenntnisse ist ein Training vor Ort unverzichtbar.
Was die Drohne beim Biathlon erzählt
Die Faszination des Drohnenflugs beim Biathlonsport ist eine andere: Es ist die Story, die erzählt werden will. Ein Überholmanöver, eine Attacke, die Einfahrt zum finalen Showdown oder einfach nur das Transportieren der Geschwindigkeit. "Wir versuchen, mit der Drohne ganz tief zu fliegen, bis auf 50 Zentimeter runter, um den TV-Zuschauern zu zeigen, wie schnell auch Biathlon ist." Die große Kunst dabei ist, die Distanzen richtig einzuschätzen. In der Abfahrt sind die Sportler mit hohem Tempo unterwegs, wenn es dann aber bergauf geht, kommt es zum krassen Tempowechsel.
Wichtig für Alex Andy und die anderen Drohnenpiloten: Sie bleiben immer hinter den Sportlern, außerhalb des Sichtfelds. Denn was sie nicht wollen, ist, die Athleten abzulenken. Sie sollen die Drohne nicht sehen, nicht hören. Sollte es mal zu einem Sturz kommen, dreht die Drohne sofort ab. Dafür gibt es ebenfalls strenge Sicherheitsprotokolle. Erst geht es nach oben und dann zur Seite. An der Sturzstelle verweilt der Pilot mit seinem Fluggerät nicht. "Das ist nicht unsere Aufgabe, dafür gibt es dann andere Kameras, die das einfangen können, wenn es relevant ist."
Relevant wurde in den Olympia-Tagen beim Thema Drohneneinsatz aber nicht nur der unstrittige Mehrwert der Bilder, es wurde auch viel über das Surren diskutiert. Nicht jeder konnte sich mit diesem Geräusch anfreunden. Das ist ein Thema, das bei Yiannis Exarchos, dem Chef des Olympic Broadcasting Services (OBS), sehr gut angedockt ist. Er sagte im Verlauf der Spiele der Deutschen Presse-Agentur, dass er sich vorstellen könne, künftig dank Künstlicher Intelligenz den Sound aus der Übertragung herauszufiltern. Genügend andere Tonquellen gebe es bei den Spielen ja schließlich. Er sprach von insgesamt 1800 Mikrofonen, die an den Wettkampfstätten verbaut sind.
Im absoluten Hightech-Sektor
Alex Andy, der Freiburger, der Wirtschaftsingenieurwesen zu Ende studiert hat, dann aber schnell merkte, dass ein Office-Job auf Dauer nicht das Richtige ist, hat sich schon früh dem Einsatz der Drohne im Biathlon verschrieben. Seine erste Drohne kaufte er 2014, nur für private Aufnahmen. Mittlerweile ist er im Hightech-Sektor unterwegs.
Gemeinsam mit Athleten testete der 34-Jährige früh, was mit den Fluggeräten möglich ist und was nicht. Das Potenzial der Drohnenbilder führte ihn weg von seinem ursprünglichen Plan hin zur Selbstständigkeit als Drohnenpilot und Kameramann. So lernte er als Autodidakt nicht nur das Handwerk, sondern beschäftigte sich auch mit dem Bau von Drohnen, die er für seine Arbeit braucht.
2018 arbeitete er erstmals für die Internationale Biathlon-Union und fand dort eine Leerstelle, die er erfolgreich besetzen konnte. Später kam dann das Broadcasting des IBU-Cups, der zweiten Liga unterhalb des Weltcups dazu, in der er den Drohneneinsatz vorantrieb. "Wir hatten nur wenige Kameras und ein kleines Budget, dann half uns die Drohne." Alex Andy pushte das Thema und fand immer mehr Zustimmung und Gefallen bei der IBU und bei den Fernsehsendern.
So führte ihn sein Weg auch zu Olympia, auf den Drohnenplatz unterhalb des höchsten Punkts der Strecke. Von dort aus erzählt er die Geschichten, die die Leute so faszinieren - Brille auf, Fernbedienung in die Hand und zurück ins geordnete Funk-"Chaos".